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Regional Auf dem Theaterkahn hatte „Gift. Eine Ehegeschichte“ Premiere
Nachrichten Kultur Regional Auf dem Theaterkahn hatte „Gift. Eine Ehegeschichte“ Premiere
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19:27 11.09.2019
Nach-Ehe-Szenen mit Sarah Kattih und Thomas Dehler in Lot Vekemans’ Stück, bei dem Claus Tröger Regie führte. Quelle: Carsten Nüssler
Dresden

„Ich bin ein schlechter Anrufer“, meint der Mann zu Beginn des Stücks „Gift. Eine Ehegeschichte“, sie erwidert mehr gallig als generös: „Jaja, das hab’ ich bemerkt!“ Die Frau und der Mann waren mal ein Paar. Aber dann verloren sie ihren Sohn durch einen Verkehrsunfall (weil ein A... loch viel zu schnell durch die Ortschaft fuhr), dann verloren sie sich selbst und am Ende sie sich auch einander. Beide waren mit der „Trauerarbeit“ überfordert.

Giftige Erde, giftige Atmosphäre

Er trat die Flucht nach vorne an, verließ seine Frau, auch weil er „Angst hatte, sie zu schlagen“, wie er gesteht, zog nach Frankreich und lebt nun, wie sich zu ihrer Verblüffung, ja ihrem Verdruss erweist, mit einer anderen Frau zusammen, die von ihm schwanger ist.

Nur vordergründig meint der Titel des Dramas die verseuchte Erde des Friedhofs, die eine Umbettung ihres Kindes nötig macht. Viel mehr hebt das Werk der holländischen Autorin Lot Vekemans auf die vergiftete Atmosphäre ab, die nach dem Tod des Sohnes zwischen den Eheleuten herrscht, denn die Komplimente, die sie sich zunächst wechselweise machen, sind nicht mehr als floskelhafte Formwahrung. Ihre Bemerkung, das französische Landleben würde ihm gut bekommen, quittiert er mit „Ja, wahrscheinlich“, um umgehend peinlich berührt mit den Armen das Wohlstandsbäuchlein zu überdecken.

Nun hatte das „Gift. Eine Ehegeschichte“ auf dem Theaterkahn Premiere, in einem Setting, das nüchterner und kühler kaum sein könnte. Zwei weiße Wände, die eine mit einem Tag(-Graffiti) nicht wirklich aufgehübscht, zwei Bänke. Es ist ein Unort, dessen Kälte auf die Frau ausstrahlt. Sie fröstelt und reibt sich gelegentlich Arme und Hände.

Regisseur Claus Tröger hielt sich in dieser Koproduktion mit dem Südtiroler Stadttheater Bruneck eng an die Vorlage, vertraute bei seiner Inszenierung ganz auf die beiden Akteure, die in der Tat ein bestechendes Pas de deux in Sachen Schauspielkunst abliefern. Es ist schlicht faszinierend zu verfolgen, wie Sarah Kattih und Thomas Dehler sich erst mit distanzierter Höflichkeit begegnen, dann aber vor Augen führen, wie bei dem vom Unglück verfolgten Ex-Paar alte Wunden aufreißen, wie der Schmerz um das verlorene Kind diese beiden Menschen gleichermaßen eint und trennt, wie sich Mann und Frau in ihrer Hilflosigkeit ob der Situation bald neue Verletzungen zufügen, etwa wenn sie ihm an den Kopf wirft: „Wenn ich Dich ansehe, sehe ich nur Unvollkommenheit.“ Die Zeit ist für die Frau stehengeblieben, und das wirft sie – so ungerecht (?) wie massiv – ihrem Ex vor.

Wie zwei Schiffbrüchige

Der wirkt zunächst mehr wie der rationale Typ. Dehler hat oft die Arme vor der Brust verschränkt, was ja eine klassische Abwehr- und Selbstschutzhaltung sein kann. Erst allmählich werden auch bei ihm Kummer und Pein erkennbar, was dann im Lauf des Treffens (die Pointe ist, dass es an sich nur zustande kam, weil die Frau das „amtliche“ Schreiben über die anstehende Umbettung fälschte) dazu führt, dass er, vor allem wenn auch bei ihm die Wut durchbricht, ebenfalls mit Sätzen wie „Ich finde es unglaublich, wie Du in deiner Trauer badest“ in diesem glänzend ausgespielten Duell Wirkungstreffer bei seiner Ex zu setzen versucht.

Das Setting ist schlicht, die Story umso intensiver. Quelle: Carsten Nüssler

Aber sie reden letztlich weiter und weiter, und schließlich klammern sich der Mann und die Frau, die anfänglich noch zischte „Nein, nicht anfassen!“, aneinander wie zwei Schiffbrüchige an eine Boje. Aber dann rutscht seine Hand ans für diese Situation definitiv falsche Körperteil. Sie ist erst verdutzt, dann verärgert, einmal mehr verletzt. Chance auf Aussöhnung vertan?

Das Stück ist jedenfalls eindeutig schwere Kost, geht an die Nieren, zieht aber auch in den Bann. Dass schon bei der Premiere der Saal auf dem Theaterkahn nur etwas über die Hälfte gefüllt war, lässt den Verdacht aufkommen, dass „Gift. Eine Ehegeschichte“ kein Publikumsmagnet werden wird, so sehr es dieses Kammerspiel der leisen Töne und subtilen Nuancen auch verdient hätte.

Nächste Vorstellungen

14.9., 9. & 30. 10., jeweils 20 Uhr, Theaterkahn

Karten unter Tel. 0351 496 94 50

www.theaterkahn.de

Von Christian Ruf

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