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Kultur Weltweit Netflix will weniger Zigaretten in Serien zeigen – warum eigentlich?
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10:52 28.07.2019
Ohne Zigarette kaum vorstellbar: Chief Hopper in der Netflix-Serie „Stranger Things“. Für seine rauchenden Serienfiguren hat der Streamingdienst jetzt Kritik einstecken müssen. Quelle: Montage: RND, Fotos: Netflix, scanrail/Getty
Hannover

Eigentlich kann man ihn sich ohne Zigarette gar nicht vorstellen. In der allerersten Szene, in der Chief Hopper in der US-Serie „Stranger Things“ zu sehen ist, wacht er zerknittert und zerknüllt auf dem Sofa auf. Anschließend geht er eine rauchen, um sich kurz danach die Zähne zu putzen, in der einen Hand die nächste brennende Zigarette, in der anderen die Zahnbürste. Die Zigarette ist Chief Hoppers ständiger Begleiter.

Er raucht – eindeutig zu viel. Und nicht nur er. Findet jedenfalls die amerikanische Antirauchgruppe Truth Initiative. Sie hat in einer Studie Netflix nun kritisiert, zu viele Serien mit paffenden Darstellern zu zeigen. Demnach haben Szenen, in denen in „Stranger Things“ geraucht wird, von der ersten zur zweiten Staffel um 44 Prozent zugenommen. 262 Fälle listet die Studie für Staffel zwei auf.

Netflix gelobt Besserung

Die Nichtraucherinitiative hat aber auch bei anderen Netflix-Serien wie „Unbreakable Kimmy Schmidt“, „Orange is the New Black“ und „House of Cards“ nachgezählt und zu viel Qualm entdeckt. Und Netflix? Geht tatsächlich auf die Kritik ein und gelobt Besserung.

Der Streamingdienst kündigt an, in Serien und Sendungen, die sich an Jugendliche unter 14 Jahren richten, auf Zigaretten und E-Zigaretten zu verzichten. Nur wenn sie der historischen oder faktischen Richtigkeit dienen, sollen Zigaretten auch in Zukunft auf dem Bildschirm brennen. Sollte Netflix jemals eine Serie über Helmut Schmidt drehen, dürfte der Altkanzler aus Gründen der „historischen Richtigkeit“ also seine Mentholzigaretten quarzen.

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Aber auch ältere Zuschauer will Netflix in Zukunft weniger zuqualmen – es sei denn, die Zigarette sei „essenziell für die kreative Vision der Künstler oder wichtig für die Definition einer Figur“. Was auch immer das im Einzelfall heißt.

Bleibt die Freiheit der Kunst auf der Strecke?

Nun muss ohne Zweifel betont werden, dass Rauchen gesundheitsgefährdend ist. Und gerade für Jugendliche sind die Glimmstängel schädlich. Das kann niemand ernsthaft bestreiten. Hinzu kommt, dass laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Vorbilder aus Film und Fernsehen junge Menschen zum Rauchen verführen – zumindest bei 37 Prozent der jungen Männer und Frauen seien Fluppen im Fernsehen der Auslöser für den ersten Zug gewesen.

Die WHO pocht deshalb auf ein komplettes Rauchverbot vor der Kamera. 2018 forderte die damalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), dass in deutschen Filmen weniger rauchende Schauspieler gezeigt werden und sprach gar vom Einfluss der Filmwirtschaft auf die Gesundheit der Zuschauer. Der Suchtexperte Reiner Hanewinkel hingegen will die FSK-Altersfreigabe für Filme, in denen geraucht wird, anheben.

Man könnte also meinen: Netflix hat mit seinem Entgegenkommen alles richtig gemacht. Aber stimmt das? Bleibt nicht bei aller gut gemeinten Reaktion auf die Vorwürfe die Freiheit der Kunst auf der Strecke?

Filmsprachliches Zeichen und kulturhistorisches Artefakt

Das Rauchen prägt Filme und Serien seit Langem. Humphrey Bogart ohne Zigarette? Undenkbar. James Dean, Marlon Brando oder Jon Hamm als Don Draper in „Mad Men“ – Ikonen mit Fluppe im Mund. Marlene Dietrich, Lauren Bacall, Audrey Hepburn – Vamps und elegante Frauen mit und ohne Zigarettenspitze. In „Außer Atem“ wird unendlich viel gequarzt, ähnlich wie in „Weißensee“ oder „Chernobyl“. Klar, historische Richtigkeit. So waren sie nun einmal, die 50er, 60er, 70er, 80er.

Aber Zigaretten sind nicht nur Attribute für Schauspieler und die Charaktere, die sie spielen. Das Rauchen hatte in Filmen immer auch eine ästhetische Aufgabe. „Sie ist filmsprachliches Zeichen und kulturhistorisches Artefakt“, heißt es im Vorwort des Buchs „Thank You for Smoking“.

Soll heißen: Die Zigarette ist zum einen Requisite, etwas, das der Schauspieler in der Hand hält. Aber gleichzeitig sagt sie etwas über das Wesen der Charaktere aus. Die dicke Zigarre symbolisiert den reichen Mann, die Zigarettenspitze die feine Dame. Gangster zünden mit der Glut eine Zündschnur an, Arbeiter klemmen sich die Zigarette hinters Ohr.

Rauchen Netflix Serien Sonntag Quelle: RND

Außerdem können Rauchutensilien eine bestimmte Atmosphäre oder die momentane Stimmung der Personen vermitteln. Verbrecher nehmen hektische Züge vor dem großen Clou und stecken unter einer Rauchglocke die Köpfe zusammen. Während des Verhörs zieht der Kommissar wütend und unruhig, danach belohnt er sich still und genüsslich rauchend hinter dem Polizeigebäude. Mit Zigaretten lässt sich jede Menge ausdrücken.

Das alles zeigt, dass die Zigarette eine erzählerische Funktion in Filmen und Serien hat und sie weit über eine bloße Requisite, die beliebig austauschbar ist, hinausgeht. Wer Zigaretten in Film und Fernsehen verbieten will, nimmt einer Kunstform ein wichtiges Stilmittel.

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Doch was ist nun mit der Gesundheit? Erhöhen coole qualmende Helden das Risiko junger Zuschauer, danach ebenfalls zu rauchen? Sicherlich besteht die Gefahr. Doch haben die Kunst im Allgemeinen und Netflix im Speziellen nicht die Aufgabe, Menschen zu erziehen. Diese Funktion haben Eltern, Lehrer, vielleicht auch Pastoren und Trainer. Sie müssen die Kinder und Jugendlichen auf das Leben vorbereiten, sie müssen sie auf die Gefahren hinweisen, die das Rauchen, das Trinken, das schnelle Autofahren, das Benutzen einer Waffe und der Drogenkonsum mit sich bringen.

Immer größere Einflussnahme von außen auf die Kunst

Wer sich einen Film anschaut, sollte – natürlich noch nicht mit sechs, aber durchaus mit 13, 14 Jahren – in der Lage sein zu wissen, dass nicht alles, was dort gezeigt wird, nachahmenswert ist. Überspitzt gesagt: Es kommt ja auch kein Jugendlicher auf die Idee, sich auf ein Hochhausdach zu stellen, um mit der Faust und dem ausgestreckten Arm voraus durch den urbanen Nachthimmel zu fliegen, nur weil er gerade „Superman“ geschaut hat.

Und es stellt sich natürlich die Frage: Was kommt noch alles? Filme und Serien ohne Alkohol (auch gefährlich)? Ohne Autos und Flugzeuge (Klimaschutz)? Ohne Gewalt (Nachahmungsgefahr)? Und ganz nebenbei: Warum kommt eigentlich keiner auf die Idee, mörderische Waffen in Filmen zu verbieten?

Die Vorwürfe der Truth Initiative und die Antwort von Netflix passen in eine Zeit, in der sich die Kunst immer größerer Einflussnahme von außen erwehren muss. In Berlin wurde 2018 ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule übermalt, weil sich Studenten und Studentinnen vom Frauenbild, das angeblich in den Zeilen transportiert wird, gestört fühlten.

Museen drohen zu „Safe Spaces“ zu werden

In der Manchester Gallery wurde zeitweise ein Gemälde, das nackte Frauen zeigt, abgehängt. In den USA wurde der weißen Künstlerin Dana Schutz angekreidet, einen farbigen Menschen zu malen und sich damit die Kultur der Schwarzen anzueignen.

Museen weltweit müssen sich wegen solcher Kritik – beschleunigt und verstärkt durch das Internet – immer häufiger fragen, welche Kunstwerke sie noch zeigen können, ohne der einen oder anderen Gesellschaftsgruppe eventuell auf den Schlips zu treten. Museen drohen zu „Safe Spaces“ zu werden, zu geschützten Räumen, in denen kein Besucher mehr fürchten muss, „verletzt“ oder auch nur irritiert zu werden.

Lange Zeit war Kunst einfach Kunst. Sie agierte nach eigenen, nicht nach gesellschaftlichen Kriterien. Und sie zeigte dem Betrachter, dem Zuschauer eine andere Welt, etwas ganz anderes als das, was er oder sie aus eigenem Erleben und Sein kannte.

Gute Kunst kann nicht immer und nicht nur moralisch sein

Heute hingegen soll die Kunst häufig die eigene Weltsicht verstärken, man will einverstanden sein. Alles was dem entgegensteht, muss weg. Die Kunst driftet damit immer weiter weg von der Ästhetik hin zur Ethik. „Statt an der Kunst nicht zuletzt die Differenz zu eigenen Weltanschauungen und Vorlieben zu schätzen und die Kunstfreiheit auch dann zu achten, wenn man selbst zu den Provozierten gehört, wird von Künstlern Übereinstimmung, am besten sogar ein Bekenntnis zu den Meinungen, erwartet, die man ohnehin bereits vertritt“, sagt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich.

Kunstschaffende haben eigentlich nicht die Aufgabe, ihr eigenes kreatives Handeln einzuschränken, um den moralischen (oder im Fall der rauchenden Netflix-Figuren gesundheitspolitischen) Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen. Gute Kunst kann nicht immer und nicht nur moralisch sein. Und sie sollte es auch nicht.

Der Betrachter eines Gemäldes im Museum genauso wie der Zuschauer einer Serie wie „Stranger Things“ sollte noch immer in der Lage sein, Kunst als Kunst zu erkennen und nicht als Konzept oder Entwurf für das eigene Leben. Sonst löst sich die Freiheit der Kunst bald in Rauch auf.

Glosse:

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