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Regional Autokraten und Autisten beim Theaterfestival „Fast forward“ in Dresden
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16:54 18.11.2019
„Great Depressions“ von Jan Philipp Stange, Szene mit Malte Scholz. Quelle: Jakob Engel
Dresden

Wie jung und überraschend die Regie wirklich ist, die mit der neunten Ausgabe des „Fast Forward“-Theaterfestivals gefunden und gefördert werden soll, musste die Jury am späten Sonntagabend mit der Preisverleihung noch befinden. Auffallend jung ist jedenfalls das Publikum, gefühlt im Durchschnitt unter 30 Jahren.

Die Spielstätten im Kleinen Haus, im Festspielhaus Hellerau, im Labortheater der HfBK oder in Semper Zwei waren seit Donnerstag durchweg so gut wie ausverkauft. Insider und Interessenten mischten sich. Staatsschauspiel-Intendant Joachim Klement wies bei seiner Eröffnungsansprache darauf hin, dass auch die Akteure fast ausschließlich nach 1989 geboren sind, Diktatur wie im ungarischen Beitrag „Beobachter“ geschildert also gar nicht mehr persönlich erfahren haben. Sie dürfen alle als überzeugte Europäer gelten, sind also bei einem europäischen Festival richtig platziert, das der Intendant 2017 aus Braunschweig mitbrachte.

Neben einer vierwöchigen kreativen Residenz in der Kulturhauptstadtbewerberin Dresden winkt als Hauptpreis eine Regiearbeit am Staatsschauspiel. Welche Talente zu entdecken sind, zeigte erst kürzlich die Dresdner „Transit“-Premiere des Georgiers Data Tavadze, „Fast Forward“-Preisträger von 2016.

Nach fünf von acht Beiträgen des aktuellen Jahrgangs hat sich jedenfalls für den Rezensenten noch kein eindeutiger Favorit herausgeschält. Am ehesten empfiehlt sich gleich der tschechische Eröffnungsbeitrag „Vladar“ aus Prag. Fünf junge, vitale und äußerst bewegliche Männer machen sich ihren Reim auf Machiavellis Werk „Il Principe“, die zynische Anleitung für absolutistische Herrscher aus dem Jahr 1513. Angeleitet hat die Stückentwicklung die gerade erst ihren Master als Regiestudentin abschließende Anna Klimesova.

Mit einem an unseren tschechischen Nachbarn so schätzenswerten hintersinnigen Humor werden die immergleichen Herrschaftsallüren, die Königsmorde und der anscheinend ewige Zyklus des Scheiterns ihrer jeweiligen Nachfolger aufs Korn genommen. Eben noch verehrt, sind ihre Abbilder im nächsten Moment schon Zielscheibe für Tomatenwürfe. Schwanengesänge werden intoniert, wie überhaupt häufig satzsicher und gekonnt gesungen wird, darunter einige vertonte Thesen Machiavellis. „Mein Blut soll Euer Glück festigen“, verklärt sich einer zum Märtyrer.

Eine parallele Ebene spielt mit dem Theater auf dem Theater und mit dessen Inbesitznahme durch die fünf Prager Gäste, konkret und geistreich mit der Übernahme des Kleinen Hauses. Am Ende setzt sich nach dem Spott über versuchte Weltfriedensverträge doch noch eine dicke Moral durch, wieder konkret an das Jahr 1989 in eben diesem Kleinen Schauspielhaus anknüpfend. Fast eine Publikumsbeschimpfung, denn „überall seht ihr Feinde“, und „die eigenen demokratischen Errungenschaften habt ihr mit Füßen getreten“. Fassungslosigkeit darüber, dass die, die sich vom Kommunismus befreit haben, zu Feinden der offenen Gesellschaft geworden sind.

Ein denkbar plurales Festival

Neben dieser engagierten politischen Thematisierung dominierten bislang aber eher die Nabelschau und der Mikrokosmos. Am tiefsinnigsten und zugleich humorvollsten beim britischen Beitrag „One“, der einen subtilen Machtkampf zwischen zwei Männern beschreibt. Sie brauchen, ja sie lieben sich, und ziehen einander doch im Wortsinn über den Tisch, suchen sich im Publikum Verbündete für ihre Durchsetzungsabsichten. Den hier schon anklingenden Narzissmus steigerte Louis Vanhaverbeke in Hellerau bei „Mikado remix“. Es fängt interessant an mit der Selbstwahrnehmung in der Hermetik einer nur von der Videokamera erfassten Zelle, verflacht dann aber. Der Belgier ist zweifellos ein begnadeter Rapper, aber auch ein selbstverliebter Bastler. Hoffentlich funktioniert alles, bangt das Publikum, das Fahrrad, die magischen soundgebenden Plastikkästen, das Waffeleisen auf dem Leinwand-Rahmenrohr bei einer Performance, die draußen vor dem Festspielhaus endet.

Nicht viel mehr als ästhetische Experimente boten an gleicher Stätte die beiden deutschen Beiträge. Sprachlos blieb Rieko Süßkow, die den Medea-Stoff als Pantomime in ein transparentes Einfamilienhaus verlagert und auf altbekannte Familienkonflikte projiziert, ihm aber keine neue Dimension abgewinnt. Die Überraschung lauerte danach in einer naturalistischen Neandertalerhöhle oder auch Riesenboofe nebenan auf der Hinterbühne.

Noch naturalistischer erscheint dort ein orgelspielendes und mit einer nicht ganz intonationssicheren Countertenorstimme singendes Mammut. Das Publikum glaubte zunächst an einen Gag, als Malte Scholz im Fellumhang, aber mit Armbanduhr von seinen „Great Depressions“ zu erzählen begann. War aber wirklich als öffentliche Selbsttherapie einer gespaltenen Persönlichkeit gemeint. Solcher aufwendige Kitsch fällt also auch unter „Junge Regie“? Eben ein denkbar plurales Festival!

Von Michael Bartsch

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