Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional Chronik keiner Aufklärung: Christoph Heins „In seiner frühen Kindheit ein Garten“
Nachrichten Kultur Regional Chronik keiner Aufklärung: Christoph Heins „In seiner frühen Kindheit ein Garten“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:39 26.11.2017
Ihr Weg ist steinig: Richard Zurek (Hans-Werner Leupelt) will Gewissheit, wie sein Sohn starb. An seiner Seite weiß er dabei seine Frau Friederike (Christine Hoppe). Quelle: Sebastian Hoppe
Dresden

Eine Überraschung, dass Christoph Hein da ist. Schließlich geht im Kleinen Haus keine Uraufführung über die Bühne, sondern „nur“ eine Premiere. Armin Petras hatte schon vor einigen Jahren aus Heins Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ eine anderthalbstündige Theaterfassung gemacht. Friederike Heller hat nun in Dresden nachgelegt und kommt auf gut zwei Stunden Bühnengeschehen. Und dass Hein mit im Publikum sitzt, darf getrost seiner engen Verbindung mit dem Dresdner Staatsschauspiel zugesprochen werden. Das begann schon in DDR-Tagen mit den Inszenierungen der Hein-Texte „Passage“ und „Die Ritter der Tafelrunde“, setzte sich später mit „Randow“ und „Landnahme“ fort.

Nun also „In seiner frühen Kindheit ein Garten“. Heins Buch, das 2005 erschienen war, arbeitet vor einem realen Hintergrund, der geplanten Festnahme der RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams im Sommer 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen. Die Aktion geht schief, Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella sterben durch Schussverletzungen. Heins toter Protagonist Oliver Zurek ist stark an Grams orientiert.

Und doch geht es nicht (nur) um den Terror, sondern vor allem um den Umgang des Staates mit seinen Feinden – in diesem Fall um den mit dem getöteten Zurek. Hein lässt die Familie des Mannes plastisch werden, dessen Eltern Richard (Hans-Werner Leupelt) und Friederike (Christine Hoppe), die Geschwister Christin (Birte Leest) und Heiner (Philipp Grimm). Sie alle sind Gebrandmarkte. Und gehen doch ihre eigenen Wege, dem toten Sohn und Bruder, seinen Gedanken und Entscheidungen näherzukommen oder ihn abzulehnen. Darüber schwebt, immer wieder neu befeuert, das Misstrauen, das den staatlichen Verlautbarungen zum Tod Olivers entgegengebracht wird. Besonders Vater Richard, promoviert und pensionierter Gymnasialdirektor, wird seinen eigenen Gang durch die Instanzen antreten, um der Antwort auf die Frage nach der Schuld, und wie stark sie tatsächlich an den Händen seines Sohnes klebt, näherzukommen.

Der Abend muss aber erst einmal Fahrt aufnehmen, was durchaus eine Weile dauert. Anfangs findet sich eine Bühne auf der Bühne, eine Art oben und vorn aufgeschnittener Karton in Vertäfelungsoptik, drinnen fünf Stühle, ein Teppich, ein Telefon Es ist die klaustrophobisch anmutenden Behausung Richards und Friederikes. Etwas beengt wirkt die Inszenierung anfangs ebenfalls. Die Zureks bleiben schemenhaft hinter dem schon Geschehenen. Im Fernsehen werden immer neue Nachrichten zum Tod ihres Sohnes verlesen, der sogar in fast slapstickartiger Manier am Bühnenrand nachgespielt wird. Ein Überdrehen der Szene, um ihre Surrealität herauszustreichen? Möglich. Noch dazu, wo von Beginn an Nancy Sinatras „Bang Bang“, bekannt aus „Kill Bill“, den Soundtrack liefert.

Doch all das ändert sich in der zweiten Hälfte des Abends. Sie wird offener, die nun große Bühne scheint auch die Gemüter zu weiten. Richard Zurek wird nun viel greifbarer: Als er den Brief an den Minister deklamiert, mit der Bitte um Aufklärung der Todesumstände seines Sohnes, ist das zweifellos einer der Höhepunkte. Friederikes Erinnerungen an ihr Kennenlernen und Richards Verklemmtheit lassen die Geschichte ihrer Beziehung, ihr Wachsen und ihre Probleme plastisch werden. Außerdem schlüpft Hoppe auch kurz in die Rolle von Susanne, der Blumenverkäuferin, mit der Zurek eine Affäre hat, die ihn von einer Seite zeigt, die seine Frau selten bis gar nicht von ihm kannte: die des fordernden Liebhabers.

Die Geschwister treten auf der Bühne hinter die Eltern zurück. Moritz Kienemann als Anwalt Feuchtenberger ist manchmal etwas zu eifernd. Sven Hönig brilliert dafür in seinen Nebenfiguren. Und eine an Komik grenzende Szene bleibt auch hängen, als sich der alte Zurek mit Feuchtenberger eine Banane teilt, die Schale in die Kulisse feuert und laut fragt: „Wo leben wir eigentlich?“

In einer Republik, der Zurek als Beamter den Eid geschworen hat. Seine finale Amtshandlung ist dann jedoch die eigene Entpflichtung von diesem Eid. „Da der Staat seine eigenen Gesetze nicht wahrt, bin ich von meinem Amtseid entbunden.“ Denn sein Sohn wird trotz heftiger Ermittlungspannen des Mordes bezichtigt. Ein Vorgehen, das ein Mann, dessen Leben sich um Loyalität dreht, nicht hinnehmen kann. Das gesamte Geschehen in Heins Vorlage scheint dabei einen Satz des Autors zu spiegeln: Nicht der Vorgang selbst ist das Fürchterliche, sondern sein Benennen.

Seit der Veröffentlichung des Roman ist Zeit ins Land gegangen. Muster haben sich gezeigt, die zweifeln lassen. In Bad Kleinen: Vernichtung von Spuren, die teilweise Löschung eines Videos vom Tathergang; die NSU-Taten: beim Mord in Kassel war Verfassungsschützer Andreas Temme in den Taträumen, muss auch die Leiche gesehen haben, wie eine Rekonstruktion nachwies, dazu jahrelang einseitig geführte Ermittlungen; der Tod Oury Jallohs in einer Dessauer Polizeizelle, der nach jüngsten Erkenntnissen doch eher von fremder Hand starb als seine Matratze selbst entzündete. Wenn es dem Staat wichtiger ist, seine Diener zu entschulden, als eine Schuld so unbeirrbar wie nur möglich zu suchen und zu beweisen – egal bei wem –, wenn also die Staatsräson über dem Gesetz steht, wird der Staat nicht geschützt, im Gegenteil. Er wird von denen, die ihn so zu sichern vorgeben, ausgehöhlt, zum leeren Gebilde, das irgendwann implodiert. Dann will es ganz sicher wieder keiner gewesen sein. Bühnengeschehen und Realität gehen so ein merkwürdiges Kreuzverhältnis ein.

Christoph Hein jedenfalls wurde noch einmal auf die Bühne gebeten, schließlich freundlich, aber bestimmt inmitten der Schauspieler platziert. Wenig überraschend, dass der Beifall noch einmal anschwoll. Hein, der Chronist ohne Botschaft? Wer weiß. Ein Chronist erhält schließlich nur selten Applaus.

nächste Aufführungen: 3., 15., 25. Dezember

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In der Villa Eschebach zeigen derzeit 27 Mitglieder des heimischen Künstlerbundes aktuelle Werke der Malerei, Grafik, Zeichnung und Fotografie. Ausgewählt wurden die Teilnehmer aus einem Pool von 120 Bewerbern. „Neues aus Dresdner Ateliers“ ist die zweite Künstlerbundausstellung in der Villa Eschebach.

02.02.2018

Am Mittwoch feiert der Vampirfilm „Montrak“ in Dresden seine Sachsenpremiere. Organisiert vom Dresdner Filmmagazin „Deep Red Radio“ wird der Streifen am 1. November ab 20.30 Uhr im „Kino im Kasten“ auf der August-Bebel-Straße 20 gezeigt.

01.03.2019
Regional Kaisermania am Elbufer Dresden - Termine für Roland Kaiser 2018 stehen fest

Nach erneut vier erfolgreichen Konzerten und trotz Regen nahezu 50 000 begeisterten Fans hat Roland Kaiser jetzt die Termine für seine Kaisermania 2018 veröffentlichen lassen. Der in Dresden so beliebte Schlagerstar wird am 3., 4. und am 10., 11. August 2018 wie gewohnt jeweils an zwei Freitagen und Sonnabenden bei den Filmnächten am Elbufer auftreten.

15.03.2018