Der mit dem Wolf tändelt
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13:45 31.01.2020
Der Wolf hat seit dem Mittelalter ein Imageproblem
Der Wolf hat seit dem Mittelalter ein Imageproblem Quelle: Carsten Rehder/dpa
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Dresden

Wölfe terrorisieren unser Land. Tausende von ihnen sind illegal eingewandert, darunter sehr viele gewaltbereite Tiere. Der Verfassungsschutz schaut weg, die Bundeswehr ist ob ihres maroden Zustands mal wieder nutzlos und die Naturschützer sind vor blinder Begeisterung völlig aus dem Häuschen, wollen einfach nicht sehen, dass die nimmersatten Räuber dafür sorgen, dass unschuldige Nutztiere nicht durch ein Bolzenschussgerät, sondern durchs Wolfsgebiss zu Schaden kommen.

Das ist die Sicht der einen zum Wolf. Andreas Hoppe gehört der anderen Fraktion an. Er verfasste ein Werk mit dem Titel „Die Hoffnung und der Wolf“, in dem er entschieden eine Lanze für die Daseinsberechtigung des Wolfes in deutschen Landen bricht. Am Mittwoch stellte er es – präsentiert von den DNN – im Haus des Buches in kleiner wolfsaffiner Runde vor.

Aus Liebe zum Wolf

Hoppe, Schauspieler und zumindest manchen durch seine Rolle italienisch-stämmiger (Tatort-)Kommissar Mario Kopper an der Seite von Ulrike Folkerts bekannt, zeigt in diesem sehr persönlichen Buch auf, wie es mit seiner Liebe zum Wolf begann (schon vor über 20 Jahren) und worauf sein Engagement für Natur, Umwelt und die Wölfe fußt. Für ihn war „das Unter-Schutz-Stellen des Wolfs im Rahmen der Wiedervereinigung ein Versprechen und eine Vision, eine Chance und eine Hoffnung – auf einen verantwortungsvollen Umgang mit einer erweiterten, autonomen Natur in unserer Heimat“. Seiner Ansicht nach ist ein Lernprozess vonnöten und „neben dem Schutz der Herden, die Bereitschaft, sich mit den neuen Nachbarn auseinanderzusetzen“. Dafür bemüht er sogar den Heiligen Franz von Assisi, der der Legende nach im Wolf von Gubbio den Bruder erblickte. Das hat Methode. Wenn sich bei gerissenen Schafen keine DNS findet, gilt der Wolf vielen als unschuldig – dann werden „wildernde Hunde“ bemüht, um die Statistik aufzuhübschen.

Wölfe haben ein Imageproblem

Es fasziniert Hoppe, dass das vielleicht „archaischste Tier unseres Landes, in einem ähnlichen sozialen System lebt wie der Mensch. Auch steht für ihn der Wolf „für eine Hoffnung auf eine Natur im Gleichgewicht.“ Entsprechend nimmt der Wolfs-Lobbyist den Leser mit in die Wildnis Kanadas und archaische Ecken Rumäniens, den Bayerischen Wald und Brandenburg. Er trifft Menschen, die freilebenden Wölfen aus unterschiedlichen Perspektiven begegnen - vom Staatssekretär über einen Herdenschutzbeauftragten bis hin zum Wildtierfotografen und Weidetierhalter. Der Kabinettsbeschluss, der vorsieht, dass es künftig leichter möglich sein soll, „Problem-Wölfe“ abzuschießen, stößt Hoppe auf. Mit Verve geht er das Imageproblem an, das der Wolf seit dem Mittelalter hat. Er ist bekanntlich der Bösewicht par excellence, ob nun in den Märchen der Brüder Grimm oder (Horror-)Filmen wie „Big Bad Wolf“, was in Zeiten der denkfaulen, aber halt doch grassierende Verbots„kultur“ dazu führen könnte, dass „Rotkäppchen“ bald auf dem Index steht.

Quelle: Swen Pförtner/dpa

Vehement plädiert Hoppe für Herdenschutz. Ja, das Ganze sei aufwendig, „aber unbedingt notwendig“, und es funktioniere. „Man muss sich halt darauf einlassen, auch wenn es mühsam ist und Veränderungen mit sich bringt“. Nun ja, betroffene Schäfer oder Bauern müssen es gleichwohl ausbaden, dass sie mal wieder einen bürokratischen Berg in Bewegung setzen müssen, wenn sie Geld für Schutzzäune oder gerissene Tiere haben wollen. Überfordert ist der Autor damit, anzuerkennen, dass es auf dem Land auch Menschen gibt, die nicht gleich seelisch erschüttert sind, wenn sie mal ein Tier totfahren und von einem Städter wie Hoppe schon gar nicht darüber belehrt werden wollen, wie ihr Blick auf die Natur auszufallen hat.

Naive Schwärmerei

Das Buch sind bei allem hehrem Anliegen auch allerlei Schwächen zu bescheinigen. Wenn zum dritten Mal gefragt wird, woher die verdammte Angst und der übermäßige Hass vor den Wölfen und vor Veränderungen stammen, dann kommt Langeweile auf. Natürlich kann man als Autor die Gelegenheit nutzen und vor dem Vormarsch der Rechten in Europa warnen, weil es dann „mit Kultur, Lebensart sowie Natur- und Umweltschutz vorbei“ sei, aber in sozialistischen Ländern wie der DDR, Vietnam oder China war bzw. ist es diesbezüglich auch nicht gerade zum Besten bestellt, wenn man’s recht bedenkt. Was die ständigen Oden auf die im Einklang mit der Natur erfolgende Lebensweise der „Native Americans“ angeht, da ist arg viel naive Schwärmerei im Spiel. Die Hochkulturen der Anasazi-Indianer in Nordamerika wie auch der Maya in Mittelamerika waren schon im Niedergang, bevor die ersten Weißen auftauchten, aber mit nicht ins Weltbild passenden Tatsachen hält sich Hoppe nicht auf.

Andreas Hoppe: Die Hoffnung und der Wolf. Wollen wir mit unseren neuen Nachbarn leben?, Frederking & Thaler Verlag, 192 Seiten, 24,99 Euro

Von Christian Ruf