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Regional Bewegende Erinnerungen aus Theresienstadt
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15:54 06.11.2019
Die 14-jährige Elisabeth Golde fragt in der Theaterperformance über die 13-jährige Helga in Theresienstadt auf berührend nachdenkliche Weise „Was ist das Herz der Welt?“ Quelle: Matthias Rietschel
Dresden

Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, dass die Dresdner Schülerin Elisabeth Golde das Tagebuch von Helga Pollak gelesen hat. Es ist eine Geschichte, die berührt: Helga Pollak wurde 1930 in Wien geboren und 1943 mit ihrem Vater Otto ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Mit nur 13 Jahren vertraute sie ihrem Tagebuch damals eindrückliche Gedanken und Erinnerungen aus einer Zeit an, die uns heute unvorstellbar scheint.

Elisabeth Golde lässt diese Zeilen bei der Theaterperformance „Was ist das Herz unserer Welt?“ im Rahmen der Tschechisch-Deutschen Kulturtage wieder lebendig werden. Die Schülerin, selbst gerade 14 Jahre alt, wird dabei zur Hauptdarstellerin eines einfühlsamen Dokumentarprojekts, das geschickt die Jugend zweier Generationen miteinander verwebt – und der Erinnerung so besondere Tiefe und Aktualität verleiht.

Intime Kammerstückatmosphäre

Konzept und Regie stammen von Olek Konrad Witt, Leiter der noch jungen Dresdner Theatergruppe Re-Publik, der am geschichtsträchtigen Ort in der Gedenkstätte Münchner Platz für die Premiere eigens einen Raum gestaltete. Musik, Film und Kunst sind ebenso Teil des Spiels wie die Zuschauer, die in intimer Kammerstückatmosphäre durch Blicke und Interaktionen mit den Mitwirkenden immer wieder sachte ins Geschehen einbezogen werden. Die Sängerin Marta Vávrová und der Kinderchor der Jüdischen Gemeinde zu Dresden verleihen dem Erzählten mit tschechischen Volksliedern und Liedern der jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber eine weitere Dimension. Olimpia Scardi zeichnet für die Choreografie verantwortlich.

Den roten Faden aber bildet allein die Faszination, die Helga Pollaks Tagebuch bei der jungen Leserin Elisabeth Golde ausgelöst hat – und die sie bewegend in den kleinen Raum transportiert. Sie wirkt zerbrechlich und kindlich, wenn sie die Zeilen Pollaks rezitiert, in denen Naturbeobachtungen aus dem Fenster zu lebendigen Bildern der Hoffnung verschmelzen. Ungemein stark im Ausdruck vermag Elisabeth Golde die Worte zum Leben zu erwecken, ohne dass sie künstlich oder gestrig erscheinen. Sie verleiht dem umfangreichen Text und allen Emotionen, die darin mitschwingen, eine unschuldige Natürlichkeit, beinahe als habe sie das Tagebuch selbst geschrieben oder dessen Zeilen schon lange vor der Probenphase memoriert.

Begegnung zweier Generationen

Helga Pollak erweist sich darin als Kind und Philosophin zugleich, wenn sie ihrer Sehnsucht nach der Mutter Ausdruck verleiht (der es bereits 1939 gelang, nach England auszuwandern) oder von ihrem Vorsatz berichtet, fleißig zu lernen, damit sie einmal Ärztin werden kann. Es sind berührende Offenbarungen, die dank der Performance fesselnde Kontur erlangen. Sie erzählt weniger vom Schrecken der Gefangenschaft als vielmehr vom Willen zu Leben.

Dazu gehört auch die Kunst, mit der die Betreuerinnen in Theresienstadt den Mädchen einen Weg der Hoffnung weisen wollten, um die Lähmung des Stillstands zu durchbrechen. Ein Musikstück von Beethoven lässt schließlich auch die Phantasie von Helga erblühen, wirkt wie ein bunter Funkenregen im Kontrast zu den düsteren Erzählungen vom Abtransport der Mädchen nach Auschwitz. Im Oktober 1944 befindet sich auch Helga darunter. Sie wird zur Zwangsarbeit nach Oederan selektiert, zählt später zu den rund 245 von insgesamt 10.500 Kindern, die all diese Grausamkeiten überlebten.

Heute lebt Helga Pollak-Kinsky 89-jährig in Wien. Elisabeth Golde hat sie im Sommer dort besucht. Szenen, die via Filmprojektion (Nina Hoffmann, Benjamin Schindler, Andrea Oberheiden-Brent) am Ende wieder in die Gegenwart führen und ein eindrückliches Zeugnis liefern von einer besonderen Begegnung zweier Generationen, die einiges zu denken und wünschen gibt.

„Was ist das Herz unserer Welt?“ – weitere Aufführung: 24.11., 17 Uhr in der Jüdischen Gemeinde Dresden

Von Nicole Czerwinka

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