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Regional Die Tänzer der Dresden Frankfurt Dance Company zeigen in Hellerau eigene Arbeiten
Nachrichten Kultur Regional Die Tänzer der Dresden Frankfurt Dance Company zeigen in Hellerau eigene Arbeiten
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15:15 30.06.2019
Michael Ostenraths Choreografie „Haus“ mit den Tänzern Amanda Lana, Ulysse Zangs und Kevin Beyer.
 Quelle: Dominik Mentzos
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Dresden

Mit einer femme fatale eröffnet der neue Abend der Dresden Frankfurt Dance Company im Festspielhaus Hellerau. Anne Jung gibt diese vor Kraft strotzende Frau in „Carnegie Solo“ von Sam Young-Wright. Diese knackigen sechs Minuten sind der Auftakt für insgesamt fünf Choreographien von Tänzern der Company, die hier die Gelegenheit bekommen haben, ihren eigenen Impulsen und Gedanken künstlerischen Ausdruck zu verleihen. Das tun sie alle ganz klar auf beeindruckend hohem Niveau, nur lassen sich individuelle Handschriften daraus nicht ablesen. Trotzdem ist der Abend ein Fest für den zeitgenössischen Tanz.

Da rülpst es aus den Lautsprechern

Die immense visuelle Stärke und Intensität der Stimmung wird in der zweiten Arbeit, „Haus“ von Michael Ostenrath, durch unwirklich wirkendes, fades Licht abgelöst, das eine gespenstische, befremdliche Atmosphäre schafft. Was bei Anne Jung noch Kraft war, erweitert sich hier zu expressiver Aggressivität. Hier liegt eine deutliche Gereiztheit in der Luft. Fünf Tänzer, alle mit verschmiertem Lippenstift, getrieben von unbedingter Notwendigkeit des Ausdrucks. Bei diesem Druck kriegt eben eine Tänzerin auch mal einen kräftigen Tritt ins Rückgrat, der sie quer über die Bühne katapultiert. Im Menschen wohnt eben nicht nur das Gute.

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Eine gewisse Außer-Menschlichkeit zeigt auch Vincenzo De Rosa mit seinem Duo „Ectomorphs“. Da rülpst es aus den Lautsprechern, da gurren die Tauben, während er und Joel Small in langen Tüllkostümen stecken, die ein bisschen wie Kleider wirken, aber dann doch wieder nicht so ganz als Kleider durchgehen. Queerness und Genderbending (Auflösen der traditionellen Geschlechterrollen) sind im Tanz seit geraumer Zeit auf der Tagesordnung. In gewisser Hinsicht gilt das hier auch für die Choreographie. Es lässt sich nicht sagen, die beiden Tänzer wären „männlich“ choreographiert worden. Stattdessen setzt die Agilität und Bildintensität nahtlos an die vorhergehende Arbeit an ganz so, als wäre der Kleinkram alltäglicher Diskussionen schon längst überwunden.

Ein Testen der Möglichkeiten des Miteinanders

Auch der dramaturgische Aufbau dieses Abends funktioniert. Das gleiche gilt in den Arbeiten selbst. Mehrere der Stücke setzen diskrete Brüche, komplette Blacks, ohne dass der Faden reißen würde. Gleichzeitig fragt man sich, inwiefern einzelne Arbeiten eventuell Bezug aufeinander nehmen, denn eine Grundstimmung des Verstörenden zieht sich von „Haus“ über „Ectomorphs“ bis hin zu „Orbit“ von David Leonidas Thiel. Die breiten Krempen schwarzer Hüte verdecken die Gesichter der Tänzer, die mit überdimensioniert langen Armen wie Insekten wirken. Was hier ruhig, besonnen und introspektiv beginnt, wird zwar unerwartet doch härter im Ansatz, bleibt aber weitestgehend frei von der mehr oder minder unterschwelligen Aggression mancher der anderen Arbeiten. Ganz unerwartet schwebt in diesen Raum scheinbarer Rituale ein kleines Gimmick, das mit seinem Eigenleben den bisherigen Rhythmus unterbricht. Das ist äußerst erfrischend weil ungewohnt.

Anne Jung gestaltet auch den Abschluss dieses Abends. Für „#threewithfour“ agiert sie sowohl als Choreographin als auch eine von vier Tänzern. Was sie zeigt, ist ein Spiel der Sinne. Die zunächst nur als schwarze Schattenrisse auftretenden Tänzer tragen individualisierte schwarze Kostüme, deren Erotik wenig sublimiert erscheint. Ein Kampf der Geschlechter ist das aber ganz und gar nicht. Es ist vielmehr ein Testen der Möglichkeiten des Miteinanders, frei von Machtstreben und Urteilen.

Aufführungen: Sonnabend, 20 Uhr, und Sonntag, 16 Uhr, 4.Juli, 15 Uhr, 5. Juli, 20 Uhr, Großer Saal, Festspielhaus Hellerau. Karten: 17/ erm. 8 Euro

www.hellerau.org/de

Von Rico Stehfest