Corona: Der Handschlag hat ausgedient
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Corona: Der Handschlag hat ausgedient

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09:09 08.03.2021
Zärtlichkeit in den Zeiten der Corona-Pandemie: Gregg MacDonald hält in einem Umarmungszelt in Louisville die Hand seiner 84-jährigen Mutter Chloe.
Zärtlichkeit in den Zeiten der Corona-Pandemie: Gregg MacDonald hält in einem Umarmungszelt in Louisville die Hand seiner 84-jährigen Mutter Chloe. Quelle: Foto: Thomas Peiper/dpa
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Es ist eine heile Welt, in die wir uns jeden Abend begeben. Unsere Heldinnen und Helden feiern, tanzen und küssen, als gäbe es kein Corona. Nach einem Jahr spielt das Virus in Filmen, Serien und TV-Formaten noch immer keine nennenswerte Rolle. Doch wenn wir ihre Protagonisten ganz ohne Maske und Abstand sehen, beschleicht uns ein unbehagliches Gefühl – das fühlt sich einfach nicht mehr richtig an.

„Hitler“ muss wegen Corona ausgetauscht werden

Dabei ist die Entscheidung, Corona in fiktionalen Handlungen nicht zu zeigen, eine bewusste. Den Machern geht es vor allem um Eskapismus. Die Zuschauer sollen sich zurücklehnen können und dem Alltag entkommen, in dem sie ohnehin schon genug mit Corona belastet werden. Beinahe grotesk muss dabei die Meldung klingen, dass zuletzt bei den Dreharbeiten für den Historienfilm „München“ (Netflix) ausgerechnet der Hauptdarsteller des Adolf Hitler ausgetauscht werden musste – wegen eines positiven Corona-Tests.

Die Zuschauer vor dem Bildschirm haben sich jedoch längst an eine andere Lebenswelt gewöhnt, erklärt der Sozialgeograph Simon Runkel, seines Zeichens Juniorprofessor an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena: „Wir haben in der Pandemie gelernt, unseren Körper auch als Überträger zu sehen.“ Das Gefühl von uneingeschränkter Nähe im täglichen Umgang ist dem Bewusstsein gewichen, dass Berührungen auch gefährlich sein können. Seit einem Jahr beschäftigt sich Runkel in einem interdisziplinären Team aus Wissenschaftlern mit der Frage, wie die Corona-Pandemie unser Verständnis von räumlicher und sozialer Nähe verändert.

Körperlichkeit verliert an Bedeutung

Seine These: Wie ein Prisma bei einem Lichtstrahl macht die Pandemie gesellschaftliche Veränderungen sichtbar, die bereits vor Corona im Gange waren. „Durch den Lockdown entsteht eine neue Verbalität“, sagt Runkel. Kommunikation findet stärker in digitalen Räumen statt als bisher schon. Unser Alltag wird bestimmt von Zoom-Konferenzen, E-Learning oder Telefonaten in die Heimat. Dies verändere auch unser Miteinander. „Es entstehen gerade neue Formen der Intimität, die weniger auf Berührungen oder körperlicher Inszenierung beruhen. Unsere soziale Kommunikation zielt in der Isolation viel stärker auf das Reden und Hören ab.“

Körperlichkeit verliert im digitalen Raum an Bedeutung. „Viele Menschen werden sich körperlich fremder und versuchen daher den Blick auf Dinge zu lenken, die sie in der zweidimensionalen Welt sehen und hören können“, vermutet Runkel. Es sei daher plausibel, dass wir uns gerade so sehr auf unsere schlimmen Frisuren konzentrieren. Struppige Haare ließen sich auch auf Bildern noch immer gut vermitteln. Wie die Isolation das soziale Miteinander verändert, lässt sich bisher nicht abschätzen: „Ich denke aber, dass wir die Konsequenzen noch in vielen Jahren spüren werden“, sagt Runkel.

Zurück zur Distanz

Doch ist dieser Verlust körperlicher Nähe im täglichen Umgang eine negative Entwicklung? Keineswegs, sagt der Organisationsforscher Marcel Schütz von der Universität Oldenburg. Der Handschlag oder die Umarmung zur Begrüßung seien soziale Praktiken, die sich erst in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hätten. Wer Filme aus den 1950ern und 60ern schaue, werde kaum Handschläge und Umarmungen beobachten. Die Begrüßung sei damals viel distanzierter ausgefallen. Etwa durch ein verständnisvolles Zunicken oder das Antippen des eigenen Huts.

Dass sich soziale Praktiken ändern, geschehe im Krisenfall auch schnell – Gesetze und Normen seien dabei besonders hilfreich. „Formale Regelungen entlasten“, sagt Schütz und verweist dabei auf das Maske-Tragen, das nach einem Jahr ganz selbstverständlich Teil des persönlichen Umgangs wurde. Wer zu Beginn der Pandemie mit einem Mund-Nase-Schutz durch den Supermarkt lief, um den wurde ein großer Bogen gemacht. Heute sei das Gegenteil der Fall. Personen, die im öffentlichen Raum keine Maske tragen, werden von ihren Mitmenschen kritisch beäugt. Schütz: „Gewohnheiten ändern sich. Der Handschlag hat, zumindest vorerst, ausgedient.“

Von Max Hempel