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Regional Der „Antifaust“ als apokalyptische Vision am Staatstheater Cottbus
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16:20 05.03.2020
Multimediales Gesamtkunstwerk: Jo Fabians„Antifaust“-Uraufführung am Staatstheater Cottbus  Quelle: Marlies Kross
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Cottubs

Als Jo Fabian sein Doppelprojekt der Auseinandersetzung mit Goethes bedeutendstem, zugleich dem „deutschesten“ Drama ankündigte, war noch nicht klar, dass es seine letzten Regiearbeiten als Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus sein würden. Inwiefern der radikale Bruch mit der Tradition von Deutung und Interpretation dabei eine Rolle spielt, sei dahingestellt. So jedenfalls war die „Antifaust“-Premiere am vergangenen Wochenende ein doppelt zelebrierter Abschied, nicht nur von überholten Denkmustern.

Allein der oratorisch aufgeweitete Soundtrack lohnte das Kommen

Theater-Installation und Faust-Kommentar erwiesen sich als Formen weitab von Statik oder literarischem Exkurs. Stattdessen sind die Übergänge wie immer bei Fabian fließend, die Vorgänge simultan bis in die Dialoge, so dass man seine eigene Methode der Beobachtung finden muss. Dafür gab es vielleicht mehr unaufdringliche Orientierungshilfe als erwartet. Auch Fabians Faust II blickt weit zurück in die Vergangenheit, befasst sich mit alten Mythen, sucht die Wurzeln der Faust-Geschichte und den geistigen wie geistlichen Hintergrund der so genannten abendländische Kultur. Wieder kommt er zur These von der Notwendigkeit eines völlig neuen Anfangs als einzig mögliche Überlebensstrategie.

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Das Stammpublikum konnte ahnen, worauf es sich einließ, zumal nach dem Erlebnis der in museale Schaustücke sezierten Faust-Gretchen-Geschichte. Es wurde noch einmal überrascht und berührt durch das Erlebnis eines multimedialen Gesamtkunstwerks von provokanter Aussagekraft und großer Sinnlichkeit. Allein der in zeitgemäß raffinierter Verquickung von Handarbeit und Elektronik entstehende Soundtrack, den Chris Hinze (Sandow) und Lars Neugebauer zum Teil gemeinsam mit dem Ensemble oratorisch aufweiten, lohnte das Kommen. Andererseits wurde die geballte Wucht des theoretischen Exkurses und seiner Schlussfolgerungen auch durch die Monotonie vieler Abläufe sublimiert, so dass eine geradezu kosmische Distanz oder Gelassenheit aufkam, allerdings auch einige starke Ironisierungen beinahe untergingen.

Die Installation im engeren Sinn besteht aus einem turmartigen Gebilde aus Gerüsten, das die ganze Drehbühne einnimmt, im Innenraum aufragend zwei riesige, schief miteinander verschränkte Kreuze; auf dem einen hockt Mephisto wie ein apokalyptischer Reiter mit schwarzen Flügel, Kapitän eines Schiffes mit roten Segeln, er hält die Zügel und ist zugleich angekettet, gespenstisch starr wie eine Puppe auch der weiße Engel in seinem Rücken, und doch beide lebendig, verletzlich, ja sogar berührbar, wie sich zeigen soll.

Szenenfoto aus „Antifaust“ Quelle: Marlies Kross

Zu ihren Füßen, in den Streben des Gerüsts eine Menge Volk, das gesamte Schauspielensemble plus Statisterie, ein biblisch anmutendes Milieu (Kostüme: Pascale Arndtz), in dem doch einzelne Figuren und deren Darsteller aus dem Faust auszumachen sind. So etwa Marthe, die immer noch auf etwas Schriftliches zum Tod ihres Mannes hofft. Andere sind hinein migriert, auf der Suche nach dem Gelobten Land. Propheten, Heilsverkünder und Hungerkünstler zumal werden in ihren Reden und kleinen Szenen übergroß ins Videobild gesetzt (professionell bildmächtig David Kasperowski), doch die als falsch „Entlarvten“ werden hier gehörnt und vor den Karren gespannt. Und so muss denn Faust, das heißt in persona Axel Strothmann als dessen Darsteller, zum Schein die ganze Zeit über die gewaltige Apparatur in ihrer schneckenhaften, nur einmal kreischend gestoppten Bewegung halten.

Eine vernachlässigte Figur fordert beinahe dramatisch Aufmerksamkeit

Der große Gelehrte also, dem es nur mit Hilfe des Teufels gelang, die kleine Näherin zu verführen, die dafür auf dem Schafott endete, aber angeblich gerettet wurde, „ein egoistischer Einzelgänger, begabt, unsolidarisch, ruhelos, rücksichtslos und zum Mitgefühl nur kurzzeitig in der Lage“, wird zur Randfigur. Die Visionen von der ewig währenden Liebe sowie der Vermehrung des Kapitals, der Zeugung des Neuen Menschen, der jedermann den Wohlstand bringenden Urbarmachung von Sümpfen und Wüsten wurden von der Wirklichkeit erfüllt, pervertiert und übertroffen. Der gemeine homo sapiens entfremdet vom Drang zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält – er hat sich scheinbar aufgelöst in der nunmehr gähnenden Leere zwischen den Atomen. Fabian jedoch findet hier den Buddhismus als Schlüssel zum Verständnis von bzw. zum Eingehen in Raum und Zeit.

Zunächst aber wird aufs Neue verhandelt, ob es einen oder mehrere Götter gebe, was aus den alten Prophezeiungen zu folgern ist, ob man die Arche in der Sintflut nach Gottes Willen treiben lassen oder besser steuern soll durch einen von ihm Erwählten. Was und wen man in Zukunft noch zum Leben brauche. Fabians Text, der weitgehend im Programmheft nachzulesen ist, setzt dies immer wieder ins Verhältnis zur Rolle der Faustfigur im gesellschaftlichen Selbstverständnis.

Bis zu dem Moment, wo eine bislang offenbar vernachlässigte Figur beinahe dramatisch Aufmerksamkeit fordert. Sie berichtet von einem Mann, der die Grenzen des Todes überwinden kann. Seit der Bronzezeit schon sei er unterwegs, habe sich noch vom alten Buddha unterrichten lassen und dessen Lehre verbreitet, sei aber später verkannt und gekreuzigt, schließlich für Jesus und Gottes Sohn gehalten worden. So bekennt er sich, und da steht er nun mit einer nachlässig umgehängten Kalaschnikow, die er später zu allem Überfluss auch noch auf das Publikum richten wird.

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Er sei gekommen, „um uns vom Christentum zu erlösen“, heißt es da, zu erlösen von den Sünden, vor allem aber von der großen Schuld, von dem, was Menschen im Namen ihres jeweiligen Glaubens Menschen angetan haben und bis heute antun. „Das ist doch Blasphemie“, steht da in Fabians Text und ist in aller Konsequenz wohl auch gemeint als Absage an jegliche Glaubensgewissheit. Sicherlich nicht nur in diesem Detail provokant, aber niemals penetrant oder plakativ, sondern der Aufmerksamkeit und der Urteilsfähigkeit wacher Zuhörer anempfohlen, die stets ernst genommen werden. Eine Grenzüberschreitung?

Nach dem Ende folgt die Pause, und da ist nur noch der Nachhall der in diesem Raum längst verklungenen Stimmen zu hören. Als ob sich ein vertonter Stummfilm abspult mit Szenen nach der Apokalypse. Die Welt ein Lazarett, Überlebende werden von Rotkreuzschwestern versorgt, auch der wiederum geschundene dornenbekrönte Jesus. Klagendes, kein besudelndes Blut, sogar Linderung und leise keimende Hoffnung. Die Überirdischen, verletzbar geworden, ihrer Flügel brutal beraubt, finden auf den Füßen zueinander, der schwarze und der weiße Engel fallen sich in die Arme wie die Mitglieder des Ensemble beim Schlussbeifall, der schon fast zu einer rituellen Verbrüderung mit dem Publikum wird. Aber es gibt noch ein Nachspiel. Da dreht sich dann nur die leere Apparatur zu Verkündungen und Illustrationen einer „neuen Ordnung“, die der Beobachter teils mit Schrecken identifizieren kann, teils auch nicht. Fabians Maschinerie für „plastisches Denken“, sie bewegt sich doch und wohl auch unsichtbar weiter.

weitere Aufführungen:Antifaust“ am 5. März, 4. April, 5. Mai, 3. Juni; „Faust“ am 3. April und 2. Juni

www.staatstheater-cottbus.de

Von Tomas Petzold

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