Dresden: Stadt kündigt Mietvertrag für Theaterruine St. Pauli – wie geht’s jetzt weiter?
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Dresden: Stadt kündigt Mietvertrag für Theaterruine St. Pauli – wie geht’s jetzt weiter?

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09:00 12.08.2020
Die drei Sankt-Pauli-Protagonisten bangen um ihre Arbeit, ihre Spielstätte und ihren Verein: Astrid Rabe, Jörg Berger und Philipp Cronacher. (v.l.) Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Sie spielen, spielen und spielen. Bei Kälte, aber auch brütender Hitze den ganzen Sommer über – so wie am vergangenen Wochenende. 60 bis 70 Vorstellungen per anno absolviert der 70-köpfige Theaterverein St. Pauli im Dresdner Hechtviertel, seit 1999 eine fixe Größe auf der Neustädter Elbseite. Seit dem städtischen Umbau im Rahmen des jüngst vollendeten Sanierungsplans im unbeheizten Glashaus der Ex-Kirche sogar von April bis Oktober, also nicht nur während des ganzen Sommers.

Nun trotzen sie sogar tapferst Corona und den Löchern im lokalen Kultursommerkalender, auch wenn die beiden eigentlich geplanten Premieren 2020 aus Gründen ausfallen mussten und dafür seit Anfang Juli ein gelungener Liederabend namens „Sirene. Die TheaterRuine zeigt Stimme“ als Best-of-Version geboten wird, an dem sich die weit zaghafteren Profitheater der Stadt durchaus ein Beispiel nehmen können.

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Stesad hat Mietvertrag gekündigt

Das gesamte Programm – derzeit stehen sechs Stücke im Repertoire, das in der Regel über drei Jahre geht und somit jeweils 40 bis 70 (!) Aufführungen erlebt – ist sicher nicht generell künstlerisch höchste Kunst, aber oft witzig und so hingebungsvoll gemacht, dass man den Grundcharakter – nämlich Laientheater als soziales System in zunehmender städtischer Vereinsamung – rasch vergisst und gute Unterhaltung erfährt: ein Mikrokosmos im Hechtviertel, ein subkultureller Farbtupfer im großen Freizeitkanon des hochkunstfixierten Elbflorenz.

Bislang. Denn nächstes Jahr soll alles anders werden. Die Stesad hat am Montag per Einschreiben den Mietvertrag gekündigt, weil die Stadt plane, das „Objekt einer anders strukturierten Nutzung zuzuführen“. Per Neuausschreibung und Jury soll nun ein neuer Betreiber ab Januar gefunden werden, dem offenbar die bisherige institutionelle Förderung – derzeit magere 25 000 Euro pro Jahr – gleich mit anheim fallen soll. Was lange nur als Gerücht durch die Szene waberte, nimmt nun Gestalt an.

Und die Antworten aus der Kulturverwaltung auf DNN-Anfrage machen wenig Hoffnung auf eine Weiterarbeit des Vereins in der bisherigen Form. Die ausschlaggebenden Gründe seitens der Stadt dafür: Bereits 2014 wurde in einer Evaluation der institutionellen Kulturförderung, also einer sogenannten „Wirksamkeitsanalyse“, durch eine externe Fachjury festgestellt, dass die Theaterruine großes Potenzial besitzt, das auch in Anbetracht des akuten Raummangels freier Kulturinitiativen intensiver als bisher genutzt werden sollte. Darüber hinaus sei es ein attraktiver Spielort, der perspektivisch deutlich vielfältiger genutzt werden sollte.

Hartes Urteil und Neuausschreibung

Das Urteil aus dem Kulturamt ist hart: Seit der Überdachung des Gebäudes habe sich der Raum stark verändert, die künstlerische Entwicklung des St. Pauli Theatervereins stagniere hingegen. Das dreistufige Konzept sei seit 2015 mit dem Verein ohne erkennbaren Erfolg diskutiert wurden.

Wortwörtlich heißt es: „Die in den Jahren 2015 bis 2018 mit dem Verein durchgeführten Beratungen mit dem Ziel der Umsetzung dieser Empfehlungen müssen als erfolglos angesehen werden. In seiner Sitzung vom 05.11.2019 hat der Ausschuss für Kultur und Tourismus daher die Neuausschreibung der Betreibung der Sankt Pauli Ruine erneut thematisiert und die Verwaltung aufgefordert, diese vorzubereiten.“

Nun soll, noch im August oder im September, eine Ausschreibung für mögliche Interessenten für die nächsten fünf Jahre veröffentlicht werden und – auf Vorschlag der Verwaltung – die Eigentümerin Stesad GmbH mit dem im Verfahren ausgewählten Interessenten einen Mietvertrag ab 2021 abschließen. Die Entscheidung werde im Oktober 2020 von einer Jury getroffen, in der Stadtbezirksrat, Stadtrat, Stadtbezirksamt, Amt für Kultur und Denkmalschutz, die Stesad und die Facharbeitsgruppe Darstellende Kunst vertreten sind.

„Wir sind ratlos“

Intendant, künstlerischer Leiter und Regisseur Jörg Berger erklärt DNN im persönlichen Gespräch gemeinsam mit Astrid Rabe und Martin Rossmanith die Vereinssicht und seine Zweifel: „Wir sind ratlos. Wir wissen zwar, dass die Stadt unser Konzept nicht so will, aber wir wissen nicht, was sie stattdessen möchte.“ Und verweist auf die Fakten: „Wir machen mit 25 000 Euro Förderung rund 140 bis 150 Veranstaltungen pro Jahr und damit rund 100 000 bis 110 000 Euro Umsatz – und zahlen davon seit 2012 rund 50 000 bis 55 000 Euro Betriebskosten pro Jahr. Ich weiß nicht, wie ein künftiger Betreiber unter diesen Rahmenbedingen mehr Vielfalt bringen soll.“ Jeder, der wolle, könne hier auftreten, wenn es sich für ihn lohne. „Allein jetzt im August gibt es vier Gastspiele regional verwurzelter Musiker, die gern immer wieder kommen.“

Vorstandsmitglied Martin Rossmanith, jüngst hier als Dresdner Dr. Frankenstein in einer Paraderolle, ergänzt: „Unser Konzept hat drei Stufen – aufgebaut wie eine Ampel: Grün, Gelb, Rot. Natürlich abhängig von der institutionellen Förderhöhe: Mit den jetzigen 25 000 Euro arbeiten wir allerdings auf absoluter Sparflamme, also ist die Ampel auf Rot. Konzeptstufe Gelb ist ab 35 000, Grün ab 50 000 Euro Zuschuss möglich, das weiß das Kulturamt.“

Kulturbürgermeisterin spricht von einer Chance

Auch dem Vorwurf, dass eine andere Regiehandschrift gut täte, widerspricht Berger: „Erstens müsste ein Gastregisseur extra bezahlt werden, zweitens ab Januar bis zur Premiere jede Woche Zeit haben und drittens mit den Leuten klarkommen – das ist nicht so einfach –, haben wir schon versucht.“ So kann es sein, dass er selbst, seine Cheforganisatorin Astrid Rabe und Allroundtechniker Philipp Cronacher, die sich vereinstypisch zweieinhalb Stellen teilen, diese demnächst verlieren. Das zweite Standbein, der Sankt-Pauli-Salon auf der Hechtstraße, wird dies nicht abfedern können.

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) spricht hingegen von einer Chance: Die Neuausschreibung nach mehr als 20 Jahren könnte andere Akteure und freie Träger mit einem vielfältigen Jahresprogramm wirksam werden lassen: „In Dresden sind in den letzten Jahren eine Vielzahl neuer Initiativen und Vereine in der Freien Szene entstanden. Seitens der Kulturverwaltung wird eine stärkere Einbindung der unmittelbaren Anwohner aller Generationen und Milieus in variablen Formaten favorisiert.“ Das bedeute vor allem unterschiedliche Theaterformen, andere Regiehandschriften, eine Kulturpädagogik mit anderen Arbeitsweisen und Projekten, mehr Raum für ansässige Initiativen und Vereine, die lokale Kreativwirtschaft, die Schulen und Kindertageseinrichtungen, aber auch die Einbindung der Gastronomie und der Geschäfte im Viertel.

„Inhaltliche wie wirtschaftliche Ausgewogenheit“

Was aber ein kommender Betreiber des „attraktiven Spielortes mit großem Potenzial“ wissen sollte, sind die nicht unbedingt förderlichen Bedingungen für die angestrebte „perspektivisch deutlich vielfältigere Nutzung“: Neben nur fünf Monaten Nutzungszeit (keine Heizung), der mangelhaften Akustik mit lästigem Nachhall von drei Sekunden (für Schauspiel wäre eine Sekunde gut) und der gepflegten Gewächshausatmosphäre im Sommer (mit teilweiser direkter Sonneneinstrahlung auf Bühne und Zuschauer) sind das vor allem die mietfreie Mitnutzung der Kirchgemeinde und die maximale Zuschauerzahl von 246 Personen.

Es bleiben also rund 150 Veranstaltungsabende im Jahr, allein im Sommer 2018 gab es allerdings 30 Prozent hitzebedingte Einnahmeausfälle. 2019 waren von 144 Veranstaltungen genau 62 von Gästen gebucht – auch Robert Habeck und der Ministerpräsident waren so wahlkämpfend hier. Echte theatergerechte Lichtstimmungen sind sommers ab halb zehn Uhr abends sinnvoll, um zehn muss allerdings anwohnerbedingt schon Ruhe sein – die nächsten freien Parkplätze sind bestenfalls auf der Stauffenbergallee. Auf einen Fakt, der noch nicht so im öffentlichen Fokus steht, verweist Astrid Rabe: Die ehrenamtliche Arbeit der Vereinsmitglieder beträgt 28 796 Stunden pro Jahr, was bei jetzigem Mindestlohn einen Gegenwert von 269 243 Euro bedeute – auch das solle man nicht vergessen.

Vager Hoffnungsschimmer

Für die Gemeinde des Theatervereins heißt das: Weiterspielen und harter Fakten wie der Ausschreibung harren, ohne Wutbürger zu werden. Im Kulturausschuss sowie dem Stadtrat wird es dann spannend, ob denn die Förderung gleich zum Mietvertrag dazu kommt. Aus dem Kulturamt heißt es: „Erwartet wird von den zukünftigen Mietern der St.-Pauli-Ruine eine inhaltliche wie wirtschaftliche Ausgewogenheit des Jahresprogramms.“ Ist allerdings ausgerechnet jetzt, wo just eine Million Euro, also 40 Jahre Ruinen-Förderung, in einem halben Jahr für den Überlebenskampf einzelner Künstler ausgegeben werden, die richtige Zeit für solch eine tiefgreifende Entscheidung?

Klepsch antwortet diplomatisch: Ziel der Landeshauptstadt Dresden sei es, das Gebäude mittels „eines gemeinbedarfsorientierten, kulturellen und bedarfsgerechten Konzeptes betreiben zu lassen. Beabsichtigt ist zunächst eine Vermietung für fünf Jahre.“ Im Mittelpunkt der zukünftigen Nutzung solle weiterhin die Betreibung als Spielstätte für vielfältige künstlerische Aktivitäten stehen. Und sie betont: „Der bisherige Betreiber soll als Partner mit eigenen Spieltagen in die Planungen einbezogen werden.“

Dieser Hoffnungsschimmer klingt ziemlich vage – vielleicht nutzen einige Entscheider ja vorher doch noch die Chance auf einen eigenen Liveeindruck im vakanten Glasdom: Am besten per „Sirene“ vor deren Dernière am 7. Oktober – Chancen dazu bestehen am 28. & 30. August sowie 20. September (je 20 Uhr). Die Einladung des Theatervereins steht, betonen Rabe, Rossmanith und Berger.

www.pauliruine.de

Von Andreas Herrmann