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Kultur Weltweit Regisseurin Nora Fingscheidt: Von der Berlinale nach Hollywood
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10:52 05.09.2019
Silberner Bär: Für "Systemsprenger" erhielt Nora Fingscheidt die begehrte Auszeichnung. Quelle: Christoph Soeder/dpa

Das ging ja flugs. Im Februar noch wurde Nora Fingscheidt bei der Berlinale gefeiert, jetzt ist die Regisseurin telefonisch in Los Angeles zu erreichen. „Ich habe ein Filmangebot bekommen, das ich nicht ablehnen konnte“, sagt sie, als wäre dies die normalste Sache der Welt. Und schiebt hinterher: „Verrückt, das alles.“

Das kann man so sagen: Das energiegeladene Drama „Systemsprenger“ der 36-jährigen Regisseurin über eine schwer erziehbare Neunjährige war ihr Spielfilmdebüt. Es gewann sogleich bei der Berlinale einen Silbernen Bären, ist mittlerweile deutscher Kandidat im Rennen um den Auslands-Oscar 2020 und hat weltweit bislang rund 20 Preise gewonnen – in Norwegen genauso wie in Rumänien, Portugal, der Ukraine oder auch in Taiwan.

Hätte sich Fingscheidt träumen lassen, dass ein Film international so viel Anklang findet, in dem Sozialamtsmitarbeiter, Anti-Aggressionstrainer und Psychiatrieärzte wichtige Rollen spielen? Ihr Drama spreche offenbar das „Bedürfnis des Menschen nach bedingungsloser Liebe an“, sagt sie. Und das existiere überall auf der Welt.

"Systemsprenger" rutschen durch jedes soziale Netz

Benni heißt das Mädchen im Film, das sich nach der Liebe seiner Mutter sehnt. Aber diese fühlt sich von ihrer eigenen Tochter überfordert und will sie nicht in der eigenen Wohnung haben. „Ein Systemsprenger beschreibt ein Kind, für das die Jugendhilfe keinen Platz findet, das von einem Heim ins nächste wandert und überall rausfliegt“, sagt Fingscheidt. So ergeht es Benni, die der Kinozuschauer trotz ihrer unberechenbaren Gewaltausbrüche sofort ins Herz schließt.

Gespielt wird Benni von der mittlerweile elfjährigen Helena Zengel. Schon bevor sie zur Schule ging, stand sie erstmals in einem Musikvideo der Berliner Band Abby vor der Kamera. Und damit wären wir bei der nächsten verrückten Geschichte: Auch Helena ist zurzeit in Hollywood unterwegs.

Elfjährige Helena dreht zurzeit in den USA

Helena übernimmt die zweite Hauptrolle an der Seite von Tom Hanks in „News of the World“ (Regie: Paul Greengrass). Die Romanverfilmung erzählt von der Freundschaft zwischen einem Veteranen und einem zehnjährigen Mädchen in der Zeit kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Bis Ende November dreht Helena in den USA. Danach kann sie wohl gleich zur Oscar-Kampagne von „Systemsprenger“ in den USA bleiben. Wer es in die Endrunde schaffen will, muss vor Ort trommeln.

„Aber vielleicht muss Helena dann doch wieder zur Schule“, sagt Fingscheidt zweifelnd. Wie soll sie das alles wissen, wenn gerade so viel gleichzeitig passiert?

Aber wie ist Fingscheidts Berlinale-Ruhm überhaupt so schnell bis nach Hollywood gedrungen? „Das haben wir Veronica Ferres zu verdanken“, sagt die Regisseurin. Ferres hat dank ihrer eigenen Produktionsfirma gute Kontakte zur US-Kinoindustrie. Sie machte „Systemsprenger“ jenseits des Atlantiks bekannt.

Hauptdarstellerin Helena schon mit elf "ein echter Profi"

Ihre Hauptdarstellerin hatte Fingscheidt so schnell gefunden, dass sie es selbst nicht glauben mochte: „Helena war das siebte Mädchen beim Casting.“ Andere Regisseure suchen ewig. Perfektionist Michael Haneke ließ gar 6000 Kinder für „Das weiße Band“ vorsprechen.

Fingscheidt testete noch weitere 150 Mädchen. „Aber Helena ging mir nicht mehr aus dem Kopf.“ Vorsichtig führte sie ihre Hauptdarstellerin an den schwierigen Stoff heran. Schon Monate vorher las Helena mit ihrer Mutter das Skript, jeden Tag ein paar Seiten. Bei der Auswahl der anderen Schauspieler war Helena dabei.

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Bei den Dreharbeiten sei das Mädchen eine Wucht gewesen: „Eben noch schlug Benni vor der Kamera um sich, und im nächsten Augenblick tollte Helena lachend in der Pause über die Flure. Sie ist ein echter Profi“, sagt die Regisseurin anerkennend. Wie man mit Kindern umgeht, weiß Fingscheidt: Sie hat einen achtjährigen Sohn.

Recherche zum Film ging Regisseurin Fingscheidt sehr nahe

Über Jahre recherchierte die Filmemacherin in Jugendhilfeeinrichtungen, Inobhutnahmestellen und Heimen. Manchmal ging ihr zu nahe, was sie dort erlebte – Fälle von Kindesmisshandlung und Verwahrlosung. Zwischendurch musste sie immer wieder auf Distanz gehen.

Bei den Praktikern stieß ihr Projekt auf Zuspruch: „Die Mitarbeiter waren froh, dass sich mal jemand für ihren Beruf interessiert.“ Fingscheidt traf auf Menschen, die unbedingt helfen wollten – „und nicht mehr frustriert waren als Menschen in anderen Berufen auch“. Und doch sei es oft schwierig, wenn sich ein Helfer um zehn Kinder gleichzeitig kümmern und auf dem schmalen Grat zwischen Nähe und Distanz balancieren müsse.

Auf das „System“ lässt Fingscheidt nichts kommen: „Klar ist manches verbesserungswürdig“, sagt sie. „Aber vergleichen Sie doch mal, wie weit unsere Gesellschaft gekommen ist seit den Siebzigerjahren, als Kinder noch in Zwangsjacken gesteckt wurden,“ sagt sie. „Trotzdem fallen Kinder wie Benni durchs Raster.“

Fingscheidt hofft auf den Auslands-Oscar

Jugendämter und andere Stellen haben bereits mehr als 100 Vorstellungen komplett gebucht, wenn „Systemsprenger“ am 19. September in den deutschen Kinos startet. Auch Fingscheidt kehrt dann noch einmal nach Deutschland zurück. Im Oktober zieht sie für ein Jahr nach Hollywood. Mit Mann und Kind wird sie in Los Angeles leben, die Dreharbeiten beginnen im Februar. Mehr darf sie über das Projekt noch nicht sagen. Eines ist Fingscheidt aber wichtig: „Danach will ich wieder in Deutschland arbeiten.“

Ihren Ausflug in die finanzkräftige US-Filmindustrie betrachtet Fingscheidt bei aller Vorfreude mit einer gesunden Portion Skepsis: „Die meisten deutschen Regisseure in Hollywood machen keine absolut großartigen Sachen“, sagt sie. „Es wird seinen Grund haben, dass sie nach ein oder zwei Projekten wieder zurückkehren.“ Kompromisse mit Produzent oder Studio seien auch für sie beim Wechsel ins System Hollywood unumgänglich gewesen.

Nicht einmal ein von seinem Können so sehr überzeugter Regisseur wie Florian Henckel von Donnersmarck konnte sich in Hollywood durchsetzen – obwohl er mit dem Stasidrama „Das Leben der Anderen“ (2005) schon einen Auslands-Oscar in der Tasche hatte. Mit seinem dann wieder in Deutschland gedrehten „Werk ohne Autor“ (2018) schaffte er es im Vorjahr noch einmal bis unter die letzten fünf Kandidaten. „Die letzten fünf? Das wäre ein wahnsinniger Erfolg“, sagt Fingscheidt.

Von Stefan Stosch/RND

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