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Kultur Weltweit Sein ärztes Buch: Bela B. über sein Romandebüt „Scharnow“
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10:00 23.02.2019
Mit den Ärzten hat er deutsche Rock-’n’-Roll-Geschichte geschrieben, dazu vier Soloalben aufgenommen. Jetzt hat Bela B. auch noch seinen Kindheitstraum vom Schriftstellerdasein wahr gemacht. Quelle: Konstanze Habermann
Hamburg

Eigentlich war Bela B. als Kind schon mal die Idee gekommen, es könne ein Schriftsteller aus ihm werden. „Als ich in der Grundschule war, die in Berlin bis zur sechsten Klasse ging, hatten wir irgendwann Schreibmaschine gelernt. Danach haben ich und meine Schwester zu Hause die Maschine meiner Mutter belagert. Und da fing ich an, Geschichten zu schreiben. Ich dachte so: Hey, mal ein Buch, das wär’s! Dann aber kam der Punkrock und hat all das zunichte gemacht.“

Bela B. lacht leise. Mit den Ärzten hat er deutsche Rock-’n’-Roll-Geschichte geschrieben, dazu vier Soloalben aufgenommen. Ein Leben für die Musik.

Ein modernes Narrenschiff in Brandenburg

Und jetzt hat er mit 56 Jahren eben doch einen Roman geschrieben, eine ziemlich verwegene, höchst vergnügliche Geschichte, die mit einem fliegenden Mann und mit einem schönen, aber zutiefst gewalttätigen Buch beginnt. Das fiktive Dorf Scharnow im Brandenburgischen, das dem Roman (Heyne, 416 Seiten, 20 Euro) den Titel gab, ist eine Art modernes Narrenschiff.

Niemand hier weiß wirklich etwas vom anderen, alle glauben aber alles, vor allem, dass es eine Verschwörung der sogenannten Weltenlenker gibt, die unbedingt vereitelt werden muss, dass die Hündin Cloudy der Supermarktkassiererin Sylvia die Schwester des Hundes Bo der Präsidentenfamilie Obama ist, und dass das rechtslastige „Bündnis skeptischer Bürger“ (BsB) mit Cloudys Liquidierung ein Zeichen setzen würde im Kampf gegen diese ominösen Weltenlenker.

Hier, nördlich von Berlin spiegeln sich unsere verrückt gewordenen Zeiten in einer verrückten Fabel. Ja, Fabel, in der Tat – denn manche Tiere können hier sprechen, als kämen sie aus Disneys „Bambi“.

„Vieles von der Enge dort stammt aus meinen eigenen Lebenserfahrungen“: Bela B. wuchs im kleinstädtischen Spandau auf, hat die Handlung seines literarischen Erstlings jedoch noch weiter aufs Land verlegt. Quelle: Konstanze Habermann

Kennt der Großstadtmensch das platte Land überhaupt? Gewidmet hat Bela B. sein Romandebüt„meiner Jugend in Spandau“. „Vieles von der Enge dort stammt aus meinen eigenen Lebenserfahrungen“, sagt er beim Interview am Hamburger Schlump.

„Spandau war in Westberlin wie eine eigene Kleinstadt. Es gab Freibäder, die schlimme Disco, in der man eine aufs Maul gekriegt hat, und die Hippiedisco, in der sich die Ärzte kennengelernt haben. Die Spandauer sprachen von ,Berlin bei Spandau’. Und es gab drei Straßen, die ,in die Stadt’ führten. Als ob man nicht ruckzuck am Kurfürstendamm gewesen wäre.“ Bela B. hat die Handlung weiter nach draußen verlegt, Berlin sollte in Scharnow nur noch wie eine ferne Verheißung erscheinen.

Erwähnenswert im Roman ist noch „der Pakt“, eine Wohngemeinschaft schluffiger, porno- und trashfilmseliger Armutsphilosophen, die ihre Küche zugemauert hat und mangels Bargeld auf die Schnapsidee kommt, den einzigen Supermarkt im Ort zu überfallen. Und eine Nazi-Schlägertruppe, die sich mit dem Falschen anlegt. Sowie ein Rotkäppchen, das mit Tokajer und Industriekuchen zur Oma nach Scharnow aufbricht, gleich zwei wölfische Situationen durchsteht und sich in einen syrischen Prinzen verliebt. Dass der Grimm-Bezug nicht unbemerkt blieb, freut den Autor ungemein.

Wild, wonnig und witzig

Dieses Figurenarsenal könnte den geistigen Schatzkammern der Gebrüder Coen und Quentin Tarantinos entnommen sein. Alle sind schrullig, die meisten liebenswert und manchmal wirds tarantinesk brutal. Gemeinhin wirken solche Typen zu amerikanisch, wirken unrund in deutschen Kulturwelten. Hier aber ist Deutsch-Fargo und alles ist wild, wonnig und witzig.

Man fragt sich freilich zur Hälfte des Buchs, wie Bela B. Felsenheimer (das Buchcover trägt seinen bürgerlichen Nachnamen) diese ursprünglichen Kurzgeschichten, die sich wie von allein aufs Köstlichste zu verzahnen begannen, diese ganzen losen Fäden je bündeln will. Dass es ihm dann glückt, freut umso mehr.

Wiewohl man eine wirklich zentrale Figur vermisst und vor allem gern mehr über Trotsky wissen würde, den traurigsten aller Superhelden, der die Welt rettet, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Das filmisch geschriebene Buch „Scharnow“ flüstert auf fast allen Seiten: „Mach Kino aus mir!“ Der Cineast Bela B. könnte sich wenn überhaupt eher eine Fernsehserie vorstellen.

„Ich dachte nicht: Du musst jetzt aber auch noch Bezug nehmen auf Neonazis.“

Die Rechten im Buch sind ihm „organisch reingerutscht. Ich dachte nicht: Du musst jetzt aber auch noch Bezug nehmen auf Neonazis.“ Dass sie drin sind, ist ihm jedoch recht. „Erzähl mir nicht, dass die Leute, die jeden Tag die Gästebücher von ,Tagesschau’ vollspammen mit rechtsradikalem Zeug, glücklich sind“, sagt er. „Ich seh da nur stumpfen Hass. Das sind gar nicht so viele, die sind nur viel lauter.“

Beim Schreiben hat Bela B. allerhand Rituale ausprobiert: „Mal eine Seite pro Tag, mal drei Stunden pro Tag, am Ende war das total unterschiedlich.“ Den Sog des Schreibens spürte er dabei durchaus, einmal ist er für sechs Tage nach Spanien gefahren und hat die Abende beim Dreh zur Serie „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ in Wien genutzt. Ansonsten blieb er bei der Familie.

Stephen King hat in seinem Buch ,Vom Schreiben’ gesagt: ,Wenn du, lieber Autor, gerade mitten in einer Szene bist, und deine Frau kommt und sagt, du müsstest jetzt mit deiner Tochter zum Zahnarzt, dann ist das keine Strafe, sondern es ist gut. Geh mit deiner Tochter, und wenn es dir wehtut, wegzugehen, merkst du: Es bedeutet dir etwas.’ So habe ich es gehalten.“

Bela B Felsenheimer: Scharnow Quelle: Verlag

Ist das Schreiben nun ein Kunstwechsel für den reiferen Musikanten Bela B.? Anzeichen gäbe es. Das vorletzte Soloalbum Bela B.s hieß „Bye“, der Titel ließ Fans scharf einatmen. Soeben erschien das Gesamtwerk der Ärzte in einer schönen, unerschwinglichen Box namens „Seitenhirsch“. Auch solche Prunkpakete gelten als Auflösungsanzeichen. Also: Finis musicae?

Nein, meint Bela B., sagt, dass er sich auf die Ärzte-Europatour freue, die im Mai von Warschau bis Brüssel führt (danach Auftritte bei Rock am Ring und Rock im Park). Die Pause war wichtig, bei der Arbeit an der Box „sind wir uns alle wieder nähergekommen“.

Und: „Für mich ist auf der Bühne zu stehen, ein Instrument zu spielen und Rockmusik zu machen, während die Leute tanzen, das Größte. Das ist, worum uns alle Autoren und alle Schauspieler beneiden. Das soll ich dafür hergeben, dass ich nur noch Bücher schreibe?“ Eine Sekunde Pause. Schelmisches Grinsen. „Ich glaube nicht.“

Keine Angst vor Kritikern

Die Lesereise im März und April ist ganz sein Ding. Und er hat nicht viel Angst vor den Kritikern, auch wenn er zu Beginn von „Scharnow“ gleich mal einen schmierigen Rezensenten ermordet. Einiges, was ihm gut gelang, sich aber nicht ins große Ganze fügte – Musiker nennen das „Outtakes“ – will Bela B. bei den Lesungen als Zugabe bringen. „Da bin ich als Musiker natürlich geschult, so was zu inszenieren.“

An seine Figuren denkt er oft. Wie es ihnen wohl ergehen mag. Er hat auch noch Ideen. „Wenn ich wieder was schreibe“, sagt er zum Abschied, „spielt es in Scharnow.“

Apropos Abschied: Eine Woche nach dem Interview beginnt ein Worträtsel auf der Ärzte-Website: Acht Lettern, jede Woche wird ein Buchstabe verraten, am 16. Februar ist man bei „Abs ....“. Und die Gemeinde vollendet in Panik: „Abschied“. Hat uns Bela B. am Ende getäuscht? Zwar ist er für weitere Statements nicht zu erreichen, aber bei seiner Vorfreude aufs Wieder-Ärzte-Sein wird es wohl eher „Abschlag“ heißen. Oder „Absacker“. Oder das, was die älteren Bands alle wollen – noch mal „absahnen“.

Von Matthias Halbig

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