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Kultur Weltweit Woody Allen: „Ich habe absolut nichts getan“
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17:29 25.10.2019
Sein neuer Film heißt "A Rainy Day in New York": Regisseur Woody Allen.

Guten Morgen, Herr Allen, kommen Sie gerade vom Frühstück?

Oh nein, ich bin schon früh aufgestanden und habe mit Blick auf den Eiffelturm Übungen mit meinem Expander gemacht. Das Gerät habe ich immer dabei auf Reisen.

Den Eiffelturm haben Sie in Ihrem New Yorker Apartment nun nicht vor dem Fenster. Was würden Sie lieben Gästen von Manhattan zeigen?

Die Upper East Side mit den eleganten Stadthäusern und dem Central Park – eine reizende, wohlhabende Gegend, auch das West Village mit seinen alten, kleinen Häusern und Bäumen.

Und was würden Sie Gästen zeigen, die nicht so willkommen sind?

Die würde ich zum Times Square schicken. Der Bezirk ist ruiniert worden, eine einzige Einkaufsmeile. Broadway und 46. Street waren mal aufregend mit dem lebhaften Verkehr. Heute ist das eine Fußgängerzone, so war das Viertel nie geplant.

Nun haben Sie „A Rainy Day in New York“ gedreht, eine romantische Komödie in New York: Ist diese lärmende Stadt denn noch romantisch?

Der Dauerlärm ist doch genau das, was ich an New York mag. Wenn ich auf dem Land nachts keine Autos höre, werde ich nervös. Aber es stimmt schon: New York ist nicht mehr so romantisch, wie es war, bevor ich geboren wurde.

Woher wissen Sie, wie romantisch New York vor Ihrer Geburt war?

Ich habe mir viele alte Fotos und Filme angeschaut. Ich weiß, was in den Theatern und Cabarets gespielt wurde. Aber auch in meiner Kindheit – ich bin 1935 geboren – war New York noch charmant und liebenswert. In den Fünfzigern kam die Stadt ins Rutschen. New York ist immer noch wundervoll, aber es ist einiges schiefgegangen.

Was meinen Sie genau?

Heute stehen überall riesige Gebäude – und zwar leer. In den Ungetümen von 100 Stockwerken wollen Menschen nicht leben. Auch die kleinen Geschäfte sind verschwunden, weil alle nur noch im Internet einkaufen. New York war mal eine Stadt zum Spazieren, heute sind die Fahrradfahrer eine Plage. Sie rasen über Fußgängerwege, fahren gegen die erlaubte Richtung und über rote Ampeln. Fahrradfahrer werden von Autofahrern getötet, und Fahrradfahrer töten Fußgänger.

Könnte Ihr Ärger über die aktuellen Zustände daher rühren, dass Sie ein unverbesserlicher Romantiker sind?

Ich bin ein Romantiker, weil das angenehmer ist. Nostalgie ist eine Falle, in die man gern tritt. Deswegen lässt man sich ja so gern von Tagträumen verführen. Das wahre Leben ist leider weit weniger romantisch.

Schreiben Sie immer noch auf Ihrer uralten Olympia-Schreibmaschine?

Oh ja, die ist nicht kaputt zu kriegen. Sie könnten die Maschine vom Eiffelturm fallen lassen, und sie würde immer noch funktionieren. Ich habe sie seit meinem 16. Lebensjahr, jetzt bin ich 83. Zweimal musste ich sie zur Reparatur bringen. Klar wäre ein Computer hilfreich, aber damit kenne ich mich nicht aus. Das überlasse ich meinen Kindern.

Wie viel Zeit verbringen Sie in Gedanken in der Vergangenheit, und wie sehr beschäftigt Sie die Zukunft?

Nun, ich habe ein gewisses Alter erreicht. Niemand wäre überrascht, wenn ich bei unserem Interview tot vom Sofa rutschen würde. Die Leute würden sagen: Er war 83, was erwartet ihr? Hin und wieder denke ich schon über den Tod nach – ein ernüchternder Gedanke.

Also schauen Sie viel zurück?

Im Moment beschäftige ich mich vor allem deshalb mit der Vergangenheit, weil ich an meiner Autobiografie schreibe. Ich schaue aber niemals meine alten Filme, sammele auch nicht meine alten Drehbücher oder so etwas. Wenn ich bei einem Symposium etwas zu meinem mehr als 40 Jahre alten Film „Der Stadtneurotiker“ sagen soll, gehe ich gar nicht erst hin. Selbst jetzt beim Reden über „A Rainy Day in New York“ tue ich das nur, um Leute zu animieren, sich den Film anzuschauen. Aber ich bin ja schon wieder einen Film weiter.

Tatsächlich?

Ich komme gerade aus San Sebastián, wo ich mit Christoph Waltz den nächsten Film abgedreht habe. Meine Zukunft mag begrenzt sein, aber sie interessiert mich definitiv mehr als meine Vergangenheit.

Fürchten Sie den Klimawandel?

Ich bin ganz generell Pessimist, was die Zukunft betrifft. Die Apathie gegenüber steigenden Temperaturen, die Verbreitung von Nuklearwaffen, die mangelnde Verantwortung von politischen Anführern rund um den Globus: Es würde mich nicht überraschen, wenn die Überlebenszeit der Menschheit bald abläuft. Genozide, Hunger, Krankheit, Flüchtlingsbewegungen, die abnehmende Toleranz zwischen Religionen, Ethnien, Geschlechtern ...

Halt, halt: Wird gar nichts besser?

Die Wissenschaft hat Fortschritte gemacht – auch wenn sie von schlechten Politikern missbraucht wird. In Gesundheitsfragen ist einiges erreicht worden. Immerhin haben wir es auf den Mond geschafft, und wir haben die Tuberkulose ganz gut im Griff. Mehr fällt mir nicht ein. Alles andere verschlechtert sich: Umwelt, Bildung, Demokratisierung ...

Wären Sie weniger pessimistisch, wenn Sie an etwas glauben würden?

Ich beneide Leute, die im Universum einen Sinn entdecken oder an Gott glauben – und dabei nicht zu religiösen Robotern werden. Leute, die glauben, haben ein angenehmeres Leben. Sie finden ihren inneren Frieden. Aber das ist eine Begabung – so ähnlich wie ein besonderes Talent für Musik oder fürs Malen.

Haben Sie jemals versucht zu glauben?

Das bringt nichts: Das ist doch der Punkt. Entweder man hat diese Begabung, oder man hat sie nicht.

Noch mal kurz zum Klimawandel: Wenn sich Greta Thunberg bei Ihnen melden würde, um in Ihrem nächsten Film mitzuspielen, hätte sie eine Chance auf eine Rolle?

Nun ja, es reicht nicht, nur noble politische Ansprüche zu haben. Schauspielern sollte Greta Thunberg schon können. Aber wenn dem so ist, freue ich mich auf sie.

Hätten Sie die Hauptrolle in „A Rainy Day in New York“ selbst gespielt, wenn Sie 60 Jahre jünger wären?

Ohne Zweifel! Aber leider bin ich zu alt, um als romantischer Held aufzutreten. Heute müsste ich vermutlich den Türsteher am Hintereingang eines Theaters oder einen Großvater spielen. Und dazu habe ich keine Lust. Vor der Kamera möchte ich beim Candle-Light-Dinner einer wunderschönen Schauspielerin gegenübersitzen. So verzichte ich lieber ganz.

Woher wissen Sie, wie 20-Jährige heute sprechen, fühlen, lieben?

Das weiß ich doch gar nicht. Ich habe hier und da etwas aufgeschnappt und es mir vorgestellt. Und dann habe ich die Schauspieler frei reden lassen.

Sie drehen einen Film nach dem anderen: Kennen Sie eine Schaffenskrise, wie Sie den Regisseur in Ihrer New-York-Romanze erwischt?

Ich habe schon in vielen Krisen gesteckt! Oft startet man bei einem Film mit so viel Ehrgeiz und hat dann das Gefühl, alles zu ruinieren. Die Einschätzung bestätigt sich leider gelegentlich auch in den Augen des Publikums. Manchmal aber mögen die Zuschauer den vermeintlich desaströsen Film. In diesem Fall empfehle ich, gleich den nächsten zu drehen.

Haben Sie es je bereut, das Klarinettenspiel, ihr Lieblingshobby, nicht zum Beruf gemacht zu haben?

Dafür war ich nie gut genug. Ich hätte von meiner Klarinette nicht leben können. Ich werde als Musiker toleriert, weil ich Filme mache. In mir steckt einfach kein großer Musiker.

Sind Sie wirklich so schüchtern, wie Sie immer behaupten?

Ich empfinde das Leben in der Öffentlichkeit als nervenaufreibend. Für mich war es damals ein harter Schritt vom Gagschreiber im einsamen Zimmerchen zum Stand-up-Comedian auf der Bühne. Die Verwandlung war schmerzhaft. Ich habe mich dabei nie wohlgefühlt.

Wussten Sie im Leben immer, was gut für Sie ist? Oder würden Sie im Rückblick etwas anders machen?

Ich hätte meine Ausbildung viel wichtiger genommen und dann etwas Seriöses gemacht. Vielleicht wäre die Philosophie etwas für mich gewesen. Meine Eltern fragten mich immer, was ich machen will. Ich wusste keine Antwort. Dann stellte sich heraus, dass ich Menschen mit meinen Texten amüsieren kann.

Wann haben Sie das Talent entdeckt?

Als ich 16 war. Plötzlich verdiente ich mehr Geld als mein Vater und meine Mutter zusammen. Ich war im Showbusiness gelandet. Es war ein Privileg, Filme drehen zu dürfen. Aber wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich mein Talent anders genutzt.

Die bittere Trennung von Mia Farrow, nachdem Sie eine Beziehung zu deren Adoptivtochter Soon Yi Previn begonnen hatten, die Missbrauchsvorwürfe ihrer Adoptivtochter Dylan Farrow gegen Sie: Bereuen Sie, was in Ihrem familiären Umfeld passiert ist?

Zu meiner ersten Frau Louise Lasser habe ich immer noch engen Kontakt. Mit Soon Yi bin ich seit mehr als 20 Jahren verheiratet. Wir waren bestimmt füreinander, und wir sind glücklich. Aber wenn ich an die Zeit davor denke, ist da nichts als Ärger.

Seit mehr als 20 Jahren ist Woody Allen mit der Adoptivtochter seiner Ex-Frau Mia Farrow, Soon Yi Previn, verheiratet.

Genau.

Aber da gibt es nichts, was ich hätte anders machen können. Der Ärger ist mir aufgezwungen worden. Ich bin wegen bestimmter Dinge fälschlicherweise beschuldigt worden – und diese Dinge sind allesamt intensiv untersucht und schon vor Jahren abgewiesen worden. Eines Tages wird vielleicht die Vernunft siegen, und es wird festgestellt werden, dass da ein großer Fehler gemacht wurde. Vielleicht aber auch nicht. Da kann ich nur vermuten.

Glauben Sie, dass das Publikum Ihren neuen Film sehen kann, ohne dabei an die Missbrauchsvorwürfe gegen dessen Regisseur zu denken?

Keine Ahnung. Wenn Zuschauer Eintrittsgeld bezahlen, werden sie hoffentlich mit dem Film eine gute Zeit haben. Sollten Sie aufgebracht sein durch die #MeToo-Beschuldigungen, werden sie wohl gar nicht erst ins Kino gehen.

Empfinden Sie es als einen Woody-Allen-Witz, dass Ihr Name in einem Atemzug mit denen von Harvey Weinstein und Kevin Spacey genannt wird?

Das ist absurd! Diese Leute haben ernsthafte Probleme. Ich dagegen bin wegen einer Sache beschuldigt worden, die von der Polizei und vom Gericht genau untersucht wurde – und alle kamen zum Schluss, dass da nichts war. Das Ganze passierte inmitten einer sehr schlimmen Trennungsgeschichte. Weinstein ist verklagt worden von rund 60 Frauen. Er hat seine Schuld eingestanden, ich habe absolut nichts getan.

In den USA findet sich wegen der Missbrauchsdebatte kein Verleih, der Ihren Film herausbringen will: Wie bitter ist das für Sie?

Das stört mich nicht – auch dann nicht, wenn er dort nie in die Kinos kommen sollte. Mein Gefühl ist jedoch: Der Film startet überall in der Welt, Anfang Dezember ja auch in Deutschland. Sollte er den Leuten gefallen, wird er vielleicht doch in den USA eine Chance bekommen. Und wenn nicht: Ich kümmere mich um den nächsten Film. Oder ich mache etwas anderes: Im Juni habe ich in Mailand bei Puccinis Oper „Gianni Schicchi“ Regie geführt.

Wäre jetzt womöglich ein guter Zeitpunkt, um mit dem Filmen aufzuhören?

Das ist keine Option! Wenn ich nicht mehr das Geld zusammenbekomme, um einen Film zu drehen, schreibe ich fürs Theater. Wenn dort keiner mehr meine Stücke auf die Bühne bringt, schreibe ich ein Buch. Wenn ich das nicht mehr herausbringen kann, dann ... Ich kann mir nicht vorstellen, am Morgen aufzustehen und nur herumzusitzen. Ich schreibe. Ich genieße es zu schreiben. Ich würde immer schreiben.

Von Stefan Stosch/RND

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