Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Der Kommunikator: Dresdens Kulturamtsleiter Manfred Wiemer geht in den Ruhestand
Nachrichten Kultur Regional Der Kommunikator: Dresdens Kulturamtsleiter Manfred Wiemer geht in den Ruhestand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:14 10.01.2020
Blick frei geradeaus: Manfred Wiemer, ab Freitag Kulturamtsleiter a.D. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Manfred Wiemer und das Dresdner Kulturamt wurden lange Jahre in einem Atemzug genannt. Im Frühjahr 1991 kam er unter Wild-West-Bedingungen dorthin, 1994 übernahm er den Bereich Bildende Kunst, Ende 2005 wurde er schließlich Amtsleiter. Am Freitag wird der dreifache Vater in den Ruhestand verabschiedet. Vorher traf sich der 65-Jährige noch mit den DNN zu mehr als einem Bilanzgespräch.

Frage: Haben Sie die Belastung des Amtes unterschätzt?

Manfred Wiemer: Nein, ich habe geahnt, dass es schwer wird. Ich habe wohl mehr Abende in all den Jahren nicht zu Hause verbracht als umgekehrt. Für die Familie war es aber nicht immer gut. Meine Frau kam zwar häufig mit in Konzerte, ins Theater oder zu Ausstellungseröffnungen, aber oft war in den Pausen oder vorher dann eben doch eine Art Dienstberatung. Dennoch will ich nicht klagen. Ich gehe aus dem Amt mit großer Dankbarkeit und Befriedigung.

Sie hatten kürzlich schon im Hygiene-Museum eine Art Abschiedsrede gehalten. Dort kam zur Sprache, dass damals, Anfang der Neunziger, schon die Frage stand: private Wirtschaft oder das Amt. Was gab den Ausschlag fürs Kulturamt?

Ich war in der Neuen Dresdner Galerie, im Frühjahr 1991. Wir hatten damals die Kündigung in der Hand, weil die ehemaligen Bezirksgalerien in die Insolvenz geschickt wurden. Für mich war relativ klar, dass ich eine private Galerie eröffne. Das war damals angesagt. Ich hatte Ökonomie studiert und fühlte mich betriebswirtschaftlich sicher. Wie andere auch, wurde ich gefragt, was ich nun machen will. Alle antworteten: Ich mache eine Galerie auf. Ich also auch, ich kannte ja den Betrieb und hatte große Lust dazu. Da kam die Frage, ob ich nicht Interesse hätte, das Kulturamt mit aufzubauen. Ich fragte etwas naiv, ob das Stadtverwaltung sei. Sitze ich dann im Rathaus? Ich war ja 1989 bei den Montagsdemonstrationen auch ums Rathaus gezogen, dort saßen meine fiktiven Gegner. Dort soll ich jetzt selbst einziehen? Und Verwaltung? Beamte mit Ärmelschonern? Unter keinen Umständen. Doch damals war Wild Ost, Bewerbungsgespräche gab es erstmal nicht. Ich wurde gebeten, einfach mal vorbeizukommen für eine Zeit auf Probe. So fing alles an, in der Villa Wasa am Wasaplatz, wo das Kulturamt saß – übrigens derselbe Raum, in dem meine Frau und ich 1976 geheiratet hatten. Da war das noch Standesamt.

Ein Wink des Schicksals...

Das kann man so sagen. Und ich fand wunderbare Kollegen vor. Eine Truppe, die mit Verwaltung erkennbar nicht so viel am Hut hatte wie mit neuen Ideen. Auch eine gewisse finanzielle Sicherheit mit Blick auf die Familie kam hinzu. Die Gründung einer Galerie wäre dagegen eine extrem harte Sache geworden, ohne Erfolgsgarantie – rückblickend. 1994 übernahm ich dann die Abteilung Bildende Kunst, Museen, Medien für Veranstaltungen.

„Denkmalschützer hatten und haben in Dresden eine große Wirkungsmacht“

Und es folgten bald magere Jahre.

Ja, beginnend ungefähr 1996 bis etwa 2006 waren Haushaltskonsolidierungen angesagt. Es wurde gekürzt, Schließungen von Kultureinrichtungen standen zur Diskussion. Aber wenn in Hinterzimmern etwas diskutiert wurde, kam das schnell ans Licht der Öffentlichkeit – und war damit vom Tisch. Niemand wollte als Schließer oder der Operette, der Philharmonie oder gar des Kreuzchores dastehen.

Im November 2005 wurden Sie schließlich Kulturamtsleiter.

Und zwar in einem geordneten Verfahren, nicht mehr so wild wie 1991. Was ich zunächst nicht wusste: dass das eigenständige Denkmalschutzamt als Abteilung dem Kulturamt angegliedert wurde. Das fand ich so vor. Die Denkmalschützer hatten und haben in Dresden eine große Wirkungsmacht, auch weil hier das Zurückblickende geliebt wird. Und mein Engagement fürs Zeitgenössische, zum Beispiel bei der Architektur des Neumarktes, wurde schon genau registriert. Da lag Konfliktpotenzial. Ich bin seit langem sehr froh über die Struktur des Amtes mit der Denkmalpflege. Die Pflege des Erbes und die Förderung der Gegenwartskünste müssen zusammen gedacht werden.

Stichwort Rückblickendes. Warum bewegen sich die Dinge in Dresden oft nur sehr langsam aus dieser Rückwärts-Perspektive heraus?

Da will ich erst einmal kontern. Der Vorwurf, dass sich Dresden nicht um zeitgenössische Kunst kümmert, lässt sich mittlerweile deutlich widerlegen. Das wird inzwischen auch überregional so wahrgenommen. Natürlich helfen dabei Ereignisse wie Manaf Halbounis Bus-„Monument“ am Neumarkt. Doch daneben gibt es eine ganze Reihe von Entwicklungen, ob es nun Hellerau betrifft, das Kunsthaus oder die Staatlichen Kunstsammlungen, das Hygiene-Museum und das Staatsschauspiel, die zum Gesamtbild gehören. An all diesen Kulturorten ist eine Menge passiert in den vergangenen Jahren, was auch mit einem Generationswechsel und konkret handelnden Personen zu tun hat.

„Viele kompetente Persönlichkeiten haben Dresden maßgeblich geprägt“

Und mit in Dresden häufig immer noch heiß diskutierten „West-Importen“, wenn ich nur an den Schauspiel-Intendanten Wilfried Schulz denke. Als er nach Düsseldorf wechselte, kam die Frage auf, warum er in Dresden nicht verlängert.

Das war auch bei Martin Roth an der Spitze der Kunstsammlungen so, als er nach London ging. Plötzlich entdeckt das Publikum, wie wichtig sie für die Stadt eigentlich sind. Viele kompetente Persönlichkeiten kamen hierher, nicht nur aus dem Westen, und haben Dresden maßgeblich geprägt. Dazu kommt, dass in den letzten 10, 15 Jahren, auch schon eher, einfach gute Entscheidungen bei Intendanten- und Direktorenwechseln getroffen wurden. Das war und ist entscheidend für die Profilierung der Stadt.

Und nun noch einmal zur Vergangenheit. Mit Blick auf die Nachwendezeit beklagen heute viele Helmut Kohls Aussagen, die Deutschlandfahnen oder die Einigungsslogans. Für mich lag das Problem woanders. Was mich erschreckte, waren die Sachsen-Fahnen, die Prinzen, Grafen und der Geldadel. Für mich sah das aus wie in den Kitschfilmen: Die kommen und kaufen die Weinberge, die Villen und die Wälder. Das wirkte, als solle es zurück zur Monarchie gehen. Dann wurde gefordert, auf die Staatskanzlei wieder eine Krone zu setzen... Oder die Diskussion um Frank Stellas Kunsthalle, der als amerikanischer Architekt denunziert wurde in dem Sinne, dass er Dresden mit seinem Entwurf schon wieder zerstöre wie seine Landsleute 1945. Solche Dinge haben mich erschüttert. Und wenn man im In- oder Ausland unterwegs ist und schaut von dort zurück in Richtung Heimat, denkt man schon manchmal: Warum ist Dresden nur so tief im Tal?

Damit sind wir bei Wahlergebnissen, bei Pegida und der AfD...

Und es ist eine sehr schwierige Aufgabe, mit all dem umzugehen. Ich sage auch nicht, dass Politik oder Medien an der Entwicklung schuld sind, sondern wir als Gesellschaft. Wir haben die Zeit verpasst, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die heute nur noch herumbrüllen. Leute wie Frank Richter, die das versucht haben, hätte man mehr unterstützen müssen statt sie zu denunzieren.

Veranstaltung mit Uwe Tellkamp lief nicht gut

Diese Kommunikation in unruhigen Zeiten war ja auch Teil der nun gescheiterten Dresdner Kulturhauptstadtbewerbung. Sie wurde zur Avantgarde des gesellschaftlichen Diskurses umgedeutet. War das selbstzerstörerisch, auch mit Blick auf die Bewerbung?

Das kann man so sehen, vielleicht muss man das sogar. Wir wollten Konflikte in der Stadt, die eigentlich europäische sind, auf eine Bühne bringen, mit Durs Grünbein und Uwe Tellkamp zum Auftakt. Die Veranstaltung lief nicht gut. Ich hatte damals den Eindruck, dass einige Diskussionsteilnehmer ihr intellektuelles Niveau verließen. Das Resümee war jedenfalls gespalten. Prinzipiell stehe ich aber noch heute dazu.

Wir haben leider auch mit den hergebrachten Gesprächsformaten zu wenig Bürger erreicht, die nicht kulturaffin sind. Bei den Bürgerversammlungen zwischen 2017 und 2019 in allen Stadtteilen, die mit zur Kulturhauptstadtbewerbung gehörten, gab es großartige Beteiligungen – und Stadtbezirke, wo nur rund zehn Leute kamen, die noch dazu erkennbar Kulturaktivisten waren. Mehr Menschen zu erreichen ist eine Aufgabe, für die ich nicht sofort ein Rezept sehe. Kitas und Schulen sind da gefragt, was selbst mit besten Konzepten und guter finanzieller Unterstützung nicht einfach ist.

Welche kulturellen Projekte, von deren Wichtigkeit Sie überzeugt sind, fehlen in Dresden noch?

Nach wie vor eine Kunsthalle für zeitgenössische bildende Kunst, die auch architektonisch etwas hergibt, und heute nicht mehr als klassischer White Cube gedacht werden kann. Außerdem brauchen die Städtischen Museen ein Depot, am besten ein Schaudepot. Bei der Städtischen Galerie plädiere ich außerdem für einen ergänzenden Neubau.

Was mir sehr wehtut, ist das Scheitern der Kulturhauptstadtbewerbung. Da bin ich einigermaßen ratlos, weil ich denke, dass unsere Bewerbung gut war. Ende Januar will die Jury die Begründungen veröffentlichen, dann wissen wir vielleicht mehr. Dass Zittau raus ist, hat mich auch tief enttäuscht. Es war eine sehr sympathische Bewerbung, aus dem Dreiländereck heraus, die mich begeistert hat. Nach unserem Scheitern war aber gleich ein Trotzdem im Amt zu hören, wo die Kollegen umgehend überlegten, was nun von all den Projekten dennoch fortgeführt werden kann. Keine Niedergeschlagenheit, keine vordergründige Schuldzuweisung, sondern die Frage: Wie geht’s weiter? Oberbürgermeister und Kulturbürgermeisterin an der Spitze.

„Dem Dresdner Stadtrat gilt großer Dank“

Andererseits sind ja Erfolge ebenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Ich bin schon stolz, dass und wie wir in der Stadt die Großprojekte Kulturpalast und Kraftwerk Mitte umgesetzt haben, auch wenn weder mein Amt noch ich dort an erster Stelle standen. Vor allem die Tatsache, dass beide Bauprojekte im Zeitrahmen und fast auch im Budgetrahmen blieben, ist in meinen Augen, vor allem überregional, fast gar nicht wahrgenommen worden – besonders mit Blick auf Bauten wie die Hamburger Elbphilharmonie.

Dem Dresdner Stadtrat gilt jedenfalls großer Dank. Er hat kulturpolitisch über Jahre und Jahrzehnte hinweg gute Entscheidungen getroffen hat, verglichen mit anderen Städten. Das wird in der jetzigen Konstellation sicher schwieriger, aber ich sehe in Dresden nach wie vor eine Mehrheit für kluge Kulturpolitik.

Von Kerstin Leiße und Torsten Klaus

Michael Giras Swans kommen diesmal nicht live nach Dresden, dafür mit neuem Album und dem Dokumentarfilm „Where Does A Body End?“ in gleich drei Kinos der Stadt

09.01.2020

Die Konzertreihe „Offenes Palais“ soll nach der Trennung vom Förderverein Palais im Großen Garten e.V. gemeinsam mit dem Dresdner Verein „Erkenne Dich selbst im Fremden“ fortgeführt werden. Inhaltlich geht man da in verwandte Richtungen.

09.01.2020

Mit einem Trauergottesdienst in der Kreuzkirche hat Dresden einen bewegenden Abschied von Peter Schreier genommen. Rund 3000 Menschen erwiesen dem Sänger die letzte Ehre.

09.01.2020