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Regional Einer, der Maßstäbe setzt: Dresdner Bariton Jürgen Hartfiel wird 80
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Dresden: Bariton Jürgen Hartfiel wird 80

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12:37 17.06.2021
Jürgen Hartfiel, umringt von Sängerinnen des Opernchorstudios, im Juni 1998 bei der Uraufführung „Unser Kaiser“.
Jürgen Hartfiel, umringt von Sängerinnen des Opernchorstudios, im Juni 1998 bei der Uraufführung „Unser Kaiser“. Quelle: Foto: E. Döring
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Dresden

Wenn der Dresdner Sänger Jürgen Hartfiel heute seinen 80. Geburtstag feiert, dann dürfte es an kreativen Glückwünschen nicht mangeln. Sein musikalisches Talent zeigt sich früh. Der Oberschüler erhält an der Dresdner Musikschule Geigenunterricht. An der Hochschule für Musik studiert er von 1962 bis 1967 Gesang bei Ruth Goldmann und Johannes Kempter. Als Student, 1966, ist der junge Bariton, der sich dem lyrischen Fach zuwenden wird, Preisträger des Internationalen Robert-Schumann Wettbewerbes. Von der Hochschule führt der Weg in das Studio der Staatsoper, ab 1970 fest ins Ensemble und mit den vielen Partien, die der junge Bariton hier singt, kann er seine Gesangstechnik mit der Wärme lyrischer Grundierung verbinden.

Das gelingt bei Mozart bei Puccini, Rossini oder Verdi. Er singt die Partie des Oliver in „Capriccio“ von Richard Strauss, wendet sich moderneren Werken von Schostakowitsch und Prokofjev zu. Eine Lieblingspartie, die zudem eine große Herausforderung bedeute, so in einem Interview mit der Zeitschrift Das Opernglas, sei die Titelpartie in Rossinis „Der Barbier von Sevilla“.

Besonderer Einsatz für zeitgenössische Musik

Sein besonderer Einsatz gilt zeitgenössischen Werken. Er gehörte zum Ensemble der Uraufführung der Oper „Die weiße Rose“ von Udo Zimmermann. Bei solchen Werken könne er die Erfahrungen seines heutigen Lebensgefühles einbringen, „ohne den Stoff, wie in der klassischen Oper, gewaltsam zu aktualisieren“. Besonders am Herzen liegt ihm die Partie des Schusters in „Die wundersame Schustersfrau“ von Udo Zimmermann.

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Im Zusammenhang mit dessen Einsatz für zeitgenössische Musik, als Begründer und Leiter des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik, später im Festspielhaus Hellerau, sei daran erinnert, dass Jürgen Hartfiel zu den Gründungsmitgliedern des Ensembles Musica Viva gehörte. Ebenso wie die Dresdner Altistin Elisabeth Wilke, die sich aus Salzburg, wo sie am Mozarteum unterrichtet, meldet: „Was war das für eine Stimmung, mitten in der DDR, so um 1980, da brachten wir ein zutiefst mystisches, meditatives Stück von Karlheinz Stockhausen zur Aufführung.“ Für Sie konnte in solchen Zusammenhängen ein Künstler wie Jürgen Hartfiel mit den fundierten Grundlagen seiner gesangstechnischen Ausbildung besondere Akzente setzen.

Prägende pädagogische Arbeit an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber

Als 1987 im Programm der Musikfestspiele Mauricio Kagels „Mare nostrum“ erstmals in der DDR aufgeführt wurde, war Jürgen Hartfiel einer der Sänger dieser 1989 zu den Wiener Festwochen eingeladenen Produktion. Es war auch die erste Aufführung für den heutigen Rektor der Dresdner Hochschule für Musik, Axel Köhler, der hier eine Counterpartie aus dem Bereich der zeitgenössischen Musik singen konnte. Es blieb die einzige. Für Ihn ein glücklicher Zufall, dass er mit Jürgen Hartfiel arbeiten durfte, den er aus Studienzeiten kannte und heute ein guter Anlass, sich zu bedanken: „Ich möchte ihm herzlich danken für seine Kollegialität und für seine prägende pädagogische Arbeit, die er von 1987 an über insgesamt 27 Jahre an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden geleistet hat.“

Sängerinnen und Sänger, die hier von Jürgen Hartfiel ausgebildet wurden, wissen es zu schätzen. Die Dresdner Sopranistin Stephanie Krone: „Er hat mich gelehrt, ausdrucksstark und charaktervoll zu singen und dennoch in jedem Moment ökonomisch mit den Ressourcen meiner Stimme umzugehen.“

Bis heute kommen Sängerinnen und Sänger, längst bewährt und erfolgreich, nach Dresden, um von Jürgen Hartfiel unterrichtet zu werden. Auch der Bariton Martin Gäbler, zunächst in Chemnitz, jetzt am Theater in Ulm. Seinem Lehrer begegnete er erstmals 1985 bei der Eröffnung der Semperoper: „Wir standen gemeinsam auf der Bühne – er als Solist und ich im Kinderchor. Unsere Wege kreuzten sich immer wieder. Als Komparse der Semperoper und dann zu meinem Gesangsstudium, wo er mein Gesangslehrer wurde. Seitdem begleiten seine Bühnen- und Gesangserfahrung mich in meiner Entwicklung. Herrn Hartfiels menschliche Art, Fachwissen zu vermitteln, gab und gibt mir immer wieder wichtige Impulse für meine Sängerpersönlichkeit und hilft mir auch in meiner jetzigen Tätigkeit am Theater Ulm.“ Diese Liste der Erfolge ließe sich fortsetzen.

Lange Liste der Erfolge

Aber es ist auch nicht unwesentlich in der künstlerischen und persönlichen Biografie von Jürgen Hartfiel, immer mal wieder die Grenzen zu überschreiten, selbst – wie bei seinem Gastspiel auf der Felsenbühne in Rathen – hoch zu Roß als Indianerhäuptling Old Surehand. Auch Gastspiele an der Dresdner Staatsoperette sind zu nennen, das heitere Genre ist eben letztlich nur wirklich heiter, wenn man es ernst nimmt, wenn man die Musikalität der Werke auf der Grundlage klassischer Techniken des Gesanges erblühen lassen kann. Das kann die Sängerin Ingeborg Schöpf als seine Partnerin in „Victoria und ihr Husar“ nur bestätigen. Und nicht zu vergessen, Hartfiels Produktionen für die kleine szene der Semperoper oder mit Friedrich-Wilhelm Junge auf dem Theaterkahn. Wer eine davon erlebte, hat die Bilder, die Klänge, die Ironie sofort im Kopf. „Voran zum Edelmenschen“, so damals Reinhard Wengierek zur Uraufführung von „Seelenlust & Augenweide“, 1988, im Programm der Musikfestspiele. Wengierek betont die fein gesetzten Akzente des Regisseurs Carsten Ludwig, die absolute Souveränität der Sänger und Schauspieler in der Beherrschung künstlerischer Mittel. Es ging um die Aneignung der Werke Wagners und Karl Mays zu inhumanem Größenwahn in der Überlegenheitspose eines nationalistischen Herrschaftsanspruches.

Ja richtig, das war 1988, als sich Wagner und Winnetou in Dresden die Ehre gaben. Jürgen Hartfiel war dabei. Carsten Ludwig erinnert sich an diese menschliche und künstlerische Kollegialität eines „Opernsängers“, der sich mit Elan und Neugier auf die neuen Möglichkeiten dieses gänzlich anderen Genres einließ. Es wurde ein künstlerischer, konstruktiver Austausch zwischen den Mitwirkenden, Gesang, Schauspiel, Tanz und einem exzellenten Trio der Musiker. Dieser Austausch, dieser beständige Dialog, diese Art der Verbindung von gewonnenen und neu zu gewinnenden Erfahrungen macht die Persönlichkeit des Sängers, Darstellers und nun vor allem des Lehrers Jürgen Hartfiel aus, der aber doch auch etwas kritisch auf die Situation der Oper schaut und seiner Hoffnung Ausdruck gibt, „dass sich in der Zukunft das Regietheater nicht zu sehr vom Sujet der Stücke und der Musik der Komponisten entferne“. Und schon wäre ein neues Thema zu bearbeiten...

Von Boris Gruhl