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Regional Ab Karfreitag zeigt das Hygiene-Museum „Von Pflanzen und Menschen“
Nachrichten Kultur Regional Ab Karfreitag zeigt das Hygiene-Museum „Von Pflanzen und Menschen“
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12:49 18.04.2019
Eins der eigenartigsten Exponate ist ein aus gefärbtem Menschenhaar gefertigter Garten. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Klausner heißt „Der Lautforscher“ in selbiger Geschichte von Roald Dahl. Dieser Klausner baut einen Apparat, der Unhörbares hörbar macht. Das Gerät lässt ihn in seinem Garten Überraschendes erleben: die Schreie der Rosen angesichts der Gartenschere, den Ton eines Baumes, wenn Klausner die Axt gegen den Stamm schwingt. Dahls Held verliert den Verstand angesichts dieser Entdeckungen. Wer wollte es ihm verdenken. Der Einfluss, den der Mensch im Anthropozän auf die Natur nimmt, lässt ihn – den Menschen – tatsächlich oft genug anstaltsreif aussehen.

Ohne Pflanzen liefe gar nichts auf der Erde

Der Verweis auf die Dahl-Geschichte ist Teil der jüngsten Sonderausstellung des Dresdner Hygiene-Museums „Von Pflanzen und Menschen“. Die Architektur der luftigen Schau verwandelt den Besucher sozusagen in ein Insekt. Das bewegt sich dabei im übertragenen Sinn aufwärts: Vom Boden (Raum 1: Zu den Wurzeln) über den Stengel (Raum 2: Saat und Ernte) zur Blüte (Raum 3: Ins Grüne!).

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Wobei das Hauptmotiv der Ausstellung das des Gärtnerns ist – des bewussten Entscheidens, unter wie viel und welcher Art Kontrolle das steht, was da wachsen soll. Und weil Pflanzen noch dazu ein sehr greifbares Element aus dem täglichen Leben sind – im Gegensatz zu eher abstrakten Naturschutzthemen wie dem Kohlendioxid-Ausstoß.

Die Wurzel der Alraune – ein Hort des Aberglaubens. Quelle: Anja Schneider

Doch nicht nur das. Ohne Pflanzen liefe nämlich gar nichts auf der Erde. „Ihre Photosynthese ist Grundlage des Lebens“, sagt Kuratorin Kathrin Meyer. Bis zu einer halben Million Pflanzenarten soll es geben, knapp 400 000 sind bislang entdeckt. Ganz davon abgesehen, dass der Mensch und seine Anwesenheit auf dem Planeten im Vergleich zur Fauna eine kurze Momentaufnahme darstellt.

Doch der Mensch hat eben auch viele Pflanzen kultiviert und nutzt sie: als Nahrung, Heilmittel, Baustoff. Der Hinweis auf die Landwirtschaft und die Jagd nach hohen Erträgen fehlt nicht. Meyer fragt aber auch, wie die bis 2050 schätzungsweise 9 Milliarden Menschen zu ernähren sein sollen – und müssen. Sie setzt aus ihrer Perspektive zum Beispiel auf variantenreiches Saatgut. „Ein System ist nur dann stabil, wenn es vielfältig ist. Das macht uns die Natur vor“, sagt sie. Eine größere Präzision beim Verwenden von Pestiziden (wenn sie denn schon gebraucht werden) könnte ebenfalls helfen – die ausgestellten Drohnen sind Hilfsmittel dieser Form von moderner Landwirtschaft.

Was wäre, wenn der Mensch verschwände?

Natürlich gibt es auch eine Art Verbeugung vor dem Holz – und damit vor dem Wald. Gezeigt wird dabei unter anderem, dass der Großteil des geschlagenen Holzes tatsächlich in Wegwerfprodukte wie Toilettenpapier geht. Ein nachgerade absurder Zustand, der mit den Auswirkungen unseres immensen Konsums korreliert. Und ein Foto von 1891 zeigt den eigenartigen Triumph über die Natur, einen 1350 Jahre alten Mammutbaum, der binnen 13 Tagen gesägt wurde – in Kalifornien, wo bis ins frühe 20. Jahrhundert von Siedlern mehr als 8000 dieser Uralt-Geschöpfe abgeholzt wurden. In einem Land, das schon 1872 den ersten Nationalpark der Welt gegründet hatte, am Yellowstone River.

Dresdner Ausstellung verspricht „Streifzug über den grünen Planeten“

Literatur ist beim Thema Pflanzen ein dankbarer, weil unerschöpflicher Begleiter. So schrieb Alan Weisman das Sachbuch „Die Welt ohne uns“, in dem er der hypothetischen Frage nachging, wie sich die Erde entwickeln würde, wäre plötzlich kein Mensch mehr da. In der Ausstellung gibt es dazu ein bildliches Äquivalent: ein Schwarz-Weiß-Foto von Prypjat, der Geisterstadt bei Tschernobyl.

Natürlich nimmt sich die Natur allen Dingen und Orten wieder an, wenn der Mensch sich vom Acker gemacht hat. Weisman beschreibt das detailliert, Volker Kreidlers Prypjat-Foto spricht Bände. Diese stumme Wunderwelt steigt dann wuchernd neu empor. Sie braucht uns nicht, wir sie umso mehr. Das alttestamentarische „Macht euch die Erde untertan“ (das der Papst selbst mittlerweile neu deuten ließ) hat sich endgültig überholt.

bis 19. April 2020, Di-So 10-18 Uhr

www.dhmd.de

Von Torsten Klaus