Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Digitale Literaturkarte der böhmisch-sächsischen Grenzregion geht online
Nachrichten Kultur Regional Digitale Literaturkarte der böhmisch-sächsischen Grenzregion geht online
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
14:47 18.02.2020
Viktor Hoffmann und Birte Pietsch vor der digitalen Literaturkarte der böhmisch-sächsischen Grenzregion. Quelle: Tomas Gärtner
Anzeige
Dresden

Glückliche Kindheit in Reichenberg, Spaziergänge durchs Isergebirge. Die sudetendeutsche Heimat – nach Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft war sie verloren, ein Neuanfang im bayerischen Haidholzen bei Rosenheim nötig. Otfried Preußler (1923-2013) hätte hinreichend Gründe gehabt, in Wehmut zu verfallen, wie es nicht wenige taten, die das gleiche Schicksal ereilte. Doch er entschied sich anders, hielt Kontakte zu tschechischen Freunden.

Vermittler tschechoslowakischer Kinderliteratur

Nach „Der kleine Wassermann“ (1956) und „Die kleine Hexe“ (1957), seinen ersten Kinderbucherfolgen, brachte er 1962 „Kater Mikesch“ heraus, die Nacherzählung einer Geschichte von Josef Lada, des bekannten tschechischen Schwejk-Illustrators. Die sorbische Krabat-Sage, von der er bereits in der Kindheit gehört hatte und die er später berühmt machen sollte, entdeckte er in einer Münchner Bibliothek – als Übersetzung aus dem Sorbischen ins Tschechische. In der Tschechoslowakei waren seine Bücher gleichfalls beliebt. „Krabat“ wurde unter den Kindern dort 1977 als Zeichentrickfilm von Karel Zeman populär.

Dies und noch etliche weitere kaum bekannte Details seines grenzüberschreitenden Wirkens erfährt man in der Wanderausstellung „Krabat – Die Wege eines Zauberlehrlings“, die bis 2. März im oberen Foyer des Dresdner Kulturpalastes zu sehen ist. Acht Tafeln mit Fotos, Buchtiteln und viel Text, zweisprachig, deutsch und tschechisch.

Statt hausbackene Vertriebenenprosa zu drechseln, ließ Preußler Josef und Maria mit dem Jesuskind in „Die Flucht nach Ägypten“ (1978) einen Umweg durch den „königlich böhmischen Teil“ nehmen. An dieser Flüchtlingsgeschichte werden noch Generationen ihr Vergnügen haben. Was nicht zuletzt der sudetendeutschen Sprechweise zu verdanken ist, die darin für ewig aufgehoben ist. Preußlers Geschichten „überwinden die Beschädigung der Sprache mit ihrem eigenen Ton, sie erschaffen ein poetisches Mitteleuropa, in dem die Kinder Hoffnung haben dürfen“, wie der Dresdner Literaturprofessor Walter Schmitz anmerkte. Preußler, der Mitteleuropäer, ist für Annette Teufel, Literaturwissenschaftlerin an der TU Dresden, ein Glücksfall. „Sein Werk ist frei von jedem revanchistischen Beiklang und eben kein nostalgischer Rückblick.“ Er wurde auch zu einem Vermittler tschechoslowakischer Kinderliteratur in der alten Bundesrepublik West.

38 deutsche und tschechische Autoren sind dabei

Beste Gelegenheit, mit der Eröffnung der Ausstellung über ihn das „Literarische Informationssystem (LIS) Böhmisch-Sächsische Literaturlandschaft“ aus der Taufe zu heben. Hinter dieser technischen Bezeichnung verbirgt sich eine digitale Karte für PC, Computertelefon (Smartphone) oder Tabletcomputer, die Informationen bietet, die in diesem Umfang weder in Reiseführern noch bei Wikipedia zu haben sind. Drei Jahre haben Wissenschaftler der beiden Technischen Universitäten in Dresden und Liberec (Reichenberg) gesammelt und daran gebastelt, unterstützt von Experten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), finanziert aus dem Fonds für regionale Entwicklung der Europäischen Union (EU). „Wir sind über Land gefahren und haben beispielsweise mit Leuten gesprochen, die Dichterhäuser betreiben“, erzählt Viktor Hoffmann, einer der beiden Entwickler von der TU Dresden.

Herausgekommen ist so etwas wie eine Verknüpfung aus Open-StreetMap und Netzenzyklopädie. Man kann in der Suchfunktion einen Erinnerungsort eingeben, „Schillerhäuschen“ etwa, und bekommt auf der rechten Seite Bilder und Informationen angezeigt, wie Birte Pietsch erklärt, die zweite Entwicklerin. Steht man unterwegs auf einer Wanderung vor einem Denkmal, das mit Literatur zu tun hat, schaltet man die Ortung zu und bekommt mitgeteilt, was die Wissenschaftler eingegeben haben.

Man kann sich alle Orte zeigen lassen, wo Spuren eines bestimmten Schriftstellers zu finden sind. 38 deutsche und tschechische Autoren stehen bislang zur Auswahl; der jedem gebildeten Tschechen bekannte Nationalautor Karel Hynek Mácha etwa (1810-1836), hierzulande weitgehend unbekannt. Literarische Wandertouren kann man mit diesem System zusammenstellen oder auch Bildungsurlaube. Lehrer können analoge Klassenfahrten organisieren oder ihre Schüler rein digital durch die Karte fahnden lassen.

Kulturnews aus Dresden

Zwischen Harmonie und Horror: Das neue Werk der wohl jüngsten Filmemacher Dresdens

Suboptimal: Hygiene-Museum in Dresden mit Besucherminus

Im Dresdner Projekttheater folgt per „RauschKörper“ dem Drogentanz die Aufklärung

Auf drei Wissensebenen sei das möglich, erklärt Birte Pietsch. Auf „Entdecken“ für den interessierten Laien, auf „Vertiefen“ mit Informationen zu Rezeption und kulturellen Verbindungen und auf „Material“ bei wissenschaftlichem Interesse.

Noch bis März läuft das Projekt. „Bis da hin wächst die Karte weiter“, sagt Viktor Hoffmann. „Danach wird sich das verlangsamen.“ Gibt man allerdings Otfried Preußler ins Suchfeld ein, erscheint „Keine Ergebnisse“.

Kulturpalast Dresden, Foyer 2. OG, bis 2. März, Mo-Sa 10-19 Uhr(3. bis 30. März in der SLUB)

www.literaturlandschaft.eu

Von Tomas Gärtner

Kleinschreibung und großes Durchhaltevermögen: Das noch in der DDR-Agonie entstandene projekttheater in der Äußeren Neustadt feiert am heutigen Dienstag seinen 30. Geburtstag

18.02.2020

Patrick Wildens Debütband „Alte Karten von Flandern“ enthält zahlreiche Gedichte, die man sich ausschneiden und an die Pinnwand heften möchte. Man merkt, dass er ein Büchermensch ist. Nur einem langjährigen Antiquar kann ein Gedicht wie „Gutes Exemplar“ so gut gelingen.

18.02.2020

Die Antilopen Gang ist nun ein Trio und kommt mit dem jüngsten Album „Abbruch Abbruch“ auch nach Dresden. Das neue Werk klingt wie eine Bilanz.

17.02.2020