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11:04 14.11.2019
Ruth Habermehl: München 2018, Collage (Ausschnitt). Quelle: Kunstverein Meißen
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Dresden

„Der Club der Schlange – Raumöffner für Phantasie“ – mit diesem Titel lädt der Kunstverein Meißen Gäste zu einer ganz besonderen Augenreise in seinen Räumlichkeiten auf der Burgstraße 2 ein. Ruth Habermehl, gebürtige Pfälzerin, bekennende Reisende, derzeit in Leipzig beheimatet, zeigt neue Collagen.

Dabei ist das Attribut in zweifacher Hinsicht zu verstehen: Die meisten dieser Collagen entstanden in den letzten drei Jahren, jedoch hat sich auch die Intention der Gestaltung durch die Künstlerin inzwischen maßgeblich geändert. 2008 war Ruth Habermehl bereits in der Galerie im Dresdner Kunsthaus Raskolnikow zu Gast – ebenfalls mit Collagen, die von großen Heiterkeit und Witz geprägt waren, skurril und im besten Falle komisch lustwandelten Personen über Schnittmusterbögen, standen hübsch bekleidete Damen auf Mauern und ließen sich von winzigen Herren bewundern.

Ein sprachlicher Abenteuerspielplatz als Vorlage

Zu vielen der neuen Collagen ließ sich die Künstlerin durch den – hierzulande leider noch immer zu wenig bekannten – Roman Rayuela des argentinischen Autors Julio Cortázar inspirieren, auch der Titel der Ausstellung hat hier ihren Ursprung. Das Buch erschien 1963, die deutsche Übersetzung durch Fritz Rudolf Fries liegt erst seit 1981 vor.

Rayuela ist so etwas wie ein sprachlicher Abenteuerspielplatz. Julio Cortázar stellte mit seinem Roman die Konventionen des Lesens und die Konventionen des Lebens gleichzeitig infrage. Wie beim Himmel-und-Hölle-Spiel, auf das sich der Buchtitel bezieht, wird der Leser aufgefordert, bei der Lektüre hin- und herzuspringen – um auf diese Weise jene Suche nachzuvollziehen, an welcher der Protagonist Oliveira mehr und mehr zu verzweifeln droht.

Der Autor schlägt gleich zu Beginn vor, das Buch nicht einfach von vorn nach hinten, sondern hin- und herspringend zu lesen. Das formale Durcheinander des Buches ist somit das Spiegelbild einer Welt, deren traditioneller Struktur und Hierarchie der Autor misstraut. Cortázar erhofft sich, dass der Leser – so heißt es im Buch – zum „Komplizen“ wird, der die Fragmente des Textes verbindet und damit selbst für ein kleines Stück Offenbarung sorgt.

Der Club der Schlange besteht aus einer bunten Gruppe von Freunden, die manche Nacht mit viel Jazz, endlosen Debatten, billigem Alkohol und viel Tabak verbringen. Oftmals betrinken sich alle, es gibt Tränen, Streit und zärtliche Gesten. „Schon damals“, lässt Cortázar seinen Protagonisten sagen, „war mir klar geworden, dass Suchen meine Bestimmung war, Emblem derer, die nachts fortgehen ohne festes Ziel, Daseinsberechtigung der Matadore der Kompassnadel.“

Er springt, der Funke

Hin- und Herspringen und dabei eine Gleichzeitigkeit von Menschen, Orten und Geschehnissen erzeugen, das scheint auch das Thema der Collagen von Ruth Habermehl zu sein. Doch anders, als die zuvor beschriebene Heiterkeit, erzeugen ihre neuen Collagen eher Verstörung, Verwirrung, denn gezeigt wird hier Spiegelbild einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, deren gleichzeitige Ereignisse sich zwischen Himmlischem und Höllischem abspielen. Und dennoch – oder gerade dadurch – üben sie einen Reiz, eine Magie auf den Betrachter aus, einen Sog, der mögliche Zusammenhänge erkennen lässt, abgründige und reizvolle.

Sie datieren in eine Zeit, in der das Weltgefüge zunehmend ins Wanken geraten ist. Diese große Unruhe ist in Ruth Habermehls Arbeiten spürbar, die künstlerische Technik der Collage, die sie schon länger und meisterhaft in ihren Arbeiten verwendet, hat in diesen neuen Arbeiten an Wucht gewonnen. Längst ist sie kein Spiel mehr, sondern ein unerbittliches Ringen um Anwesenheit in einer Welt, die sich in ihrer zerstörerischen Genusssucht selbst abzuschaffen droht. Der Weg zwischen Himmel und Hölle ist schon lange keine neun Sprünge mehr wert.

Es verwundert deshalb auch nicht, dass die Technik der Collage, deren Begriff durch den französischen Schriftsteller und Surrealisten André Breton geprägt wurde, als Stilmittel verwendet wird, um Realität zu fassen, wenn diese am flüchtigsten zu sein scheint. Für Max Ernst beispielsweise war die Collage mehr als ein bloßes Stilmittel, 1962 schrieb er in seinen biographischen Notizen „Wahrheitgewebe und Lügengewebe“: „Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“

Und genau das macht den Reiz der Collagen von Ruth Habermehl aus – denn er springt, der Funke, und Poesie ist in diesem Zusammenhang eben ein Synonym für das Unsagbare, das sich in Staunen offenbart und dazu angetan ist, Geschichten zu finden oder zu erfinden, Fragen zu stellen und im Sinne Cortázars immer weiter zu suchen – egal ob nach der Wahrheit, der Schönheit oder der Freiheit, nicht lügen zu müssen.

bis 23. November, Kunstverein Meißen, Burgstraße 2. Mi–Fr 12–18 Uhr/Sa 10–15 Uhr

Von Undine Materni

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