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Kultur Weltweit Wacken Open Air 2019: Das sagt Mitbegründer Thomas Jensen zum 30-jährigen Jubiläum
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14:41 29.07.2019
Thomas Jensen, Gründungsmitglied des Wacken Open-Air Festivals (WOA), sagt, dass er die Verantwortung spürt, die mit dem nun riesigen Metal-Festival auf ihm lastet. Quelle: Axel Heimken/dpa
Wacken

Schon jetzt hat die Anreise begonnen – doch richtig beginnen wird der Metal-Rausch beim „Wacken Open Air“ im normalerweise so beschaulichen Örtchen Wacken in Schleswig-Holstein ab Mittwoch. Denn dann starten die Konzerte der etwa 220 Bands.

Vom Grubenfest mit 800 Metalheads zur Weltmarke mit zum Teil über 80.000 Festivalbesuchern jährlich – wenn Sie kurz inne halten und auf 30 Jahre Wacken zurückblicken, was denken Sie?

Scheiße, bin ich alt geworden (lacht). Nein, es fühlt sich in der Tat so an, als wenn das erste Wacken Open Air (W:O:A, Anm. der Redaktion) erst gestern gewesen wäre. Ich bin in Wacken aufgewachsen, habe mit zehn Jahren mein Taschengeld hier im Landgasthof aufgebessert, habe die Flaschen von Lieferanten auseinander sortiert, später dann für die Landfrauen gekellnert. Ich hatte hier mit meiner Punkband mein erstes Konzert – was bei den Wackenern nicht so doll ankam. Hier denke ich nicht so an die Weltmarke Wacken, hier lebt die Liebe zum Metal. Ganz bodenständig, ganz unspektakulär. Hier sind wir immer noch die „Jungs vom Dorf“ und für so manchen Älteren wahrscheinlich immer noch die Rotzlöffel von damals.

Wacken ist das ganze Jahr – hört das eine Festival auf, beginnt die Organisation für das nächste. Über die Anfänge sagten Sie mal: „Ich spielte mit meiner Band und zapfte nebenbei Bier“. Fehlt Ihnen manchmal die Zwanglosigkeit von damals?

Ja, mittlerweile ist das Team so geil und wir sind nach stressigen Jahren der Findungs- und Aufbauphase mit unserer Marke endlich angekommen. Ich muss nicht mehr bei jedem Meeting dabei sein, bin eher für die Labereien zuständig (lacht). Wir haben so tolle, langjährige Mitarbeiter, die wissen manchmal besser, wie Holger (Hübner, Anm. der Redaktion) und ich ticken, als wir selbst. Heute kriege ich mehr vom Festival mit und kann mehr vor als hinter der Bühne stehen. Aber natürlich spüren wir auch die Verantwortung, die mit dem Festival mitgewachsen ist.

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Belastet die Verantwortung?

Jein, ich glaube, wir sind heute einfach nur noch demütiger, das Wacken Open Air machen zu dürfen, als damals. Die ersten sieben, acht Jahre hat das Festival finanziell nicht viel abgeworfen, bis 1996/97 war das ja eher so eine semiprofessionelleKiste. Erst ab der Jahrtausendwende konnten wir auch wirklich davon leben. Ich weiß noch, wie wir damals zu einem Mitarbeiter im Scherz gesagt haben, ‚Alter, bei uns kannst Du in Rente gehen’ – und heute ist der echt schon fast 20 Jahre bei uns. Das ist doch Wahnsinn. Mitarbeiterbindung ist definitiv ein ganz emotionales Thema für uns.

Aber auch die Bindung zu den Wacken-Fans, zu der „Community“, wie Sie sie nennen, scheint sehr emotional. In den vergangenen Jahren kamen immer wieder Mainstream-Vorwürfe aus den eigenen Reihen auf – Heino, The Boss Hoss, Roberto Blanco standen in Wacken auf der Bühne. Was sagen Sie Kritikern?

Für die „Community“ ist Wacken der „heilige Acker“. Nicht im religiösen Sinne, aber im spirituellen. Das ist ja auch ein totaler Vertrauensvorschuss, dass dir einer 200 Euro ein Jahr vorher in die Hand drückt und sagt, mach mal, das wird schon gut! Deshalb stehen wir auch mit den Fans immer im Austausch, erklären unsere Entscheidungen. Crossover hat es bei uns aber immer schon gegeben. Party-Elemente auch. 1992/93 haben wir zum Beispiel bereits eine Irish Folk Band spielen lassen. Wir sehen die Nummer nach wie vor nicht bierernst. Wenn ich drei Tage nur Vier-Mann-Kapellen mit langhaarigen Gitarristen auf die Bühnen stelle, dann wird es langweilig. Unser Credo ist im Prinzip: So lange ich irgendwo auf diesem Acker Heavy Metal finde, glaube ich nicht, dass ich mich rechtfertigen muss. Übrigens: Die Idee mit Roberto Blanco kam von Tom Angelripper, dem Sänger und Gründer der deutschen Thrash-Metal-Band Sodom – also metallisch über jeden Zweifel erhaben. Tom hatte damals mit Roberto einen Werbespot gemacht, in dem er als Alzheimer-Kranker mit „Ein bisschen Spaß muss sein“ in ein Sodom-Konzert reinplatzt und nicht weiß, was los ist. Das haben wir in Wacken auf der Bühne nachgespielt. Also, von wegen lange Haare, kurzer Verstand – das war schon tiefschichtiger. Und um ehrlich zu sein, auf solche einmaligen Sachen sind wir auch eigentlich heiß. Wir haben immer schon Dinge ausprobiert.

Wie zum Beispiel das Trans-Siberian-Orchestra und die Power-Metal-Band Savatage simultan auf zwei Bühnen spielen zu lassen.

Genau, das war riesengroß. Wir wollen Grenzen verschieben, Sachen möglich machen, kreativ sein. Das Schöne an Rock und Metal ist ja: „The show never stops“. Einfach nur noch mehr Lampen aufhängen kann jeder.

Metal stirbt nie“, ein Spruch von Ihnen. Hat sich Metal denn über die Jahre gewandelt – ist es durch das W:O:A gesellschaftskonformer geworden?

Ich denke schon. Wir haben Metal mit unserem Festival aus dem Undergroundbereich rausgeholt und in die Zeitungen und auf die Bildschirme gebracht. Holger und ich haben früher immer gesagt, unsere Musik im Fernsehen, das wär‘s! 1995 hatten wir dann zum ersten Mal MTV Metal als Präsentator. Heute läuft Metal als verlässliche Konstante auch über das Internet beziehungsweise Internetradio. Aber in Zeiten, in denen immer alles verfügbar ist, und die Informationsflut nicht abreißt, wäre eine konstante Sendung, die kuratiert, die einordnet, die Neues vorstellt nochmal eine geile Nummer.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wer müsste in Wacken nochmal spielen?

Motörhead – in Original-Besetzung mit Lemmy, Eddie Clarke, die Beiden kannte ich ganz gut, und Phil Taylor.

Von Amina Linke / RND

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