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Regional Chemnitzer Schauspielhaus unterstützt „Aufstand der Utopien“
Nachrichten Kultur Regional Chemnitzer Schauspielhaus unterstützt „Aufstand der Utopien“
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09:38 27.11.2019
Es kann nur einen geben: Martin Esser, Patrick Wudtke, Andrea Zwicky oder Lisanne Hirzel (von unten) lösen sich freundlich übernehmend ein Chemnitzer Entwicklungsproblem. Quelle: Foto: Nasser Hashemi
Chemnitz

Ein „Aufstand der Utopien“ war versprochen – als fünftägiges Festival, zu dem alle (!) „Realistinnen, Skeptiker, Kritikerinnen und Träumer“ eingeladen seien, „die Zukunft zu gestalten“. Darin als Kooperation eingebettet: die Uraufführung „Freundliche Übernahme“ von Brian Bell und Sam Hunter. Diese erfuhr am Wochenende zwei Vorstellungen, ehe sie nun ins Repertoire des Chemnitzer Schauspielhauses flutscht.

Verstörend dabei zwei Sachen: Der Untertitel „Stückentwicklung zur wackelig gewordenen Grundordnung“ und der Verweis im Programmheft auf die unterkomplexen Ausführungen von Rutger Bregman, der als niederländischer Historiker des Jahrgangs 1988 und realer Utopist allen nur 15 Stunden Arbeit pro Woche rät, dies in Jeff Bezos‘ Washingtoner Amazon-Post gern kundtut und damit seit Davos am Anfang des Jahres als Videostar punktet.

Am Chemnitzer Ostflügel hat man vermutlich für diese Premiere doch intensiver gearbeitet: Statt Reichsbürgerbashing oder anderer Verfassungsdiskussionen gibt es nun einen hellen, silbernen quadratischen „Escape-Room“ mit Zuschauerreihen, wie in der Schuldisko, ringsrum am Rande. In der Mitte veranstalten derweil vier junge, dynamische, weiße Mitarbeiter einer Chemnitzer (Stücke-)Entwicklungsgesellschaft namens „Rescu“ eine Art Game-Show – vom „Raum“ als unsichtbarem, vermutlich omnivernetztem Spielleiter (mit der Stimme von Regisseur Bell) geleitet.

Auf den goldenen Thron

Sie tanzen zum Eingangstrailer wie bei einer dieser Casting-Ausleseshows, besetzen die vier Ecken des quadratischen Spielfeldes und fangen mit einer Art Monopoly an, die dreißig Zuschauer spielen Würfel mit reingerufenen Zahlen zwischen 2 und 12. Schnell gewinnt der als Dominik gekennzeichnete Patrick Wudtke und kommt auf den goldenen Thron, was die anderen verärgert. Mittels Bewegungsspiel wird er von dort wieder verbannt. Es gibt Fragerunden, das Publikum muss oft mitspielen, ab und an gehen Fragen oder Themen an die gesellschaftliche Substanz. Charme hat die utopische Märchenratestunde, abwechselnd vom Thron aus dem goldenen Buch vorgelesen, oder die Wünsche der Akteure an ihre private Chemnitzer Zukunft – egal, ob authentisch oder nicht.

Dass man sich allerdings ernsthaft mit den Gründen für die vorab attestierte „Wackeligkeit“ der als (linkes) Feindbild schon lange kritisierten freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO) aus der Perspektive der reiferen Jugend jenseits der Generation Y befasst hat, ist nicht zu bemerken. Dabei gibt es durchaus bereits einen erklecklichen Literaturkanon, dessen Reflexion der Werbetext eigentlich verheißt.

Auch Hymne, Fahne und selbst 70-jähriges Grundgesetz sind (vor allem im Osten) generell diskussionswürdig, letzteres wurde jüngst so oft geändert, dass man durchaus auch eine Neuverfassung hätte überdenken dürfen. Von der europäischen Grundordnung, die immer noch den Geist der Römischen Verträge haucht, noch ganz zu schweigen.

Aber die alten Weisen und die weißen Alten, die noch zwischen Vision und Utopie unterscheiden, sind hier nicht die explizite Zielgruppe, Stück und Festival sind eher für die Hippen wie Schlauen, die glauben wollen, immer mehr zu werden. Auch in Chemnitz als echter Stadt der Moderne und Aufbrüche. Und der Festivalaufstände: Vor einem Jahr, als das Festival noch „Aufstand der Geschichten“ hieß und drei Tage länger ging, feierte zum gleichen Anlass die wunderbare Puppeninszenierung „Wenn mich einer fragte … “ ihre Uraufführung, die der Stefan-Heym-Stadt einen warmen geistreichen Segen und dem Ensemble schon viele Gastspiele bescherte.

Barsche Raum-Stimme aus dem Off

An deren Weisheit kommt die Übernahme nicht heran. Und auch der „Aufstand der Dinge“ (als zweites Werk von damals) geriet als Objekttheater pädagogisch wie historisch wertvoller für die Stadt.

Allerdings gibt es nun ein neues Format im Repertoire: ein durchgängig flottes Spiel mit Scheinwissen, Scheingeld und falschen Erwartungen, das dank der quicklebendigen, sympathischen und oft auch klugen Interventionen des Spielquartetts – allesamt recht neu im ausgebufften Chemnitzer Ensemble (Martin Esser und Andrea Zwicky seit 2017, Lisanne Hirzel und Patrick Wudtke seit diesem Sommer) und wirklich sportlich dynamisch agierend – überraschend gut funktioniert.

Der Texaner Brian Bell, bisher vor allem in Weimar, Rudol- und Ingolstadt erfolgreich, führt als barsche Raum-Stimme aus dem Off ins nächste Level (bis hin zur Sintflut als höchste Stufe), so dass vermutlich viel weniger spontan geschieht, als man denkt. Außerdem räumen endlich mal die Verursacher ihr zwischenzeitliches Bühnenchaos wieder auf – in einer Art Ordnungschoreografie. Sich dermaßen freundlich übernehmend kann es zum Schluss nur einen geben: Martin Esser ist derjenige, der alle bei eigener Bodenhaftung auf seinem Rücken aushält, denn sie spielen als Teambuilding-Maßnahme mit mehreren Versuchen eine Art Bremer Stadtmusikantenturm ohne Gesang.

Trotz allem Abstand zum Ansatz eines philosophischen Utopie-Diskurses ist das Ganze als 90-Minuten-Abend durchaus unterhaltsam, auch wenn man sich am Ende fragt, was mit den ganzen Zuschauer-Fragebögen passiert, die jeweils nur ganz kurz eingeflochten werden. Für Hirzel und Wudtke bleiben es gelungene Aufbrüche ins Chemnitzer Engagement.

nächste Aufführungen: 4., 12. & 28. Dezember sowie 11. & 24. Januar 2020 (je 20 Uhr)

www.theater-chemnitz.de

Von Andreas Herrmann

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