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Kultur Weltweit Tod von Kronauer: Wahrnehmungen von Mensch und Sprache
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22:53 23.07.2019
Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer auf einem drei Jahre alten Foto in Hamburg. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa
Hamburg

Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer ist tot. Nach langer und schwerer Krankheit ist sie am Montag im Alter von 78 Jahren in Hamburg gestorben. Das teilte gestern der Verlag Klett-Cotta mit, wo am 9. August Kronauers Romangeschichten „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“ erscheinen.

Schon ihr Romandebüt „Frau Mühlenbeck im Gehäus“ ist 1980 bei Klett-Cotta erschienen. Seitdem war sie dem Haus treu verbunden. Zu ihren Werken gehören „Teufelsbrück“ (2000) , „Verlangen nach Musik und Gebirge“ (2004), „Errötende Mörder“ (2007), „Gewäsch und Gewimmel“ (2013) und „Der Scheik von Aachen“ (2016). Man verliere „eine hoch geschätzte Autorin, die den Verlag nachhaltig geprägt hat“, heißt es in der Mitteilung.

Schon als 16-Jährige schrieb sie Geschichten

Brigitte Kronauer wurde 1940 in Essen geboren und lebte in Hamburg. Bereits als 16-Jährige schrieb sie Hörspiele und schickte Geschichten an Verlage. Sie sei von jeher fasziniert davon gewesen, wie man mit Sprache umgehen kann. Angefangen hatte alles mit ein paar Fingerübungen. Weil ihrem Vater ihre Schrift zu unleserlich war, musste sie Schönschreibübungen machen. „Ich konnte meinen Vater überreden, eigene Geschichten schreiben zu dürfen, statt Texte abschreiben zu müssen. Später wurde sie mit Romanen, Erzählungen und Essays zur einer der wichtigsten literarischen Stimmen des Landes.

Ihr Werk wurde unter anderem mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin, mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Hubert-FichtePreis der Stadt Hamburg, dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Jean-Paul-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. 2005 wurde ihr von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung der Büchner-Preis verliehen, die Akademie würdigte sie als „Meisterin des Vexierspiels, der höheren Heiterkeit und des musikalischen Schreibens“ Mit ihren Roman „Der Scheik von Aachen“ war sie 2017 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Die Macht der Sprache

Als Brigitte Kronauer 2011 im Alten Rathaus die Leipziger Poetikvorlesung hielt, in der Autoren aus der Werkstatt ihres Schreibens berichten, würdigte Josef Haslinger, Direktor des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, ihren Roman „Zwei schwarze Jäger“ (2009) als „Opus magnum der deutschen Gegenwartsliteratur“, bevor die Schriftstellerin über ein Schreiben reflektierte, das bei ihr verknüpft war mit dem der Kollegen und Vorbilder.

Einigen davon begegnet sie in ihrem Band „Favoriten. Aufsätze zur Literatur“ (2010). Sie nannte Robert Walser und Ernst Jandl, Ror Wolf und Michel de Montaigne. Jandls Worte von der „Spannung zwischen dem beschädigten Wort und der unverletzten Syntax“ hätten sie ermutigt, sagte sie, denn „sie bekräftigten meinen Eindruck, dass man sich in einem Panzer etablierter, abgedroschener Zusammenhänge, Bilder, Symbole, Vereinbarungen befindet, den es zu sprengen gilt, um die Welt auf der Ebene der Sprache zu verändern“. Sei es, indem man das Vorgefundene stört, verschiebt, zusammenbrechen lässt – oder indem man versucht, „die Wirklichkeit seines höchstpersönlichen Welterlebens gegen die Vereinbarung der Gesellschaft durchzusetzen“. Einer Gesellschaft, die für Kronauer „schon alles, kaum ist man auf der Welt und hat das Sprechen gelernt, durch Mittelmaß und Ideologie kassiert hat“.

Der Einzelne im Kollektiv

Die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft waren ihr großes Thema. „Der Einzelne steht immer in Kontrast zu dem, was durch die kollektive Interpretation vom Leben behauptet wird“, sagte sie, „dagegen versuche ich in meiner Arbeit, etablierte Zusammenhänge zu zerstören.“ Die heute oft vernachlässigte, persönlich entwickelte Form sei ihr so wichtig wie der Inhalt, das eine bedinge das andere.

Geschichten seien Bestandteil ihrer Existenz, hat Brigitte Kronauer gesagt. Sie wollte „das schreiben, was meine Wahrnehmung von Menschen, von Gesellschaft und von Landschaft ist“. In ihrem letzten Buch „Das Schöne, Schäbige, Schwankende“, das nun posthum erscheint, lässt sie eine Autorin den Abgründen der Schriftstellerei auf den Grund gehen.

Von RND/Janina Fleischer und Christiane Bosch

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