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Regional Der Dirigent Christian Thielemann wird 60 Jahre – Eine Spurensuche
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09:29 01.04.2019
Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker bei einer Voraufführung des Neujahrskonzertes 2019. Quelle: Hans Punz, APA/dpa
Dresden

Sechzig Jahre sind für einen Dirigenten kein Alter, schon gar nicht für Christian Thielemann, der sich ja auch im siebten Jahr als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle noch im fortgesetzten Flitterwochen-Modus befindet. Doch angesichts von inzwischen mehr als vierzig Jahren, die der am 1. April 1959 in Berlin geborene Musiker schon im Berufsleben steht, Anlass genug, sich auf Spurensuche zu begeben.

„Musikalisch bin ich immer lockerer geworden, aber nicht verantwortungslos.“

Beginnen wir bei seinem Auftakt zu diesem persönlichen Jubiläumsjahr, den hat er mit einem Debüt absolviert und erstmals das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker geleitet hat. „Eigentlich ist das ja ein Jahr wie jedes andere“, sagt er, „aber eben mit neuen Eindrücken. Dieses Neujahrskonzert war für mich deshalb eine ganz besondere Geschichte, weil ich diese Walzer durch das Spiel des Orchesters in einem noch mal ganz anderen Licht gesehen habe. Ich hab gar nicht gewusst, dass die ‚Schöne blaue Donau’ so traurig ist. Und dass die das mit einer solchen Ernsthaftigkeit spielen, als wär’s die Vierte Brahms oder die Neunte Beethoven. Unglaublich.“

Ein Wort wie Walzerseligkeit will er dafür aber nicht gelten lassen: „Naja, selig – das ist selig, aber irgendwie hat’s auch so ein Es-war-einmal-Gefühl. Ich hab mich lange nicht auf ein Konzert so vorbereitet wie auf dieses.“ An seinen runden Geburtstag will er da noch gar nicht gedacht haben. Und ein Problem mit dieser Zahl hat er offenbar auch nicht: „Nö, man ist so alt, wie man ist. Ich bin ’59 geboren und dabei bleibt’s. Es ist ja nur die Frage, wie Sie sich darstellen damit und wie man die Erfahrungen, die man gemacht hat, nutzt – und ich muss sagen, ich hab mich menschlich und musikalisch nie so wohlgefühlt wie jetzt.“ Sagt’s und fügt ein „Toi, toi, toi“ hintan.

Christian Thielemann, der dieser Tage in Salzburg die Osterfestspiele vorbereitet und den ich kurz vor seiner Abreise in Dresden gesprochen habe, reflektiert aber sehr wohl über sein Leben, das natürlich zuallererst ein Leben mit der Musik ist: „Musikalisch bin ich immer lockerer geworden, aber nicht verantwortungslos. Ich sehe die Sachen jetzt runder, weil ich mehr gemacht habe. All das summiert sich natürlich, da sagt man sich, aha, jetzt ist eine bestimmte Zahl erreicht, doch das ist nur eine Zahl. Wichtiger ist die Erfahrung, die man gemacht hat. Und die man auch, wenn ich ehrlich bin, eigentlich nicht unbedingt nochmal machen will.“

„Ich will gar nicht so dirigieren, wie ich vor zwanzig Jahren dirigiert habe.“

Wär ja auch schlimm, wenn sich ein kreativer Geist nicht weiterentwickeln und auf der Stelle treten würde. Aber was hat sich verändert, was meint er mit der neuen Lockerheit?

„Na, durch die sehr guten Orchester, mit denen ich habe arbeiten können und dürfen, verändert sich die Gestik sehr. Man macht viel mehr mit dem Blickkontakt, viel mehr mit der linken Hand oder überhaupt einer, nennen wir es reduzierten Gestik. Also reduziert natürlich nicht im Ausdruck, ich reduziere in der Größe, wie bekomme ich mit weniger Bewegung mehr raus als früher. Ich will gar nicht so dirigieren, wie ich vor zwanzig Jahren dirigiert habe.“

Die Resultate früherer Dirigate von Christian Thielemann lassen sich jetzt in einer exklusiven Jubiläumsedition mit sage und schreibe 21 CDs nachhören, die soeben beim Label Deutsche Grammophon erschienen ist. Der Querschnitt eines Lebens zwischen Orchestergraben und Konzertpodium, er reicht von Mozart bis Mendelssohn, von Schumann (neben Robert auch Clara) bis Strauss, und beinhaltet natürlich ebenso die drei großen B: Beethoven, Bruckner und Brahms. Daneben finden sich Heinrich Marschner, Otto Nicolai, Carl Orff, Arnold Schoenberg sowie Carl Maria von Weber. Ein wirklicher Querschnitt.

Dennoch wird Thielemann immer wieder auf Richard Wagner festgelegt. Er bestätigt: „Ich habe mit einem bestimmten Fach meine Karriere gemacht, insofern stimmt es“, und rückt zurecht: „Das liegt auch daran, als ich Mitte 20 war, dass die Gier nach Wagner so groß war. Unüblich damals für mein Alter, weil es ja noch die älteren Kollegen von Stein und Solti und Karajan gab. Man wird gerne in Schubladen getan, das stimmt aber immer nur teilweise. Ich habe mit Operette angefangen und alles dirigiert von der ‚Lustigen Witwe‘, dem ‚Vogelhändler‘ bis hin zum ‚Land des Lächelns‘ und ‚Gräfin Mariza‘.“

„Ich hab den Pfitzner aufgeführt, weil ich die Musik so toll fand.“

Der einstige Assistent Herbert von Karajans begann seine Laufbahn als Korrepetitor an der Deutschen Oper Berlin, ging nach Gelsenkirchen, Karlsruhe und Hannover, war Erster Kapellmeister in Düsseldorf und ab 1988 Generalmusikdirektor in Nürnberg. Als damals jüngster GMD Deutschlands eröffnete er ausgerechnet mit Hans Pfitzners „Palestrina“. Eine Provokation sei dies allerdings nicht gewesen, wehrt der Dirigent rückblickend ab. „Eine Provokation haben andere Leute daraus gemacht. Ich hab den Pfitzner aufgeführt, weil ich die Musik so toll fand.“

Immer mal wieder spricht sich Christian Thielemann dafür aus, dass eine Tonart nicht politisch sein könne. Insofern ist es folgerichtig (?), dass seine Geburtstagsgabe ausgerechnet mit Pfitzner eröffnet.

Seit 2012 ist Christian Thielemann Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle. Zuvor war er GMD der Deutschen Oper Berlin sowie der Münchner Philharmoniker. Inzwischen ist er auch Musikdirektor der Bayreuther Festspiele und, seit 2013, Künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg. Die Kapelle ist seitdem das dortige Residenzorchester. Gegenwärtig wird die Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ vorbereitet.

Jubiläumsedition Deutsche Grammophon: 21 CDs mit Werken aus vier Jahrhunderten. Christian Thielemann dirigiert das Orchester der Deutschen Oper Berlin, die Londoner Philharmoniker, das Philadelphia Orchestra, die Wiener sowie die Münchner Philharmoniker und die Sächsische Staatskapelle Dresden. (DG 00289 483 6423) Quelle: Label
Bildband „Christian Thielemann – Dirigieren/Conducting“ mit Fotografien von Lois Lammerhuber (Edition Lammerhuber, 99 Euro. Quelle: PR

Von Michael Ernst

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