Ausstellung „I kept getting these dreams“ im Dresdner Kunstverein
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Ausstellung „I kept getting these dreams“ im Dresdner Kunstverein

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14:20 15.04.2021
Blick auf Beto Shwafatys Installation, umrandet von Mira Dayals Wandgestaltung.
Blick auf Beto Shwafatys Installation, umrandet von Mira Dayals Wandgestaltung. Quelle: Ellen Tuerke
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Dresden

Karg. Das ist das erste Attribut, das sich aufdrängt. Eine geradezu spartanisch eingerichtete Ausstellung findet sich derzeit im Kunstverein Dresden, nahe am Goldenen Reiter. Mit diesem puritanischen Auftritt passt die Schau erstaunlich gut in unsere pandemiegebremste Zeit, wo sich das Leben auf überschaubare Bausteine beschränkt.

Ungleichgewicht der Welt

Wer nun glaubt, es gebe nichts zu sehen, liegt gar nicht mal falsch. Zumindest nicht, wenn man als Besucher auf herkömmliche Ausstellungserwartungen baut. Die aber werden in „I kept getting these dreams“ nicht bedient. Im Galerieraum hängt ein grünes Insektenfang-Gitter von der Decke, eine Stimme ist zu hören. Sie trägt vor, wie die brasilianische Landwirtschaft von Pestiziden dominiert wird, die in Europa nicht zugelassen sind. Dafür aber machen deutsche und damit europäische Unternehmen wie Bayer und BASF ein Riesengeschäft mit solchen Stoffen. Dieses Ungleichgewicht der Welt hat der Brasilianer Beto Shwafaty abgebildet und „Poison and Value (a Silent Catastrophe)“ benannt, ein Mix aus Installation, Readymade-Skulptur und Tonspur.

Die Galeriewand selbst trägt an ihrer unteren Hälfte wiederum einen eigenartigen Anstrich, der auf den ersten Blick als verblichener Ölsockel durchginge. Das genaue Hinschauen aber lässt das Spröde und Zerbrechliche der Farbe hervortreten. Deren Basis ist Rinderkollagen, das als Nahrungsergänzungszauber dem Altern entgegenwirken soll.

Versprechen einer ewigen Jugend

Die junge New Yorker Künstlerin Mira Dayal hat in ihrer Arbeit einen Widerspruch ans Licht geholt. Das Kollagen als Stoff gewordenes Versprechen einer ewigen Jugend offenbart in seiner Existenzform als Wandfarbe vor allem Brüchigkeit, also Vergänglichkeit. Vom Geld, das für das vermeintliche Wunderpulver ausgegeben wird, ganz zu schweigen. Es geht aber eben nicht ums Hintergrundwissen, sondern darum, diese eigenartige Farboberfläche auf sich wirken zu lassen. Sie erscheint hier und da fast wie sonnenverbrannte Haut, die sich von einem Körper schält.

Alessandro Facente, der sich mit seinem kuratorischen Ansatz gegen 75 weitere Bewerber beim Kunstverein durchsetzte, will mit der kleinen Schau Unsicherheiten unserer Zeit sichtbar machen. Das gelingt durchaus. Dafür hat Facente – ein Italiener, der in New York lebt – einen großen metaphorischen Maßstab gewählt: Otto Dix’ berühmtes Gemälde „Der Krieg“, das im Albertinum hängt. Selbst der Ausstellungstitel ist ein übersetztes Zitat des Malers, eine Selbstaussage. Mit den Arbeiten von Shwafaty und Dayal will Facente, Dix sozusagen aufgreifend, „die Psychologie der wachsenden Gewaltbereitschaft in Krisensituationen“ ergründen. Diese Entsprechung ist durchaus gegeben: vom Ersten Weltkrieg, den Dix als Soldat durchlitt, bis zu den diversen Gewaltmanifestationen unserer Tage. Der Dix-Bezug könnte bei Überbetonung die fragile kleine Ausstellung dabei durchaus überfrachten, auch überfordern. Doch dessen Bild vom Krieg tritt hier gänzlich zurück, verschwindet wie Subtext in der Erzählung dieser zeitgenössischen Schau.

Dass Facente damit Politik abbildet, überrascht nicht. Warum sollte es auch? Der Satz „Das Private ist politisch“ hat sein Geburtsumfeld, den Feminismus, ja auch längst hinter sich gelassen. Unter anderem fand das Politische in den vergangenen Jahren wieder verstärkt Widerhall in der bildenden Kunst. In Dresden war das unter anderem meist ganz gut in den Ostrale-Jahrgängen zu beobachten. Wer der Kunst dagegen Politikferne verschreiben, gar vorschreiben will, hat ihren grundlegenden Ansatz nicht verstanden: die Freiheit.

Und trotz aller gegenteiligen Thesen ist politische Kunst auch nicht per se eine mindere. Sie sollte nur, wenn sie qualitativ bestehen will, über den von ihr thematisierten Rahmen hinausweisen. Was in „I kept getting these dreams“ funktioniert. Der Besucher bekommt hier kein Agitprop-Theater geliefert.

Heilend ist dabei der besagte Minimalismus. Wer Glück hat, dem gehört der Raum eine Weile allein. Dann kommt es zu Kontemplation durch Kunst, so sparsam eingesetzt, dass der Betrachter damit fast automatisch animiert wird, sich in seine Gedanken zurückzuziehen. Er muss sich für diese Ausstellung so seinen ganz eigenen Begleittext schaffen.

Ob mit oder doch ganz ohne Dix.

bis 30. April, Do & Fr 16-20, Sa 12-16 Uhr (und nach Vereinbarung), Kunstverein Dresden, Neustädter Markt 8

www.kunstvereindresden.de

Von Torsten Klaus