Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Regional 35.000 Besucher feiern beim ausverkauften 21. Highfield-Festival
Nachrichten Kultur Regional 35.000 Besucher feiern beim ausverkauften 21. Highfield-Festival
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:42 20.08.2018
Ingo Knollmann, Sänger der Band Donots auf dem Highfield Festival 2018. Quelle: Alexander Prautzsch
Anzeige
Leipzig

Schreckmoment in der Dämmerung: Blitze durchzucken den Himmel, Regen setzt ein, auf den Videoleinwänden erscheinen Unwetterwarnungen. Fast sah es am Freitagabend so aus, als drohe dem Highfield-Festival dasselbe Unheil eines zeitweisen Abbruchs wie der Jubiläumsausgabe im letzten Jahr. Noch am Nachmittag zeugten Staubwolken und Bergbauarbeiter-Gedächtnis-Gesichter von ausgelassenem Sommertanz. Doch das Gewitter zieht vorbei, der Regen dient als willkommener Staubfänger auf dem Dürre-gebeutelten Gelände.

Gegen Mitternacht wärmt sich sogar die Luft wieder etwas auf, während das Publikum zum Auftritt der Kanadier Alternative-Punks Billy Talent den letzten Schlamm wegtanzt. Im letzten Jahr musste ihr Auftritt wegen des Wetters abgesagt werden. Entsprechend energiegeladen geben sie sich diesmal, holen für zwei Songs sogar ihren an MS erkrankten Originaldrummer Aaron Solowoniuk auf die Bühne. Ein sehr emotionaler Moment, der gleichzeitig das 25jährige Bandbestehen feiert.

Anzeige

Das erste atmosphärische Highlight liefert vorher Gogol Bordello, die mit ihrem Gypsi-Punk-Gebräu der untergehenden Sonne entgegen singen und neben reichlich Balkan Vibes auch die ein oder andere Flasche Wein im Publikum versprühen. Danach zeigen Bilderbuch, dass exaltierter Pop aus Österreich auch nach Falko noch möglich ist. An dieser Stelle jedoch scheiden sich merklich die Geister: Freunde der Hippness feiern zu Hauf, Fans härterer Gangart stellen sich schon mal vor die Green Stage, um der Bostoner Folk-Punks von Dropkick Murphys zu harren.

Der Samstag gleicht einem wahren Marathon: Wer mochte, konnte von Mittag bis nachts 13 Stunden nonstop Livemusik erleben. Zwar zieht es zunächst viele an den Strand, aber selbst Newcomer, wie die Post-Hardcore-Melancholiker 8Kids konnten sich bereits über ein knapp vierstelliges Auditorium freuen. Die Kulmination dessen, was das Highfield ausmacht, folgt um 14.30 Uhr: Party, erhobene Antifa-Faust, Rap, Punkrock und Popsamples vereinen die Hamburger Swiss & Die Anderen zu einer radikal schweißtreibenden Mischung.

Donots statt Bad Religion

Ein Highfield-Highlight war eigentlich so gar nicht geplant: Die Donots, quasi nur das kurzfristig eingesprungene Trostpflaster für die ausgefallenen US-Punk Helden Bad Religion, werden vom Publikum derart euphorisch empfangen, als hätte es nur auf sie gewartet. Entsprechend energisch legen sie sich ins Zeug, covern einen Bad Religion Song inmitten der pogenden Menge und sind gegen Ende sichtlich zu Tränen gerührt.

Die beiden eigentlichen Headliner des Abends sitzen da noch im Tourbus. Kaum eine Rockband der letzten 25 Jahre ist wohl derart stilprägend und unverwechselbar wie die im schwarz-weißen Anzug über die Bühne zuckenden schwedischen Garage-Punks The Hives. Es gibt kein „The Hives klingen wie ...“, aber es gibt viele Bands, die klingen wie The Hives.

Broilers füllen das Areal

Die Broilers wiederum haben sich in über 25 Jahren konsequent in den Festivalhierarchien hochgearbeitet. Sichtlich wohl fühlen sich die Düsseldorfer Samstagnacht so nah ihrer „Zweiten Heimat Leipzig“. Angefangen im Conne Island scheinen sie mittlerweile wie für die große Bühne gemacht und nehmen das Festival-Areal mühelos bis hinter zum Riesenrad in Beschlag. Es braucht wohl diesen Werdegang, um mit einem noch in der Schule gedichteten Song („Blume“) und Feuerwerk 35 000 Leute in die Nacht zu schicken.

Das Line-Up, ein Jahr nach dem 20. Festival-Geburtstag, präsentiert sich 2018 grundsolide, Überraschungen oder Wow-Effekte fehlen jedoch. Dafür setzt man überwiegend auf verlässliche Highfield-Lieblinge, die sich hier schon das ein oder andere Mal beweisen konnten.

Zusätzlich scheint sich das Festival, das 2010 aus dem namensgebenden Hohenfelden nach Großpösna gezogen ist, in diesem Jahr wieder mehr auf seine Indie- und Alternative-Wurzeln zu beziehen, die Pop- und Hip Hop Zutaten wirken qualitativ ausgewählter als in manchem Jahr davor. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: Jemand wie der Macker-Rapper Bausa, der vor lauter Machismo am Samstag kaum einen klaren Satz heraus bringt, wirkt, als hätte es die Diskussion um Diskriminierung und Sexismus im Hip Hop seit dem Echo nie gegeben.

Weit vorn freilich auch der klare Partywille bei einer Vielzahl der Gäste, die es unabhängig von musikalischen Inhalten und ein Stück weit niveaubefreit genießen, ein Wochenende lang dem Hedonismus zu frönen. Dazu gehört auch Konsum: Natürlich ist ein Festival dieser Größenordnung kommerziell durchstrukturiert und mit Werbe-Partnern großflächig abgedeckt: Kaum ein Meter auf dem Gelände, auf dem nicht irgendeine Marke prangt. Durch Gimmicks wie kostenlose Sonnenhüte oder Regencapes wird auch der Festivalbesucher selbst schnell zum Werbeträger.

Für eine bessere Welt

Insgesamt aber hält das Highfield auch in diesem Jahr wieder die Fahne für eine bessere Welt hoch. Neben allerlei caritativen Initiativen treten auffällig viele Bands offensiv antifaschistisch auf, als wolle man dem nationalistischen Zeitgeist weltweit ein musikalisches Gegengewicht liefern. Und dies geht durch alle Genres hindurch: Kampfansagen gegen Missstände sind längst nicht mehr nur den Punkrockern vorbehalten, wie etwa die Rapper der Antilopen Gang mit ihren „linksradikalen Botschaften der Liebe“ unter Beweis stellen. Der poetischste Satz zur aktuellen Weltlage kommt am Wochenende von Alligatoah, während er mit einer Plastiktüte knisternd musiziert: „Wenn alles Plastik auch Instrument wäre, dann wären die Meere ja voller Musik.“

Mit Auftritten der Fantastischen Vier, von Mando Diao und Marteria geht das Highfield am Sonntagabend zu Ende.

Karsten Kriesel