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Regional Allerlei Verwirrung zum Spielzeitauftakt am Hauptmann-Theater Zittau
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16:56 07.11.2019
„Mord auf Schloss Haversham“ – ein furioses Tohuwabohu mit präzise inszenierter Gagfolge. Quelle: Pawel Sosnowski
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Zittau

Es ist ein furioses Tohuwabohu, das Rüdiger Hentzschel bei seinem Zittauer Regiedebüt als absolut verfahrene Komödie hinterlässt. Denn in „Mord auf Schloss Haversham“ geht alles schief, was schief gehen kann. Die Rahmenhandlung ist dabei eigentlich nur sekundär und wird nicht final aufgelöst, aber am Anfang gut zu wissen: Hier auf der Bühne agieren keine Profis, sondern eine Laienspieltruppe, die mit Vehemenz und ohne Rücksicht auf Verluste ihre Vorstellung konsequent zu Ende bis ins finale Desaster spielt.

Eigentlich heißt die urbritische Komödie von Henry Lewis, Jonathan Sayer und Henry Shields ja viel genauer „The Play That Goes Wrong“ und erlebt hierzulande seit der deutschsprachigen Erstaufführung vor drei Jahren in Hof auch als „Chaos auf Schloss Haversham“ (Frankfurt), „The Show must go wrong“ (Zürich und Berlin) oder seit Februar als „Wird schon schief gehen” im Wiener Metropol etliche Nachspiele. Nun also auch zum exorbitanten Spielzeitauftakt am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau.

Dabei spielt der Regisseur der Truppe, die im Original als Cornley Polytechnic Drama Society eine Adaption von Agatha Christies „Mausefalle” vermutlich ernsthaft als Kostümkrimiklamotte vorhaben, gleich selbst die Hauptrolle des vaganten Inspektors, um am Anfang dem Publikum mitteilen zu müssen, dass noch nicht alles so ist, wie es sein sollte. Hier tut dies Sabine Krug, ebenso wie Patricia Wachtel als Perkins in einer überzeugenden Hosenrolle. Der Rest vom Chaos bleibt ohne Verweis ins wahre Doppelleben als Schauspielmensch, wobei die acht Profis samt aller echten Bühnentechniker in der hypersensibel mitspielenden Kulisse von Ulrike Bode und Mario Wenzel zu einer energetischen Hochform auflaufen.

Frenetischer Applaus, präzise Gagfolge

Hier leben die Leichen der beiden Brüder Charles und Cecil Haversham, die von Marc Schützenhofer und Paul Nörpel (mit einem beachtenswerten Indoordebüt) ganzkörperlich gespielt werden, während sich Assistentin Annie und Sandra – als Florence eigentlich Verlobte von Charles und Geliebte von Cecil – ein blutiges Match um das Finale dieser doppelt mannbefreiten Figur liefern, an dem Martha Pohla und Kerstin Slawek echt Spaß zu haben scheinen.

Grzegorz Stosz als burschikoser Bühnentechniker Trevor, sichtbar auch als Inspizient sowie Ton- und Lichttechniker, koordiniert omnipräsent das Chaos und greift ab und an auch leibhaftig ein, während Tilo Werner als Florences Bruder Thomas als einzig wahrer Aufklärer die eigentliche Hauptlast der ganzen Komik im Fortgange trägt, bis alles eskaliert, die Kulisse endgültig aufgibt und das Publikum, nicht geizend mit Szenenapplaus (auch für die echten Techniker), in frenetischen Applaus ausbricht, den die gespielten Laien nie hätten...

Im Grunde spielen hier Namen gar keine Rolle. Rüdiger Hentzschel, ein Karlsruher aus Wien, der mit seiner freien Truppe im Frühjahr mit einem respektablen Doppelgastspiel von Rezas Gemetzelgott in Zittau zu Gast war, hat die Sache, die nahezu jede Minute per Gag oder Unfall überrascht, mit akribischer Präzision inszenatorisch im Griff, wobei man natürlich gar nicht bemerken würde, was eigentlich echt und nicht nur spielerisch schiefgeht. Der witzige Auftakt gerät so, über drei Ecken gedacht, auch geistig nachhaltig: von der Rolle der Bedeutung zur Bedeutung der Rolle (als Beitrag zur Wende).

Zittaus Intendantin Dorotty Szalma, vergangene Spielzeit mit sieben Inszenierungen als Landesrekord aufwartend, probt derweil schon final an Georg Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“ (Premiere am Sonnabend) als Kammerabend mit Maria Weber als Marlene, danach sofort in großer Besetzung das Hamburg-Musical „Heiße Ecke“ (25. Januar 2020). Dazwischen inszeniert Christiane Müller David Mamets „Die Anarchistin“ (30. November) als Kammerdrama.

In Görlitz muss indes Generalintendant Klaus Arauner, der sich als Opernregie „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (4. April 2020) gönnt, ebenso noch ein Jahr weitermachen wie Caspar Sawade als Geschäftsführer fürs gesamte Haus, weil die auserkorene Nummer 1 als Nachfolger beider – Johannes Beckmann, derzeit stellvertretender Generalintendant der Oper Erfurt und in Dresden dank seiner Zeit als künstlerischer Produktionsleiter und Leiter des künstlerischen Betriebsbüros der Semperoper gut bekannt – unerwartet absagte und nun alsbald eine Neuausschreibung und -findung folgen soll.

Personalwechsel geplatzt, Kulturkonvent prüft Sparoption

„Es geschah nach reiflicher Überlegung aller Umstände – und die ganze Bewerbungsphase ist äußerst seriös abgelaufen“, antwortet Beckmann auf DNN-Nachfrage, ohne Groll oder Hintergründe zu offenbaren. Dass man sich danach jedoch in Landkreis wie Aufsichtsrat auf keinen anderen Kandidaten der Liste einigen konnte und offenbar keinen Plan B jenseits der Neuausschreibung bereit hielt, erscheint ungewöhnlich und kommt auch für ihn unerwartet.

Zudem sind die Gräben im 2011 zum Kreistheater fusionierten Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau noch tief: Das liegt einerseits an der gescheiterten ersten 25-jährigen Ehe als „Theaterkombinat“, die Zittau anno 1963 schon einmal viele Theaterleute (damals fast 200) kostete und 1988 unter großem Jubel an der Mandau endete. Und auch jetzt ist der Sparwert zweifelhaft und, falls vorhanden, besonders auf Stellenreduzierung, also Mehrarbeit beruhend. Fürs Publikum vor allem sichtbar, am Ensemble messbar: Unter Carsten Knödler gab es 2011 noch 13 fixe Stellen für Darsteller, heuer hat Dorotty Szalma nur noch acht. Dazu kommt jeweils eine doppelte halbe für einen Dramaturgen mit Spielverpflichtung.

Für explizite Theaterpädagogen ist trotz viel Wert auf Produktionen für Kinder und von Jugendlichen inzwischen an der Neiße leider gar kein Geld mehr da. Deren Arbeit erledigen oft Schauspieler für ihre Mindestgage gleich mit. Es gibt also viel zu tun – am besten politisch per Dynamisierung der künftigen Kulturraummittel, zum Beispiel in Anlehnung der Aufwüchse der öffentlichen Verwaltung oder von Landtagsdiäten.

Nun legt der Kulturkonvent dem Theater aber noch ein dickes Kuckucksei ins Netz: Eine erneute Prüfung von Sparoptionen, die nach dem Wegfall des Wahlkampfkulturpakts 2022 das Überleben im (oder vielleicht ohne) öffentlichen Tarif sichern sollen. Die Träume der bislang dominanten CDU-Landräte gehen – aufgrund der Kosten für das Kulturraumorchester – schon seit 25 Jahren in Richtung Einheitsbühne Oberlausitz, wobei sich die beiden Schauspielsparten in Bautzen und Zittau, aber auch die Sorben bislang entschieden wehrten.

Die Entscheidung über die Auswahl der sicher hochdotierten Optimierer im Kulturkonvent kündigt Kulturraumchef Joachim Mühle just für den 12. Dezember an, also jenem Berliner Tag der ersten deutschen EU-Kulturhauptstadt-Entscheidung, ab dem vermutlich zwei der drei sächsischen Bewerberstädte Trauer tragen werden.

So wirkt dann der neue Generalintendant als Kunst- und Wirtschaftskraft (so man sich diesmal einigt) wohl erst ab 2021 – also mitten in einer heiße Phase mit unklaren Vorzeichen. Aber vielleicht nimmt sich der Neue dann den mutigen Görlitzer Stadtratsbeschluss von 1946 mal wieder ernsthaft zur Brust, der damals den Befreiern (nicht: Besatzern!) keineswegs geschmeckt haben soll: die Umbenennung des Stadttheaters als Ode an Gerhart Hauptmann – mit der Maßgabe, jedes Jahr ein neues Werk vom (nach Jacob Böhme) einzig weltweit wichtigen Intellektuellen der Region auf die Bühne zu bringen. Da die Urheberrechte nun endlich erbenfrei sind, gibt es auch keine Alibis mehr – vor allem das Spätwerk, von der Mystik befreit, passt doch wunderbar zum Zeitzustand in Bund wie Dreiländereck.

nächste Aufführungen:Mord auf Schloss Haversham “ am Hauptmann-Theater Zittau: 9. & 10. November sowie 31. Dezember

Premiere in Görlitz: 2. Mai 2020

www.g-h-t.de

Von Andreas Herrmann

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