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Regional „Abbruch Abbruch“ – Die Antilopen Gang kommt nach Dresden
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20:15 17.02.2020
Die Antilopen Gang sind Kolja, Panik Panzer und Danger Dan (v.l.). Quelle: Katja Runge/PR
Dresden

Aus den autonomen Jugendzentren: Das Hip-Hop-Trio Antilopen Gang (Düsseldorf/Aachen) hat es mit seinem letzten Album „Anarchie und Alltag“ zur Nummer-eins-Band gebracht. Nun erschien der Nachfolger „Abbruch Abbruch“. Wir sprachen mit Rapper Danger Dan (37).

Frage: Zehn Jahre gibt es die Antilopen Gang. Das Album klingt ein wenig wie eine Bilanz. War das Zufall?

Danger Dan: Es war keine bewusste Entscheidung, aber es ist keine These, die Sie alleine aufgestellt haben. Und wenn ich es mir recht überlege, stimmt es auch. Ich denke, es gibt zwei Säulen, eine eher retrospektive und die andere typisch Antilopen Gang: dass man Binsenweisheiten hinterfragt. Zum Beispiel: Ist Trennung wirklich schlecht? Oder: Sind Rapper wirklich so potent?

„Wir haben in diesem Jahr ganz viel Mut entwickelt“

Zumindest in „Wein zu Wasser“ geht es um die Lebenslügen mindestens einer Generation: um all die Leute, die gut sein wollen, es nicht richtig hinkriegen, aber trotzdem unglaublich stolz darauf sind ...

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob das eine Abrechnung sein soll. Selbst wir in der Band haben dazu drei unterschiedliche Interpretationen. Für mich knüpft es an eine Veranstaltung 2018 in Hannover an zu 50 Jahren ’68, an der ich mit meinem Vater beteiligt war. Damals hat sich auch nicht alles, was es an politischen Forderungen zu einem Umbruch gab, ins Positive gekehrt: Die Forderung nach Flexibilität hat zum Beispiel einem neoliberalen System total in die Hände gespielt. Das schwang bei mir in diesem Song mit. Aber Panik Panzer und Koljah hatten ganz andere Ideen.

Und dann geben Sie Lebenshilfe, mit Liedern wir „Trenn dich“ ...

Ja, ich hoffe, dass wir vielen Leuten Trost spenden (lacht). Ich hoffe, dass wir damit ein paar patriarchale, einengende Beziehungen zerstören. Das ist uns im Auftrag der Liebe ein großes Anliegen.

Das Album startet relativ offensiv mit „2013“. Das war das Schwellenjahr der Band, als Ihr Kollege NMZS starb und aus vier Mitgliedern der Antilopen Gang drei wurden. Eine bewusste Setzung?

Es war auch das erste Lied, das wir geschrieben haben, bei dem wir ganz sicher waren, dass wir es unbedingt auf dem Album haben wollten. Wir waren uns auch ziemlich schnell darüber im klaren, dass das Album so anfangen könnte. Es lag uns am Herzen.

Wir haben in diesem Jahr ganz viel Mut entwickelt. Denn wenn man mit existenziellen Problemen konfrontiert wird – da kommt ein Anruf, und nichts ist mehr wie früher –, macht einen das erst einmal ganz hilflos und ängstlich. Man kann daraus aber auch schöpfen: „Ey, wir setzen jetzt alles auf eine Karte, nämlich auf die Antilopen-Gang-Karte. Wir kündigen unsere Wohnungen und schlafen irgendwo auf dem Sofa. Wir ziehen das jetzt durch.“ Daraus kann man schöpfen.

Was hat sich geändert?

Ich glaube, wir können alle unser Leben einteilen in eine Zeit vor 2013 und nach 2013. Von meinem Leben von damals ist nicht mehr viel übrig. Auch wenn es nur verflixte sieben Jahre sind, waren es die ereignisreichsten. Rückblickend war das aber auch eine gute Veränderung. Denn man schöpft aus so einer Krise auch Mut.

Sie machen jetzt Songs wie „Der Ruf ist ruiniert“ und singen darüber, dass Sie jetzt Fans haben, die SPD und Grüne wählen.

Es gibt ja diesen Spruch: Ab 500 Zuschauern kommen die Idioten. Ich glaube, die kommen schon viel früher. Ein paar waren wohl auch schon 2013 dabei, als wir nur in autonomen Zentren gespielt haben. Aber heute ist es noch einmal anders.

Der Statement-Hype ist vorbei

Ändert das für Sie etwas in der Ansprache? In einem autonomen Zentrum muss man kaum „Nazis raus!“ sagen; in einem 2000er-Club kann man es nicht ausschließen, dass der ein oder andere nicht wirklich weiß, womit er es zu tun hat.

Was klassische Nazis angeht, haben wir uns, glaube ich, schon gut positioniert (lacht). Das würde ich ausschließen. Da muss schon jemand sehr, sehr dumm sein... Aber davon, dass die eine oder andere unangenehme Gestalt dabei ist, kann man wohl ausgehen.

Kompromissbereiter sind Sie nicht geworden. Woher kommt die gewachsene Popularität? Gibt es auch einen linken Mainstream?

Ich glaube, dass, was wir prophezeit haben, nämlich dass wir uns nicht dem Mainstream öffnen werden, sondern der Mainstream sich uns, ist eingetreten. In den vergangenen sieben Jahren mussten ganz viele Bands ein Statement machen und haben sich „Refugees Welcome“-Pullover angezogen. Ich glaube aber auch, dass dieser Hype fast wieder dabei sind und wir fast schon wieder uncool sind mit unseren ganz normalen Forderungen an diese Welt. Immerhin scheint es aber ein Bedürfnis nach Hip-Hop zu geben, der nicht nur auf dem Grundschulhof stattfindet. Hip-Hop ist nicht mehr unbedingt eine Jugendkultur und die Antilopen Gang nicht mehr unbedingt eine Jugendband.

Was sich auch in den musikalischen Mitteln niederschlägt, die vielfältiger geworden sind.

Ich kann das selber musikalisch gar nicht mehr richtig einordnen. Da sind jetzt plötzlich ganz poppige Melodien dabei. Dann gibt es sehr viel Punkattitüde.

Sie haben sich drei Jahre Zeit gelassen. Woran lag’s?

Es hat verschiedene Gründe. Viele Alben-Zyklen von Bands – gerade von Hip-Hop-Bands – haben mit Marktstrategie und Verwertungslogik zu tun: „Ich muss jetzt schnell ein Album herausbringen, um an den Hype anzuknüpfen.“ Unser großes Glück ist, dass unser Label nicht darauf angewiesen ist – die gehen nicht pleite, wenn wir uns Zeit lassen. So hatten wir den Luxus, so lange an dem Album arbeiten zu können, bis wir fanden, dass es gut war. Wir haben jetzt aber auch nicht drei Jahre nonstop im Studio gesessen. Wir haben auch einfach mal entspannt.

Bilanz ziehen funktioniert nur, wenn man mal innehält

Es hilft durchaus, wenn sich Gedanken auch mal setzen können ...

Wie gesagt: Zwischen 2013 und jetzt war die Ereignisdichte in meinem Leben tausendmal höher als in jeder anderen Phase. Es tut einfach gut, nach hunderten Shows, nach Preisverleihungen und Morddrohungen, Unfällen und Operationen und nicht zuletzt familiären Momenten – ich bin Vater geworden in der Zeit – zu sagen: „Jetzt ziehen wir mal die Notbremse; wir spielen mal kein Konzert und gehen es langsam an.“ Bilanz ziehen funktioniert halt nur, wenn man mal innehält.

Die Zeit des Innehaltens ist erstmal vorbei, denke ich. Oder gehen Sie auch die anstehenden Konzerte ganz ruhig an?

Die ist komplett vorbei. Mein Tag ist gerade richtig böse durchgetaktet. Und ich freue mich darüber: Ich freue mich, auf Tour zu gehen.

Konzert: Donnerstag, 20 Uhr, Alter Schlachthof, Karten ca. 30 Euro

Von Stefan Gohlisch

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