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Coronakrise: Trompeter Till Brönner -  Kultur ist Menschenrecht, kein Luxus

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11:32 02.11.2020
Der Trompeter Till Brönner bangt um die Zukunft der Kulturbranche in Deutschland. Quelle: Patrick Pleul/dpa
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Dresden

Mein Name ist Till Brönner, ich bin 49 Jahre alt und ich bin Musiker und Fotograf. Sowas wie heute habe ich noch nie gemacht. Muss daran liegen, dass ich ziemlich sauer bin. Seit Monaten schaue ich mir jetzt nicht nur an, wie eine gesamte Branche durch Corona lahmgelegt wird, sondern erlebe auch wie auffällig verhalten und geradezu übervorsichtig Bühnenkünstler sich auch nach acht Monaten zu dieser Misere äußern, obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht.

Fatale Zurückhaltung in den eigenen Reihen

Ich halte diese Zurückhaltung aus unseren eigenen Reihen für fatal. Da sie ein völlig falsches Bild der dramatischen Lage zeichnet, in der sich unser Berufszweig aktuell befindet. Und ich denke, es ist an der Zeit mal klarzustellen, worüber wir gerade sprechen. Denn es geht hier nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um uns alle. Und es geht um Geld, viel Geld.

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Ich bin Künstler, aber ich bin auch Arbeitgeber, Familienvater und Leistungsträger einer Nation, die sich auch selbst gerne das Land der Dichter und Denker nennt. Ich konzertiere seit vielen Jahren weltweit, und empfinde mich zusammen mit vielen deutschen Kollegen auch als Botschafter eines Landes, das seit hunderten von Jahren als Mutterland und Vorreiter vieler Künstler angesehen und verehrt wird.

Vor diesem Hintergrund ist es umso skandalöser, welche unwirklichem Schauspiel wir gerade beiwohnen müssen. Zu sehen, wie unsere Wirtschaft seit Ausbruch der Pandemie Ende Februar reflexartig in systemrelevante und systemirrelevante Berufe unterteilt wurde, habe ich zunächst für eine reine Sicherheitsmaßnahme gehalten. Safety first, ist doch klar. Jetzt muss erstmal das Virus untersucht werden. Als dann klar wurde, dass Corona uns wesentlich länger in Atem halten würde, dachte ich naja, gib denen da oben in der Politik mal ein bisschen Zeit, die können ja auch nicht zaubern. Ein Land wie Deutschland wird uns schon nicht hängen lassen. Die haben uns ja auch schließlich alle ausgebildet und uns ’ne Steuernummer verpasst.

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Dann kam der Sommer. Und wenn ich ehrlich bin, bekam ich genauso viele Urlaubsfotos und -karten wie immer. Von Leuten außerhalb der Branche. Der Spaß und die Leichtigkeit schienen also zurück zu sein. Gleichzeitig landeten schon die ersten Anrufe von Kolleginnen und Kollegen bei mir, die sich alle mal vorsichtig erkundigen wollten, ob es bei mir denn auch so mau aussehe wie bei ihnen.

Branche mit Gesamtumsatz von 130 Milliarden Euro

Ich spreche von Musikern, Toningenieuren, Lichttechnikern, Caterern, Bühnenbauern, Busfahrern, Beschallungsfirmen, Clubbesitzern, Agenturen und lokalen Hallenbetreibern. Die Liste allein in meinem persönlichen Umfeld ist also sehr sehr lang. Ich spreche von Hunderten qualifizierten Menschen, studiert und nur in meinem Dunstkreis. Und hochgerechnet sind wir viele, sehr sehr viele. Um genau zu sein, so viele, dass der Vergleich mit den größten Branchen wie zum Beispiel der Autoindustrie deshalb hinkt, weil wir mehr als doppelt so viele sind. Nämlich weit über 1,5 Millionen. Menschen, deren Broterwerb an Tag eins der Pandemie nachvollziehbarerweise abgeschaltet wurde.

Ein Wirtschaftszweig mit einem Gesamtumsatz von über 130 Milliarden Euro. Richtig gehört, 130 Milliarden. Das ist kein Luxusproblem, das ist ein Kernproblem. Und damit hier kein Missverständnis aufkommt, wir alle wollen uns schützen und geschützt werden vor diesem verdammten Virus. Aber wenn ein gesamter Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit auch dafür sorgen, dass diese Menschen nach Corona noch da sind. Oder was habe ich übersehen? Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld 2 anbieten? Wir Musikkünstler sind weder arbeitslos noch hatten wir vor Corona ein Nachfrageproblem. Wie so einige andere Branchen übrigens, die in Wahrheit nicht an Corona, sondern durch Schläfrigkeit oder Gier in Schieflage geraten sind.

Wer würde auch nur im Ansatz anzweifeln, dass die Menschen nach Corona nicht wieder ins Konzert gehen, oder ins Theater oder in eine Arena. Es gibt doch was zu feiern, wenn der ganze Mist vorbei ist. Ich denke übrigens, man hat es nicht übersehen, im Gegenteil. Aber wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche sind noch immer zu leise. Weil wir keine ernst zu nehmende Gewerkschaft haben. Und genau das rächt sich jetzt. Wer ist es, der der Politik stellvertretend im Nacken sitzt, wie der Lokführer Gewerkschaftsboss Claus Weselsky der Deutschen Bahn? Und das mit nur circa 9000 Mitgliedern.

„Wir sind keine Minderheit“

Wie wäre es, wenn einfach mal drei Tage der Ton abgedreht oder das Radio keine Musik mehr spielen würde? Hier müssen wir in Zukunft auch ganz klar unsere Hausaufgaben machen als Künstler und vielleicht beginnen, Mitgliedsbeiträge zu bezahlen. Auch wenn das vielleicht unkünstlerisch oder uncool ist.

Aber es geht um Gerechtigkeit, um 130 Milliarden Umsatz und um viele, viele Menschen. Wir sind keine Minderheit. Der Schrei nach der Kulturstaatsministerin ist zunächst nachvollziehbar gewesen, trifft in meinen Augen aber nicht den Kern unseres Anliegens. Unsere Ansprache gilt dem Wirtschafts-, Arbeits – und Finanzministerium. In Deutschland leben 83 Millionen Menschen, die Hauptsteuerlast liegt jedoch nur bei 16,5 Millionen Menschen, 1,5 Millionen davon sind wir. Wir liegen damit auf Platz 2 der Beschäftigungszahlen. Und bis heute gibt es kein funktionierendes Hilfsprogramm, dass dieser Tatsache ernsthaft Rechnung trüge.

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 Der Gesamtüberblick

Was hier gerade passiert, verstößt gegen alles, was ich über Deutschland gelernt habe. Und wofür wir mit unserem demokratischen Selbstverständnis stehen. Liebe Politiker, lasst euch wählen, ja, aber vergesst bitte nicht von wem. Das Land steht kulturell still. Und die Beweglichsten und Ehrlichsten tretet ihr gerade mit Füßen. Wenn ihr nicht handelt. Sonst heißt es Buona Notte, Licht aus. Und genau dazu darf es aus meiner Sicht nicht kommen. Nehmen wir uns und unsere Errungenschaften ernst, damit wir den Glauben an unser erfolgreiches pluralistisches System behalten. Genau das ist nämlich in Gefahr, wenn Kultur nicht mehr frei arbeiten und frei wirtschaften kann. Mag sein, dass wir in Europa jetzt die einzigen wären, die Kultur auf die Agenda setzen, ja gut, dann setzen wir damit eben endlich mal wieder einen Impuls. Kultur ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht und spült – man höre und staune – Geld in die Kassen des Staates. Und genau das wussten Politiker auch schon während der Antike ziemlich genau. Es heißt jetzt aufwachen und zeigen, dass wir verstanden haben. Dankeschön

Von Till Brönner