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Regional Die Vorfahren des heutigen Selfies
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17:45 15.02.2019
Kulissenalbum mit Porträtfotografien von Berühmtheiten des 19. Jahrhunderts Cartes de visite, 1860–1870 Übernahme aus Privatbesitz, Radebeul, 1980
Kulissenalbum mit Porträtfotografien von Berühmtheiten des 19. Jahrhunderts Cartes de visite, 1860–1870 Übernahme aus Privatbesitz, Radebeul, 1980 Quelle: Franz Zadniček
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Dresden

Das Dresdner Stadtmuseum widmet sich ausführlich einem Vermächtnis seines Gründungsdirektors Otto Richter (1852-1922), der bereits 1892, ein Jahr nach Beginn seiner Amtszeit damit begonnen hatte, eine Sammlung fotografischer Porträts von Persönlichkeiten anzulegen, die aus seiner Sicht für die Entwicklung der Stadt bedeutsam gewesen waren. Er selbst hat 650 Bildnisse zusammengetragen und eigenhändig beschriftet als eine repräsentative Ehrengalerie Dresdner Bürger. Richters Nachfolger führten die Sammlung fort, so dass sie in der bis heute überlieferten Form etwa 2100 Trägerkartons mit etwa 2700 Porträtfotografien umfasst. Das gesamte Konvolut überstand den 2. Weltkrieg und blieb auch von den Plünderungen im Mai 1945 verschont, geriet aber weitgehend in Vergessenheit, zumal kein Inventar mehr dazu existierte.

Angeregt u.a. durch den vom Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen zum jüngsten Stadtjubiläum herausgegebenen Band „Mensch! Photographien aus Dresdner Sammlungen“ haben sich die Historiker und Kuratoren Wolfgang Hesse und Holger Starke über Jahre hinweg intensiv mit der Sammlung, insbesondere dem von Richter erarbeiteten Teil beschäftigt. Ergebnis ist eine Sonderausstellung, die am Freitag im 2. Obergeschoss des Stadtmuseum eröffnet wurde und nicht nur schlicht etwa 100 der Porträts ans (stark gedämpfte) Licht der Öffentlichkeit bringt, sondern vielmehr auch anhand geeigneter Sachzeugen etwas vom Geist der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende spür- und deutbar machen möchte. Gleiches gilt in vielleicht noch stärkerem Maße für das im Jonas Verlag herausgegebene Begleitbuch, das die Entstehung der Sammlung freilich viel tiefer im Zusammenhang mit der Stadtentwicklung beleuchten kann, als dies in der Ausstellung möglich ist.

Selbstinszenierung ohne großen künstlerischen Anspruch

Der gewählte Titel „Die im Licht steh‘n“ spielt laut Museumsdirektorin Erika Eschebach an auf heutige Praktiken der optischen bzw. medialen Präsenz von Personen und zieht damit einen Vergleich, der vielleicht deshalb so interessant scheint, weil er eigentlich nur bedingt möglich ist. Denn Fotografien oder gar bewegte Bilder, von denen die optische Wahrnehmung heute weitgehend bestimmt wird, waren damals noch rar, emanzipierten sich gerade erst zur Alltagstauglichkeit.

Nimmt man allerdings das Selfie als deren höchste Steigerung, sieht das gleich ganz anders aus: Die mehr oder weniger stereotype Selbstinszenierung ohne großen künstlerischen Anspruch galt auch schon vor den oftmals gemalten Kulissen in den Fotoateliers des 19. Jahrhunderts. Nicht hinter allen Plattenkameras standen solche Fotografen wie Hermann Krone, von dem auch einige Aufnahmen stammen. Oftmals ging die Provenienz bei der Aufarbeitung verloren, wurde einfach überklebt.

Vom König bis zum Kaufmann

Wie viel gesellschaftlicher „Durchblick“ durch den Anblick der Galerie würdiger zumeist bärtiger Herren zu erhalten ist, muss weitgehend dahingestellt bleiben. Wichtiger scheint, dass die Sammlung auch als solche inszeniert ist und sowohl tradierende Wirkungen aufnimmt als auch auszustrahlen imstande ist.

Die Normierung der Aufnahmeumstände nimmt der Sammler als gegeben hin und steigert sie noch durch die Aufarbeitung des Materials deren Sachlichkeit scheinbar noch die einer Schmetterlingssammlung übertrifft. Denn hier geht es, König, Adel oder Militär, Musiker Schauspieler oder Maler, Industrieller, Kaufmann, Geistlicher oder Wissenschaftler, nicht um Gattung und Familie, sondern allein das Alphabet bestimmt die Ordnung in der Kartei. Die Kuratoren haben das allerdings für die Ausstellung aufgebrochen und gesellschaftlichen Gruppen zugeordnet, auch um besser hinter die waltenden Konventionen zu kommen. Sie verweisen darauf, dass hier eine Liberalität und ein bürgerliches Selbstbewusstsein geherrscht haben, das nicht ganz dem üblichen Bild vom ausgehenden Kaiserreich entspricht. Frauen sind allerdings in der Unterzahl, aber gemessen an der gesellschaftlichen Rolle, vielleicht doch überbewertet dank zahlreicher Schauspielerinnen und Prinzessinnen. Wer sich davon ein genaueres Bild machen will, kann das tun, denn alles ist ständig online einsehbar und kann sogar gezoomt werden (auch in der Ausstellung stecken in einigen Rahmen Bildschirme) und dann reicht es manchmal doch, um sich in einen Charakter hineinzudenken.

Bilder aus einer für Dresden bedeutsamen Zeit

Die historischen Objekte mit denen sich also eine Wertschätzung ausdrückte, an denen sich indirekt der politische, wirtschaftliche und kulturelle Umbruch am Ende der Kaiserzeit nachvollziehen sind den Kuratoren allerdings wichtiger als die dahinter stehenden Personen, die in der großen Mehrheit zwischen 1861 und 1921 das Zeitliche gesegnet haben.

Bei ihren Konterfeis handelt es sich wahrscheinlich oftmals um Doubletten aus Familienalben, von denen sicherlich – gerade in Künstlerfamilien – gar nicht so wenige bis heute überliefert sein dürften. Die Abgelichteten spielen darin bis heute ihre Rollen. Angesichts ordenbehängter, steif dastehender Militärs mag man lächeln oder gemischte Gefühle entwickeln, wo es sich aber um einst gefeierte Sänger oder Mimen im Kostüm handelt, wird sich wohl auch der eine oder andere Stoßseufzer in der Erinnerung an die gute alte Zeit in Oper und Schauspiel entringen. Wesentlicher scheint allerdings, dass es sich um die Zeit handelte, als sich Dresden zu einer wichtigen deutschen Großstadt entwickelte, von der nicht wenige Impulse für den technischen Fortschritt ausgingen. Von Netzwerken ist da heute die Rede und gemeint sind Telefonie und Telegrafie, Eisenbahn Binnenschifffahrt… Für das alles gibt es hier freilich eher nur Indizien. Bei deren Auswertung werden die in den DNN erscheinenden Fachbeiträge und das umfangreiche Begleitprogramm des Museums hilfreich, wenn nicht unentbehrlich sein, wenn man sich nicht zum Erwerb des doch rechts speziellen Begleitbandes (38 Euro) durchringen kann.

Bis 12. Mai Di-So 10 bis 18, Fr bis 19 Uhr.

Von Tomas Petzold