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Regional Die „Geschichte der Frau“ beim „Literatur Jetzt!“-Festival in Dresden
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11:16 30.09.2019
Autor Feridun Zaimoglu stellte in Dresden sein neuestes Werk vor. Quelle: Kempner/Archiv
Dresden

„Wenn Sie ein Mann sind, seien Sie nicht traurig“, tröstet Anja Schumann den Teil des Publikums, der ohnedies in der Minderzahl ist. Und die Chorallen, ihr A-cappella-Ensemble aus 26 weiblichen Stimmen, gibt mit seinem ersten Lied die fröhliche Parole aus: „Es ist egal, was du bist, / Hauptsache ist, / es macht dich glücklich“. Man hat den Eindruck, auf der Bühne im vergilbten Saal des Zentralwerkes ist die Emanzipation vollendet.

Die Geschichte ist von Männern geschrieben

Das Festival „Literatur Jetzt!“ sei unversehens weiblicher geworden, hatte Mitorganisatorin Juliane Hanka zur Eröffnung festgestellt. Mehr Weib als an diesem Abend geht kaum. Herzerfrischend.

Aber ganz so einfach, wie’s die Chorallen-Frauen trällern, ist es wohl doch nicht, wie uns Feridun Zaimoglu mit Auszügen aus seinem jüngsten Buch „Die Geschichte der Frau“ zeigt. Zumindest, wenn man in die Geschichte zurück blickt. Und der Blick des Schriftstellers, der 1964 als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren wurde und heute in Kiel zu Hause ist, geht weit zurück in den zehn Episoden, die unverbunden nebeneinander stehen. In der ersten etwa 3500 Jahre, bis zu Zippora, der schwarzhäutigen Frau des Moses aus der jüdischen Thora.

Stets sei die Geschichte von Männern geschrieben worden, erklärt uns der Autor im Gespräch mit Moderatorin Bettina Baltschev. Als Folge von Zahlen, Siegen und Zusammenbrüchen. Dem setzt er die Geschichten von Frauen entgegen, mit Bedacht ausgewählten: „solche, die konstituierend für das Abendland waren“.

Vor allem versucht er, ihnen ihre Stimme zu geben. So authentisch das möglich ist bei einer Moses-Gattin etwa, die mutmaßlich Hebräisch gesprochen hat. Glaubwürdig muss es klingen. Archaisch klingt’s zumindest, sehr nach Altem Testament. Was das Lesen nicht einfach macht. Zumal diese zu einem Gutteil inneren Monologe eher Schleifen fahren, manchmal auf der Stelle treten, als an einem äußeren Geschehen voranzukommen.

Viel Sound, wenig Inhalt?

Immerhin beschenkt uns Zaimoglu in der Episode mit Küchenmagd Hannelore (Lore) Lay, die dem Dichter Clemens Brentano 1799 in Bacharach aus seiner Perspektive spröde, aus ihrer selbstbewusst begegnet, mit anmutigen Wort-Fundstücken aus der Romantik. Klang und Rhythmus sind ihm wichtig. Das unterstreicht er mit dirigierenden Bewegungen seiner Hände, an denen die Kettchen dazu wie Glöcklein leise klingeln. „Sang und Klang gehören zur Magie der deutschen Worte“, betont er. Manchmal ist es recht viel Sound, teils hochgeschraubter, und wenig Inhalt, haben manche Kritiker bemängelt.

Großartig allerdings ist der Monolog der Leyla, für die seine Mutter Patin stand. Weil wir da einer Fremdarbeiterin in den 1960-ern ganz nah kommen, ihrer Unsicherheit in der deutschen Sprache, ihrer Machtlosigkeit gegenüber der Vermieterin. Aber auch ihrem Verständnis für diese wunderliche Deutsche, die alle für verrückt halten.

Die Schönheit der Randgestalten

Hier zeigt er uns, wo das eigentlich Menschliche, das seltsam Schöne zu finden ist: bei denen, die abwertend „Randgestalten“ genannt werden. „Ich habe nur Bücher geschrieben über Menschen, die das Siegen nicht gelernt haben“, sagt Feridun Zaimoglu.

Auch die radikal-feministische Attentäterin Valerie Solanas wurde 1968 nicht zur Siegerin. Das blieb Andy Warhol, den sie anschoss, indem der Marktwert seiner Kunstwerke ins Unermessliche stieg.

Feridun Zaimoglu: “Die Geschichte der Frau“ Kiepenheuer und Witsch. 400 S., 19,99 Euro. Quelle: Kiepenheuer & Witsch/dpa

Mit einem Kinderprogramm im Zentralwerk und dem unwiderstehlich schwäbelnden Star der Literaturkritik Denis Scheck in der Schauburg ist am Sonntagabend ein Festival zu Ende gegangen, das sich zwischen den sicheren Säulen der Publikumslieblinge viel Platz für Versuche mit offenem Ausgang genommen hat. Möge sich dieser Mut herumsprechen.

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