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Regional Dresden sagt Danke, Wolfgang Schaller!
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16:12 06.07.2019
Er wies immer die Richtung, auch wenn er und sein Ensemble manchen Umweg akzeptieren und absolvieren mussten auf dem Weg zum neuen attraktiven Spielort im Kraftwerk Mitte. Wolfgang Schaller hat als Intendant sein Theater über viele Jahre geführt, gelenkt und auch durch stürmische Zeiten geführt.. Quelle: Bernd Gorzel
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Dresden

Wenn es an diesem Sonntag in der Staatsoperette in einer besonderen Veranstaltung zum Ende der Intendanz von Wolfgang Schaller, nach 16 Jahren, heißt „Danke, Dresden!“, dann dürfte sicher klar sein, dass es ja eigentlich heißen muss „Danke, Wolfgang Schaller!“.

Mag aber gut sein, dass dieses Motto nicht zuletzt auf Schaller selbst zurück gehen könnte. An Witz und Hintersinn, mitunter auch nur stumm ausgedrückt mit einem Lächeln oder gar mit beredtem Schweigen, fehlt es diesem Mann – der eine treibende Kraft war, dass Staatsoperette (und Theater Junge Generation) im Kraftwerk Mitte über ein zentrales Kulturzentrum verfügen, das in seiner Art kaum vergleichbar sein dürfte – auf keinen Fall.

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Wolfgang Schaller vor der Staatsoperette Dresden. Quelle: Stephan Floß

Aber ganz sicher geht zum Abschied, nach 16 Jahren dieser Intendanz, bei Schaller der dankbare Blick viel weiter zurück. Alles hat seinen Ursprung in den Jahren der frühen kulturellen Erfahrungen in seiner Heimatstadt Schwerin, wo er 1951 geboren wurde und, wie er es nennt, in einem bürgerlichen musischen Haushalt aufwuchs. Der Vater Rudolf Schaller gehörte zu den wichtigen Shakespeare-Übersetzern, seine vor allem von den Theatern bevorzugten Arbeiten erschienen zunächst ab 1960 in der DDR, vier Jahre später in West-Berlin.

Wolfgang Schaller erhielt Klavierunterricht, sang im Schulchor, dann in einem Kammerchor und erinnert sich noch heute daran, wie sich für ihn musikalischen Welten eröffneten, als er zum ersten Mal Madrigale von Monteverdi sang.

Zudem war ja Schwerin, damals vor allem im Bereich des Sprechtheaters, gekrönt durch die Arbeit Christoph Schroths, ein Pilgerort für die Theaterfans der DDR. Für den Schweriner Glanz des Musiktheaters stehen Namen bedeutender Dirigenten wie Kurt Masur und Hartmut Haenchen, Sängerinnen wie Hanne-Lore Kuhse oder Ingeborg Zobel begannen hier ihre Karrieren.

Olivia Delauré

Olivia Delauré, Sängerin

“Herr Schaller hat es in seiner Intendanz geschafft, ein gut aufgebautes Ensemble um sich zu scharen. Daraus resultierten schöne Erfolge, der Mut zu Uraufführungen und nicht zuletzt der Umzug vom alten Standort in Leuben in das neu gebaute Theater im Kraftwerk Mitte. Ich wünsche Herr Schaller von Herzen alles Gute und viel Gesundheit.“

Und die Operette? „Die kam später dazu, in Berlin, während des Studiums im Fach Opernregie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler.“ Als Student ging er auch ins Metropoltheater, vor allem aber in die Komische Oper, sah hier noch Walter Felsensteins legendäre Inszenierung von Offenbachs „Ritter Blaubart“.

Dann gab es im Studium grandiose Lehrer, bei denen man das Handwerk lernte, immer mit dem Blick für die Weite des Horizontes der vielen Facetten des Musiktheaters. Dafür stehen die Namen von Gerd Rienecker, Hans-Jochen Irmer, Götz Friedrich oder Erhard Fischer in Berlin, später auch in Dresden, an der wieder errichteten Semperoper, Joachim Herz, bei dem Schaller in Berlin als Hospitant wesentliche Anregungen erhalten konnte, ganz obenan. Im Schauspiel prägten den Berliner Studenten die Arbeiten von Benno Besson am Deutschen Theater und Ruth Berghaus am Berliner Ensemble.

Und im dritten Studienjahr, am Theater in Eisleben, trat Schaller erstmals als Regisseur in Erscheinung. Keine Operette, dafür aber die leider viel zu selten gespielte Miniaturoper „Hin und Zurück“ von Paul Hindemith und dem Libretto von Marcellus Schiffer. Aus heutiger Sicht könnte man es vielleicht doch so sehen, dass hier eben genau jener Weg für ihn begann, der dann in Richtung Dresden führte.

Aber mit den ersten eigenen Operetteninszenierungen, „Der Bettelstudent“ in Rostock, „Paganini“ in Senftenberg, wurde auch klar für Schaller, dass er als Regisseur wohl doch noch nicht auf dem richtigen Platz für ihn im Theater sitze. In der Rückschau sagt er: „Meine Stärke liegt auf der anderen Seite.“ Er übernimmt 1982 die Stelle des Chefdisponenten an der Sächsischen Staatsoper und hat somit wesentlichen Anteil an der Neuausrichtung des Ensembles mit dem Umzug in die Dresdner Semperoper.

In der Rückschau sagt Schaller: „Jetzt wusste ich, das ist für mich okay, meine Stärke liegt auf diesem Gebiet, ich kann der Kunst dienen, ich kann die Strukturen für die Weite der Kretaionen öffnen.“ Und er fährt fort: „Ich bin kein Macher, ich schaffe den Raum und die Strukturen für die kreativen Möglichkeiten am Theater.“

Auch wenn zunächst im Anschluss an die Dresdner Zeit eine bittere Enttäuschung folgt, sind am Ende doch aller guten Dinge drei. Dass Schaller, als er 1999 die Intendanz des Theaters in Würzburg übernahm, eigentlich dieses Mehrspartenhaus in seiner Vielfalt so stark zurückfahren sollte, dass man schon von einer besonderen Art der Abwicklung sprechen konnte, machte er nicht mit. So ist letztlich seinem Widerstand mit der Beendigung der Intendanz das weitere Bestehen des heutigen Main-Franken-Theaters zu verdanken. In gewisser Weise wurde er dann ja auch für das Theater in Görlitz zum Retter in der Not. Aber in der Zeit seiner Intendanz, die 1994 begann, gelang es nicht nur dem östlichsten Musiktheater Deutschlands, mit einem starken Ensemble und geschickter Spielplankonzeption immer stärker auch überregional auf sich aufmerksam zu machen. Die ohnehin an besonderen Baudenkmalen reiche Stadt Görlitz konnte mit dem stilgerecht sanierten Zuschauerraum auch ihr Theater wieder als Schmuckstück präsentieren.

Axel Köhler

Axel Köhler, Sänger und Regisseur Quelle: Dietrich Flechtner

„Als ich 2015 von Wolfgang Schaller für den „George“ in LA CAGE AUX FOLLES“ eingeladen wurde, wusste ich noch nicht, dass mir drei sehr erfüllte und freudvolle Jahre bevorstanden in diesem wunderbaren Ensemble und diesem herrlichen neuen Haus, die von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit ihm geprägt waren. Sie zählen zu den schönsten Jahren in meiner Karriere und dafür bin ich ihm gegenüber voller Dankbarkeit.“

Ein bauliches Schmuckstück war dagegen die Dresdner Staatsoperette in Dresden nicht gerade, als Schaller hier am Stadtrand in Leuben vor 16 Jahren die Intendanz übernahm. Dass diesem besonderen Theater, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Traditionen Dresdner Unterhaltungskultur, ein Platz im Zentrum der Stadt gebühre, war ihm von Beginn an klar. Welche Widerstände ihm dabei begegnen würden, auch in der städtischen Kulturpolitik, konnte er nicht ahnen, vor allem für möglich halten – war doch sogar von Schließung des Hauses die Rede, von der irrsinnigen Idee, Staatsoperette und Staatsschauspiel zu verbandeln.

Dass die Zahl der Mitstreiter aber beständig wuchs und letztlich stärker und bei der Etablierung der Ideen auch pfiffiger war, bestärkte ihn. Also hieß es, erst einmal bewusst zu machen, welche Chancen diese Kunst der Unterhaltung überhaupt bietet, vor allem wenn man ihr leider recht schmal gewordenes Repertoire erweitert, besonders durch die grandiosen Werke jener Künstler, die seit 1933 im Zuge der rassistischen Kulturpolitik der Nazis verschwunden waren und auf keinen Fall in Vergessenheit geraten dürfen.

Also nahm Schaller im maroden Theater in Leuben Konzepte seines jüngst verstorbenen Intendantenvorgängers Fritz Wendrich auf und setzte auf die Erweiterung des Repertoires: Spieloper, Operette, Musical – und vor allem auf Entdeckermut, wenn es gerade bei den Musicals um Ur- oder Erstaufführungen ging. Er setzte natürlich auf publikumswirksames Theater, ihm war klar: „Wenn du das Haus leer spielst, baut dir keiner ein neues.“

Schaller spielte das Haus nicht leer, ganz im Gegenteil. Er setzte nicht nur auf Bewährtes, er ging in der Gestaltung des Spielplanes bewusst auf das unverzichtbare Stammpublikum zu, um es dann aber in gewonnenem Vertrauen mitzunehmen auf bisher unbekannteres Terrain. Und davon, das beweisen ja nicht nur die Einspielungen unbekannter Werke z.B. von Johann Strauss, tat sich eine weite Landschaft des unterhaltenden Musiktheaters auf.

Vor allem mit dem damaligen Chefdirigenten Ernst Theiss gab es höchst erfolgreiche Gastspiele in Hamburg oder München, vielbeachtete CD-Ersteinspielungen des speziellen Genres der Radio-Musiken aus der Blütezeit des Rundfunks oder eben der genannten wieder entdeckten Operetten.

Aber dann hätte es wohl kaum jemand verübelt, wenn es schon mal geheißen hätte: „Danke, Dresden, Danke!“ – als die Baugrube am Wiener Platz voller Wasser stand und dann klar wurde, dass dies kein Standort für die künftige Staatsoperette sei. Schaller warf sich erneut voll in den Kampf. An seiner Seite die immer größere Zahl der Mitstreiter, Oberbürgermeister Ingolf Roßberg und Oberbürgermeisterin Helma Orosz, Rainer Zimmermann aus dem Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sollen beispielhaft genannt sein. Nicht zu vergessen die Solidarität des Ensembles und dessen solidarischer Gehaltsverzicht.

Wolfgang Schaller grüßt Wolfgang Schaller

Wolfgang Schaller, Herkuleskeule Quelle: HL Boehme

„Als Wolfgang Schaller Intendant der Staatsoperette wurde, gratulierten mir viele Dresdner, dass ich nun nicht mehr nur so eine Kabarett-Kleinkunstbühne, sondern nun auch noch ein richtig großes Theater leiten würde. So gelangt man mitunter unverdient zu großer Achtung.

Nun hat mich wieder auf der Straße eine nette Dame angesprochen mit tiefen Bedauern, dass ich die Operette verlasse. Lieber Wolfgang Schaller: Ich danke Dir, dass ich durch Dich zun solchem Mitgefühl kam und gebe das hiermit an Dich, dem es gebührt, weiter. Danke. Du hast mir, der ich Operette gar nicht mochte, mit Deinem Ensemble zu großen Abenden in Deinem Haus verholfen.“

So grenzenlos wie die Solidarität war in der Rückschau auch die Diplomatie. Denn der jetzige Standort – ein „Kraftwerk der Gefühle“ in der örtlichen Korrespondenz zu den musikalischen Zentren des Nachwuchses, zu Schütz-Konservatorium und Hochschule für Musik, zum Theater Junge Generation, künftig auch einem alternativen Programmkino weiteren Räumen der Künste, also das Kraftwerk Mitte – war ja längst in den Hinterköpfen einiger Verantwortlicher dieser Stadt.

Nach der Eröffnung am neuen Ort im Dezember 2016 mag manche Glücksträne geflossen sein, bald aber auch solche der Verzweiflung, als im November 2017 ein Defekt der Löschanlage des neue Theater unter Wasser setzte, den Betrieb total unterbrach und dann erst wieder eingeschränkt möglich machte.

Aber jetzt, so Schaller mit gewohntem Optimismus, „haben wir alles wieder trocken gemacht, und was wir möglich gemacht haben, das kann sich sehen und hören lassen.“ Schon mit verständlichem Stolz verweist er gern in der Abschiedsbilanz auf zwei Musical-Uraufführungen im neuen Haus. Die Dresdner Erstaufführung des Musicals „Ein Hauch von Venus“ von Kurt Weill zum Ende seiner Intendanz sieht er schon als ein politisches Bekenntnis. Weill, von den Nazis 1933 vertrieben, kehrt zurück mit seinem erfolgreichsten Stück vom Broadway.

Also ein guter Anlass, am Sonntag, danke zu sagen. Danke, Dresden. Danke, Wolfgang Schaller. Danke auch an alle, die schon in den Startlöchern stehen, um mit voller Kraft und neuen Ideen den Weg weiterzugehen.

Von Boris Gruhl

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