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Regional Die Serkowitzer Volksoper trägt frei nach Dürrenmatt und Händel Rom zu Grabe
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08:52 14.08.2019
Romulus der Große (Wolf-Dieter Gööck) und Hosenfabrikant Cäsar Rupf (Dorothea Wagner) stecken in Verhandlungen. Quelle: Foto: Robert Jentzsch | www.rjph
Dresden

Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat – so kann man es in den 21 Punkten nachlesen, die Friedrich Dürrenmatt seinen unverwüstlichen „Physikern“ 1962 mitgegeben hat.

Bereits mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der junge Dramatiker in seinem „Romulus“ das Römische Reich untergehen lassen, und auch dies stellt sich bei ihm als geradezu verzweifelt komische Angelegenheit dar. Die nah an der Groteske segelnde Mär vom hühnerzüchtenden Kaiser, den das Legeverhalten seiner Hennen mehr interessiert als die heranrückenden Germanen, entstand Ende der 1940er-Jahre unter dem Eindruck des beginnenden Kalten Kriegs. Anno 2019 hat die Serkowitzer Volksoper rund um Wolf-Dieter Gööck den Stoff auf seine Zeitgenössigkeit befragt und ist erschreckend fündig geworden.

„Wie uns und den Leuten der Schnabel gewachsen ist“

Gööcks behutsame Textbearbeitung legt den Finger in so manche Wunde einer vermeintlich am Ende der Geschichte vegetierenden Welt, und der musikalische Leiter der Serkowitzer Volksoper, Milko Kersten, hat sich dazu besonders bei Händels großer Barock-Oper „Giulio Cesare“ (angereichert mit Versatzstücken von Bach und Mozart) bedient. Ihrem selbst gestellten Auftrag, Opern so zu spielen, „wie uns und den Leuten der Schnabel gewachsen ist“, ist das Projekt möglicherweise nie so nah gekommen wie mit dem mittelschweren Hühner-Fetisch des Romulus – klar, dass da auch die Comedian Harmonists („Ich wollt‘, ich wär ein Huhn“) zu einem kleinen Gastauftritt gelangen.

Der begeisterte Zuspruch, den die Premiere am Montag in der Saloppe erfuhr, mag nicht zuletzt dem brillanten Klamauk und den herrlichen Regieeinfällen geschuldet sein, mit denen das hervorragend aufeinander eingespielte Ensemble sein Publikum traditionell um den Finger wickelt – die Germanen rücken in Fellen und mit Alphörnern vor, das Frühstücksritual ist präzise choreographiert, und in der cäsarischen Hauptrolle verzehrt Gööck als stoisch seinem Ende entgegenschreitender Titelheld derart viele Eier, dass Paul Newmans Cholesterin-Rekord aus dem Filmklassiker „Cool Hand Luke“ (1967) gefährdet sein dürfte.

Was aber im Gedächtnis hängen bleibt, sind dann doch die dramaturgisch glänzend herausgearbeiteten Parallelen rund um zyklische Systemwechsel, für die ein zwischen zahlreiche Marmorbüsten geschmuggelter Marx sinnbildlich stehen mag. Der Nischel-Inhaber hätte auch an der Drehtür der Geschichte Gefallen gefunden, die das von Anna Brotánková entworfene Bühnenbild dominiert, und die frei nach Marx abwechselnd Tragödie und Farce zur Tür hereinschneien lässt – auf Katastrophenmeldungen von der Front folgen unmoralische Angebote, Romulus muss die Rettung des Reichs durch das Großkapital gegen das Glück seiner Familie abwägen.

Eine richtige (Volks-)Oper ist nichts ohne Orchester

Die Fülle der Auf- und Abgänge in der von Dirk Wirzbicki und Simon Carl Köber technisch begleiteten Produktion bewältigen Gööcks vier Mitspieler, die größtenteils bereits in vergangenen Serkowitzer Schmankerln wie der „Entführung auf dem Jahrmarkt“ (2015) geglänzt haben, per Kostüm- und Frisurenwechsel (Maske: Mia Kersten) sowie Stimm-Modulation, dass es eine Freude ist. Julia Böhme (Alt) changiert mühelos zwischen dem todmüden Präfekten und dem aus der Schlacht heimkehrenden Ämilian, Marie Hänsel (Sopran) setzt jede ihrer vier Figuren gestisch und mimetisch differenziert sowie stimmlich präzise um. Dorothea Wagner (Sopran) haucht u.a. der Kaiserin und dem Hosenfabrikanten Cäsar Rupf Leben ein, während Cornelius Uhle (Bariton) prächtige Karikaturen wie den vom Niedergang des Reichs angezogenen Kunsthändler Apollyon („Auflösung von Haushalten, Museen, Imperien – besenreine Übergabe!“) und den Germanenfürsten Odoaker aus dem Ärmel schüttelt.

Und da eine richtige (Volks-)Oper ohne ihr großes Orchester nichts wert wäre, muss auch von den Musikern die Rede sein: Michael Poscharsky (u.a. am Kontrabass) Andreas Roth (Hörner) sowie Daniel Rothe (Klarinetten) glänzen beim Beackern (ihrer diversen Instrumente) und beim Begackern, als ein irgendwo zwischen antikem Chor und Politbüro angesiedelter Hühnerhaufen, der zwar den Schnabel aufreißt, aber beständig in Angst lebt, man werde ihm bei ausbleibender Eierproduktion kurzerhand den Wendehals umdrehen. Der Untergang einer ganzen Zivilisation ganz ohne Kollateralschäden wäre ja auch wirklich ein Ovum – pardon, ein Novum natürlich.

Weitere Aufführungen: 14./19./21./25./26. August, 1./2./4./8. September

Von Wieland Schwanebeck

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