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Kultur Weltweit Sammlung „Fluentum“: Ein neues Zuhause für die Videokunst in Berlin
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10:00 11.05.2019
Guido van der Werve läuft zwölf Stunden lang um sein Haus in Finnland – die Arbeit „Nummer Dreizehn“. Quelle: Jacqueline Schulz
Berlin

Die Dinge, die dieser Mann sammelt, sind eigentlich keine Dinge. Wenn er über sein Gesammeltes redet, das man nur anschauen kann, nicht anfassen, dann spricht er bedächtig. Vorsichtig legt er sich Worte zurecht und gelangt dennoch zielstrebig zum entscheidenden Punkt seiner Aussage. Er hat sich in eine Ecke seiner Sammlung zurückgezogen. Auf einer Marmorbank sitzt der Mann, in einem repräsentativen Foyer, in dem Streichermusik aus einem Video erklingt.

Markus Hannebauer heißt der Mann, er ist Software-Unternehmer und besitzt eine der wenigen ausschließlichen Videosammlungen in Deutschland. In Berlin-Dahlem ist das neue Heim der Kollektion, später irgendwann auch sein Heim. Denn Videokunst ist für ihn nicht nur zum Anschauen da, sondern auch, um damit zu leben.

„In unserer alten Wohnung ist im Wohnzimmer so ein großer Screen, der quasi immer läuft“, sagt der 43-Jährige. Er entdecke im Nebenher Aspekte, die er beim konzentrierten Anschauen übersehen hätte. Hannebauer gibt der Sammlung nicht seinen eigenen Namen, wie es Sammler sonst gern machen, sondern nennt sie schlicht „Fluentum“, also Strömung.

Die Sammlung befindet sich im ehemaligen Foyer, das schon als Filmkulisse diente, zum Beispiel für „Operation Walküre“ oder „Inglourious Basterds“. Quelle: Jacqueline Schulz

Eine weitere Herausforderung ist nicht das Medium, das nur existiert, wenn es abgespielt wird, sondern das neue Zuhause. Der Bau am Rande von Berlin ist kein unbelasteter. Die überhohen Fenster, die Geradlinigkeit der Räume zeugen noch von ihrem Ursprung: Vom NS-Regime von 1936 bis 1938 als „Luftgaukommando“ erbaut, wurde das Gebäude direkt nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-Armee als Hauptquartier genutzt. 1994 zogen die Amerikaner aus, ein Teil des Areals gehört noch zum US-Konsulat.

Die Sammlung befindet sich im ehemaligen Foyer, das schon als Filmkulisse diente, zum Beispiel für „Operation Walküre“ oder „Inglourious Basterds“. Jetzt flimmern Videos durch die Eingangsräume – unter dem Kronleuchter im Haupteingang läuft eine kleine Figur auf dem Eis vor einem Eisbrecher weg.

Zwischen zwei majestätischen Treppen steht eine Videowand, auf beiden Seiten leuchten Projektionen. Es sind die Arbeiten von Guido van der Werve, einem niederländischen und in Berlin lebenden Künstler, dessen Videos als Eröffnungsausstellung noch bis zum 22. Juni zu sehen sind.

Der Versuch, eine Stimmung zu verstehen

Van der Werve füllt die strengen Räume in der Berliner Clayallee mit seinem Klang – für seine Arbeiten komponiert er die Musik selbst. Die Arbeiten mit ihrem klaren Konzept lassen sich meist in wenigen Sätzen zusammenfassen.

Die gehen so: Der Künstler steht exakt auf dem Nordpol und dreht sich 24 Stunden lang entgegen der Erddrehung. Oder: Er rennt zwölf Stunden lang um ein Haus herum, das er einmal in Finnland bewohnt hat. Es könnten reine Konzeptarbeiten sein, ähnlich wie Ein-Satz-Witze, doch durch die körperliche Anstrengung van der Werves werden sie hochemotional.

Es ist der Versuch, eine Stimmung, eine eigene Emotion zu verstehen, ohne sie aufzudröseln. Einer rennt bis zur völligen Erschöpfung, die Sonne geht nicht unter, und er kommt doch nicht voran. Warum er rennen musste, weiß Guido van der Werve nicht, sagt er auf Nachfrage. Die Arbeit ist das Sinnbild des Nichtvorankommens.

Der Videokünstler Guido van der Werve (links) und der Sammler Markus Hannebauer. Quelle: Jacqueline Schulz

Der Sammler Hannebauer hat einen Hang zu solch einer Art von Videoarbeit – die etwas erzählt, ohne ein Spielfilm zu sein. Mit Künstlern wie Omer Fast, William Kentridge, Hito Steyerl oder Douglas Gordon bleibt er bei diesem Konzept.

„Die Sammlung ist heute insofern etwas konzeptueller, als sie nicht so sehr auf Arbeiten mit großem Schauwert setzt. Dinge, die ich zum Beispiel nicht sammle, sind Post-Internet-Arbeiten, die im ersten Moment sehr knallig wirken und stark auf die visuelle Beeindruckung setzen“, sagt Hannebauer. 2010 hat er angefangen mit dem Sammeln – und ist direkt mit Videos eingestiegen. Jetzt möchte er ein paar Einzelausstellungen im Jahr zeigen.

Video ist keine Kunst für den ersten Blick – es ist ein Medium für den zweiten. Wenn bei den Rekorden in den Auktionssälen von Sotheby’s und Christie’s der Hammer fällt, geht es meist um Gemälde von verstorbenen oder zeitgenössischen Malern, manchmal sogar Malerinnen, aber ein Medium ist nicht vertreten: die Videokunst.

Eine der letzten Nischen im durchökonomisierten Kunstmarkt

Digitale Videos, die oft mit einer künstlichen Limitierung verkauft werden, haben nur eine geringe Nachfrage auf dem Kunstmarkt – und schon gar keinen Wiederverkaufswert. „Der Kunstmarkt spielt für mich keine große Rolle. Als Sammler kann man sich natürlich den Kopf machen, ob die Sachen, die man in der Sammlung hat, wiederverkäuflich sind. Aber das stand bei mir nie zur Debatte. Dass für das Medium Video nicht wirklich ein Zweitmarkt existiert, ist für mich völlig unwichtig“, sagt Hannebauer im Gespräch. Sammeln als Hobby.

Vielleicht ist Videokunst damit eine der letzten Nischen im durchökonomisierten Kunstmarkt. Eines der letzten Medien, das sich Marktgesetzen entzieht, weil es schwieriger zu handhaben ist, schwieriger zu bewerben. Denn nur durch ein Still kann die Geschichte nicht erzählt werden – dann wäre es ja Fotografie.

Vom NS-Regime von 1936 bis 1938 erbaut, wurde das Gebäude, in dem heute die Sammlung Fluentum zu sehen ist, nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-Armee als Hauptquartier genutzt. Quelle: Jacqueline Schulz

Info: Die aktuelle Ausstellung läuft bis 22. Juni, immer samstags von 11 bis 14 Uhr, Clayallee 174. Der Eintritt ist frei.

Von Geraldine Oetken

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