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Regional „Ein bisschen wie in der Berliner Philharmonie“: Pianistin Anna Vinnitskaya kommt in den Kulturpalast Dresden
Nachrichten Kultur Regional „Ein bisschen wie in der Berliner Philharmonie“: Pianistin Anna Vinnitskaya kommt in den Kulturpalast Dresden
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10:48 05.02.2020
Anna Vinnitskaya: „das Publikum sollte nicht hören, ob ein Werk schwer oder leicht ist. Das ist ein Niveau, was wir alle als Künstler erreichen wollen“. Quelle: Björn Kadenbach.
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Dresden

Die aus Russland stammende, in Deutschland lebende Pianistin Anna Vinnitskaya (36) ist in dieser Saison Artist in Residence bei der Dresdner Philharmonie. Insgesamt vier Mal ist sie im Dresdner Kulturpalast zu erleben – am 9. Februar um 11 Uhr spielt sie ein Solo-Recital mit Werken von Brahms, Bartók, Schumann und Chopin. Dann geht es mit einem „Bach-Marathon“ weiter. Alexander Keuk hat sie in Hamburg besucht und zu den besonderen Programmen dieser Residenz befragt.

Frage: Sie haben zu Beginn als „Artist in Residence“ bei der Dresdner Philharmonie gleich ein großes Klavierkonzert des 20. Jahrhunderts herausgesucht – Sergej Prokofievs 2. Klavierkonzert g-Moll, das Sie im letzten Jahr auch für Ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern ausgewählt haben - ein besonderes Werk für Sie?

Anna Vinnitskaya: Ich liebe dieses Konzert einfach. Das ist wohl die Grundvoraussetzung, und ich fühle mich auch ziemlich wohl dort. Es ist wie ein Tunnel, und am Ende kommt man wieder heraus. Es ist das beste für einen Musiker, in die Werke wirklich hineinzugehen, gleich in der Musik zu sein. Und bei diesem Stück empfinde ich den Zugang für mich als leicht, ich bin sofort „drin“. Es gibt andere Stücke, wo dieser Vorgang unglaublich schwer sein kann. Bei Prokofiev habe ich sofort das Gefühl, ich kann anfangen, etwas zu erzählen. Vielleicht verstehe ich auch seine Sprache sehr gut.

„Das Werk entwickelt sich mit dem Künstler“

Sie sagten neulich, Sie denken beim Spielen auch in Bildern – können Sie das beschreiben?

Das kommt einfach. Es hilft mir, die richtige Atmosphäre zu finden, auch einen spezifischen Anschlag oder eine Vorgehensweise für das Stück. Es kann ein echtes Bild sein, das ich vielleicht in einem Museum gesehen habe, oder auch eine Szene, etwa aus einem Buch.

Das würde auch die oft gestellte Frage beantworten, woran Pianisten eigentlich wirklich denken, wenn sie spielen?

Dieser Tunnel, von dem ich eben sprach, ist fast ein bisschen ein Ideal. Da ist nur noch Musik dann. Nicht etwas machen, sondern nur der Musik nachgehen, dem Atem der Musik.

Das ist ein sehr gegenwärtiger Zugang zur Musik. Lassen Sie so damit das Spontane im Spiel zu?

Ohne Spontanität geht nichts. Sonst ist ein Stück ja wie eine Fertigpizza, das geht nicht. Das betrifft ja auch das Element der Überraschung. Natürlich spiele ich das Prokofiev-Konzert nicht mehr so wie damals bei dem Königin-Elisabeth-Wettbewerb – ich entdecke immer noch Neues. Das unterscheidet auch geniale Werke von weniger guten – bei den genialen können Sie mit jedem Spielen die veränderten Erfahrungen im Leben einfließen lassen, dann wird das Werk wieder ein bisschen anders. Das Werk entwickelt sich mit dem Künstler.

Den Zuhörer fasziniert ja oft das Spektakuläre bei den großen Klavierkonzerten. Bei Prokofiev sieht man im 4. Satz schier ihre Hände über die Tastatur fliegen…

Ja, aber das Publikum sollte nicht hören, ob ein Werk schwer oder leicht ist. Das ist ein Niveau, was wir alle als Künstler erreichen wollen. Das ist unsere Küche, sage ich gerne. Wir müssen nicht die Zutaten erklären oder wie wir die Sahnetorte bauen, das Gericht muss stimmen.

Trotzdem muss auch ein Stück wie das Prokofiev-Konzert viel geübt und aufgebaut werden. Empfanden Sie dabei mehr Lust oder mehr Fluch?

Ja, aber noch viel mehr habe ich beim 3. Rachmaninow-Konzert geflucht, das sind ja noch viel mehr Noten! Bei Rachmaninow denkt man, es geht nie zu Ende, dagegen ist Prokofiev fast übersichtlich, in der Form auch klassisch orientiert.

Sie unterrichten seit zehn Jahren an der Musikhochschule in Hamburg und haben auf diese Weise viele Begegnungen mit jungen Talenten aus aller Welt. Verändert sich die jüngere Pianistengeneration?

Ja, diese Generation ist viel mutiger geworden. Diese Persönlichkeiten wollen sich sehr stark ausdrücken, sehr stark abheben, das ist auf jeden Fall interessant. Man muss ein wenig schauen, dass sie den Respekt vor dem Komponisten behalten. Ich bin auch keine Verfechterin vom Gegenteil – es ist immer eine goldene Mitte: mit seinen eigenen Worten ausdrücken, was der Komponist wollte, so etwa.

Anna Vinnitskaya

■ wurde 1983 im russischen Noworossijsk geboren

■ stammt aus einer Musikerfamilie und studierte bei Sergej Ossipienko in Rostow, bevor sie mit 18 Jahren nach Deutschland kam und bei bei Ewgenij Koroliov in Hamburg ihre Studien fortsetzte

■ gewann 2007 den hoch angesehenen Königin-Elisabeth-Preis in Brüssel, erhielt 2011 einen „Echo Klassik“, zudem weitere Auszeichnungen für ihre CD-Einspielungen

■ arbeitet mit Dirigenten wie Marek Janowski, Krzysztof Urbański, Kirill Petrenko, Andris Nelsons, Alan Gilbert oder Mirga Gražinytė-Tyla zusammen

■ ist Professorin für Klavier an der Hamburger Musikhochschule

■ veröffentlicht beim Label alpha, u. a. Klavierwerke von Brahms, Schostakowitsch, Bach, Ravel, Rachmaninow

Mit dem Prokofiev-Konzert gastierten Sie zum ersten Mal im Kulturpalast Dresden, wie haben Sie den Saal empfunden?

Der Saal ist groß, aber er wirkt nicht so, das ist sehr schön. Es ist ein bisschen wie in der Berliner Philharmonie: durch die Nischen im Saal wirkt es näher und intimer und man hat einen guten Publikumskontakt. Es gibt auch andere Säle, die von der Bühne aus riesig wirken, da fühlt man sich dann wie ein Insekt. Hier ist das nicht so.

„Ich spiele einfach Stücke, die mich sehr interessieren, die ich auch genial finde.“

Ihr Recital haben Sie extra für Dresden angelegt. Sie spielen zwei große, sehr außergewöhnliche Klaviersonaten, dann noch die Balladen von Johannes Brahms

Ja, es wird große Kontraste geben, etwa zwischen Brahms und Bartók. Aber ich wollte die Sonate von Béla Bartók unbedingt spielen, eigentlich, (sie lacht) weil das Publikum das nicht mag. Die Sonate ist 1926 entstanden, damit älter als jeder älteste Zuhörer im Saal. Und es ist so geniale Musik! Da muss jeder einmal durch. Und es ist durchaus nicht modern, wie auch Ligeti nicht modern ist.

Dann folgen Schumann und Chopin – gibt es so etwas wie einen übergeordneten Faden im Programm?

Nein, nicht über das ganze Recital. Ich spiele einfach Stücke, die mich sehr interessieren, die ich auch genial finde. Ich glaube auch, das Publikum ist durchaus in der Lage, sich auf sehr unterschiedliche Stücke einzulassen. Schumanns „Novelette“ wird selten gespielt, die „Arabeske“ kennt man schon eher. Die Novelette ist wirklich wie ein kleiner Roman, der Titel sagt es ja. Die Chopin-Sonate benötigt eine große mentale Kraft, daher steht sie am Ende des Abends. Dann ist alles gesagt.

Sie werden noch zwei weitere Konzerte in der Residenz geben – eines ist „Bach-Marathon“ übertitelt, aber es ist vor allem auch ein Herzensprojekt von Ihnen, richtig?

Ja, es sind Konzerte für zwei, drei und vier Klaviere von Johann Sebastian Bach und es ist ein verbindendes Element, dass Bach die Konzerte selbst mit seinen Söhnen gespielt hat. Und ich spiele sie mit meinem langjährigen Lehrer, Mentor und Freund Ewgenij Koroliov und seiner Frau Ljupka Hadzi-Georgieva, sie sind für mich zu einer Familie geworden. Wir haben die Konzerte auch schon oft miteinander schlicht zur Freude gespielt. Ich bin sehr froh, dass wir dieses Konzert nun in Dresden überhaupt verwirklichen können, denn es gibt auch das logistische Problem, dass nicht jeder Veranstalter drei Flügel hinstellen kann. Und es wird keinen anderen Programmteil geben, das ganze Konzert besteht aus den Klavierkonzerten von Bach, das ist etwas Besonderes.

„Artist in Residence“-Termine mit Anna Vinnitskaya bei der Dresdner Philharmonie

• Sonntag, 9.2., 11 Uhr, Kulturpalast, Recital Anna Vinnitskaya – Werke von Brahms, Bartók, Schumann und Chopin

• Mittwoch, 1.4., 19.30 Uhr, Kulturpalast, „Bach-Marathon“, Anna Vinnitskaya, Evgeni Koroliov, Ljupka Hadzigeorgieva und das Philharmonische Kammerorchester

• Freitag 26.6., 19.30 Uhr und Samstag, 27.6., 19.30 Uhr, Kulturpalast, Sergej Rachmaninow 3. Klavierkonzert d-Moll, Opus 30 mit der Dresdner Philharmonie unter Leitung von Andrej Boreyko

Die Aufnahme habe ich mehrfach gehört, es ist ein unheimlich „seriöser“ Bach, finde ich. Wie gelangt man zu einer solchen Lesart, die gar nicht einmal ernst ist, sondern im Gegenteil sehr locker klingt?

Das Lockere kommt erst in einem späteren Level der Erschließung dieser Musik. Davor steht sehr sehr viel Arbeit, investierte Kraft und Zeit mit den Stücken. Wir haben auch versucht, die Konzerte transparent zu spielen, das ist mit drei Klavieren nicht sehr einfach.

Und dann gibt es eine Gipfelerstürmung - mit Rachmaninows 3. Klavierkonzert zum Saisonabschluss der Philharmonie im Sommer…

Ja, das wollte ich schon als Kind spielen, dann habe ich es aber doch erst vor zwei Jahren einstudiert. Ich hatte einen großen Respekt davor, denn Rachmaninow hat es für sich selbst geschrieben, und – das ist bekannt – er hatte wirklich sehr große Hände, die habe ich nicht. Ich wollte es aber doch immer spielen und nun freue ich mich auch, dass ich es hier spielen kann.

Zweimal waren Sie auch schon in Gohrisch bei den Schostakowitsch-Tagen, haben dort die beiden Schostakowitschs Klavierkonzerte interpretiert und auch eingespielt…

Ja, das ist ein wunderbarer Konzertort dort in der Natur und dort wird auch leidenschaftlich musiziert. Es ist auch besonders mit dem Publikum im Konzertzelt, ein einmaliges Festival! Ich hoffe, es gibt wieder eine Möglichkeit dort zu spielen, dieses Jahr geht es leider nicht, ich muss ein paar Tage freinehmen im Sommer...

Es gibt Tage ohne Klavier bei Ihnen…?

Ja, die gibt es, unbedingt. Und die genieße ich auch.

Und innen, in ihnen, ist da nicht immer noch Musik?

Nein, tatsächlich nicht. Ich bin auch ein ganz normaler Mensch und genieße dann die Zeit mit der Familie und ich höre auch zu Hause wenig Musik. Stille ist für mich das Beste manchmal. Dann kann ich Musik auch immer wieder neu empfinden, wenn sie wieder zu mir kommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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