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Kultur Weltweit „Napoleon war gar nicht klein“
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19:55 14.08.2019
Fasziniert noch immer: Napoleon Bonaparte. Quelle: imago images/Design Pics

Herr Schuler, die Literatur über Napoleon scheint unermesslich zu sein. Weiß man, wie viele Bücher es gibt?

Schätzungsweise über eine Million. Es ist eine Mammutaufgabe, sie zu zählen. Der Letzte, der sich an diese Aufgabe gewagt hat, war Friedrich Kircheisen zwischen 1908 und 1912. Er hat dann bei 200 000 Stück aufgehört zu zählen. Wenn Sie überlegen, was seitdem auf dem internationalen Buchmarkt zu Napoleon erschienen ist, ist eine Million durchaus eine realistische Schätzung.

Dann müsste man doch aber meinen, es ist schon alles erzählt.

Das ist ein naheliegender Gedanke. Man sollte annehmen, dass jedes Wort, das er gesagt und irgendwie gemeint haben könnte und jede Ecke, um die er mal geritten ist, bereits erforscht sei. Aber das ist kurioserweise nicht der Fall.

Was fasziniert denn die Menschen bis heute, 250 Jahre nach seiner Geburt, an Napoleon.

Erstens war Napoleon eine der ganz charismatischen Gestalten der Weltgeschichte. Und allein die Tatsache, dass es eine solche Bücherflut gibt, beweist doch, dass sich bis heute an diesem Mann die Geister scheiden.

Was ist einer der größten Mythen über Napoleon?

Es hält sich bis heute das hartnäckige Vorurteil, Napoleon sei ein besonders kleiner Mensch gewesen. Der Psychologe Alfred Adler hat sogar das Bedürfnis kleiner Menschen, ihre geringe Körpergröße durch besonders große Leistungen auszugleichen, Napoleon-Komplex genannt.

Stimmt das etwa nicht?

Nein. Fakt ist, dass Napoleon gar nicht klein war. Er maß 1,68 Meter. Und das war für einen mitteleuropäischen Mann vor 200 Jahren die Durchschnittsgröße. Zum Vergleich: Goethe war 1,69 Meter groß, Friedrich der Große 1,60 Meter. Da kommt auch niemand auf die Idee zu sagen, die waren klein. Dieser Mythos geht auch ein wenig auf englische Kriegspropaganda zurück: Nachdem man ihn besiegt hatte, wollte man ihn anschließend im wahrsten Sinne des Wortes klein machen. Und dieser Mythos hält sich bis heute.

Sie haben sich nun für Ihr neues Buch auf die Spuren Napoleons durch Europa begeben. Was haben Sie gefunden?

Zum Beispiel war ich an der Beresina in der tiefsten weißrussischen Provinz. An diesem Fluss fand die letzte Schlacht des Russlandfeldzugs vor dem Rückzug Napoleons statt. Dort, in dem Dorf Studjanka, gibt es bis heute keine einzige geteerte Straße. Und sich an diesem gar nicht so breiten Fluss vorzustellen, dass da 1812 eines der größten Dramen der Napoleonischen Kriege stattgefunden hat, war schon erschütternd.

Spielt für die Menschen dort Napoleon noch eine Rolle?

Ich habe in dem Ort einen älteren Weißrussen getroffen, der saß einsam auf der Bank vor seiner Datscha. Dieser Mann wollte mir Sachen verkaufen, die er in der Gegend immer noch findet, wie Gewehrkugeln und Uniformknöpfe. Und er hat mir erzählt, dass er bis heute dort Knochenreste von gefallenen Soldaten entdeckt.

Das klingt makaber.

Ja, aber noch makaberer war es für mich in Waterloo. Da hat mich tatsächlich aus einem Erdhaufen ein Totenschädel angeschaut.

In London war Napoleon nie. Aber Sie sind trotzdem hingefahren. Was findet man denn dort von ihm?

Sehr viel. Kurioserweise ist das Thema Napoleon nicht in Frankreich am populärsten, sondern in Deutschland und in England. In Deutschland, weil er so viel verändert hat, was bis auf den heutigen Tag wirkt. Und in England, weil man aus den Kriegen mit Napoleon als Weltmacht hervorgegangen ist.

Aber was konkret sieht man davon in der englischen Hauptstadt?

Sie finden natürlich an einer zentralen Stelle, am Trafalgar Square, die Nelsonsäule. Aber sie können dort auch hochkarätige Erinnerungsstücke entdecken. Napoleons Pferd steht ausgestopft im National Army Museum – wenn es sich denn um das echte Pferd handelt, das ist ein wenig umstritten. Sie finden Napoleons Morgenmantel, der bei Waterloo erbeutet wurde. Und bei Madame Tussauds stand bis 1925 Napoleons Kutsche, die ebenfalls bei Waterloo erbeutet wurde. Diese Kutsche ist bei einem Brand allerdings zerstört worden. Das sind nur einige Spuren Napoleons in London.

Sein Morgenmantel gehört zu den Lieblingsstücken von Prince Charles. Er hat ihn im vergangenen Jahr sogar in den Mittelpunkt der Ausstellung zu seinem 70. Geburtstag gestellt.

Ja, dieser Mantel befindet sich noch heute in königlichem Besitz, und Charles hat diesen Mantel schon als Kind gesehen. Wenn man sich die Geschichte von diesem optisch sehr eindrucksvollen, rubinroten Mantel vorstellt – Napoleon hat ihn getragen, er wurde bei Waterloo erbeutet – dann wirkt das natürlich auf einen kleinen Jungen. Als Kind hat man ja eine rege Fantasie.

Welchen Einfluss hat Napoleon auf die preußische und die deutsche Geschichte gehabt?

Ein geeinter deutscher Staat existierte zu Napoleons Zeit ja noch nicht. Aber den geeinten Staat, der dann 1871 gegründet wurde, hätte es ohne die Vorgeschichte mit Napoleon nie gegeben. Preußen war zum Zeitpunkt der Napoleonischen Kriege ein in völlig verkrusteten, alten Strukturen verfangener Staat. Die Adelsherrschaft war veraltet. Die Bauernbefreiung gab es noch nicht, Menschenrechte sowieso nicht, ebenso wenig eine moderne Verwaltung. Dieses alte Preußen hat Napoleon in der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 militärisch völlig zertrümmert. Da war Preußen gezwungen zu entscheiden: Entweder sie führen jetzt Veränderungen durch, oder es ist vorbei mit ihnen.

Was war die Folge?

Innenpolitische Reformen. Aus der militärischen Niederlage resultierten Veränderungen wie die Stein-Hardenbergschen Reformen, die Bildungsreform durch Wilhelm von Humboldt, die Heeresreform, die Verwaltungsreform und vieles mehr. Diese Veränderungen haben dann erst das Wiedererstarken des preußischen Staates ermöglicht, so dass Preußen letztlich Napoleon in den Befreiungskriegen zwischen 1813 und 1815 besiegen konnte.

Was haben Sie denn in Berlin an Spuren gefunden?

Als ein Beispiel möchte ich das Brandenburger Tor nennen, durch das Napoleon in Berlin eingezogen ist. Die Quadriga hat ihm so gut gefallen, dass er sie mit nach Paris nehmen ließ. Von dieser Quadriga, die dann 1945 zerstört wurde, gibt es nur noch einen einzigen erhaltenen Pferdekopf. Dieser befindet sich heute im Märkischen Museum in Berlin.

In Paris hingegen kann man sogar noch Napoleons Geschmack überprüfen. Wie das?

Südlich der Seine existiert noch heute Debauve & Gallais, der Lieblingschocolatier von Napoleon und seiner Frau Josephine. Das ist ein kleines familiengeführtes Unternehmen, das noch nach den Originalrezepten von damals unendlich köstliche Leckereien zubereitet. Sie können also das probieren, was schon Napoleon und Josephine gegessen haben.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Napoleon. Sind Sie eigentlich ein Fan von ihm?

Nein, ich bin kein Bewunderer und Fan Napoleons. Er hat beispielsweise einen Nürnberger Buchhändler, Johann Philipp Palm, im Jahr 1806 aus Nürnberg verschleppen und in Österreich erschießen lassen. Weil er die Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“, in der zum Widerstand gegen die Franzosen aufgerufen wurde, verlegt und verbreitet hatte. Er hatte sie nicht einmal selbst geschrieben. Palm war Vater von drei kleinen Kindern. Und wenn man den Abschiedsbrief an seine Frau liest, geschrieben eine halbe Stunde vor der Hinrichtung, das geht schon unter die Haut. Das ist einer der Gründe, warum ich kein Fan von Napoleon sein kann.

„Auf Napoleons Spuren. Eine Reise durch Europa“ (C.H. Beck, 408 Seiten, 26,95 Euro) Quelle: C.H. Beck

Thomas Schuler arbeitet als freiberuflicher Historiker und gilt als einer der führenden Napoleon-Experten Deutschlands. Sein Buch „Auf Napoleons Spuren. Eine Reise durch Europa“ (408 Seiten, 26,95 Euro) erscheint am 28. August bei C.H. Beck. Im Internet ist er auf der Seite http://aufnapoleonsspuren.de/ zu finden.

Weitere Bücher zu Napoleon

Johannes Willms: „Napoleon“. C.H. Beck. 127 Seiten, 9,95 Euro. Nach seiner vielgerühmten Biografie über Napoleon aus dem Jahr 2005 erscheint nun in der Reihe C.H Beck Wissen eine kleine Einführung in Leben und Wirken des gebürtigen Korsen von Johannes Willms. Für alle, die sich einen schnellen Überblick über Leben und Wirken Napoleons verschaffen möchte.

Patrice Gueniffey: „Bonaparte. 1769-1802“. Suhrkamp. 1296 Seiten, 58 Euro. Ein opulentes Werk hat der französische Historiker Patrice Gueniffey vorgelegt. Allerdings endet seine stilistisch glänzende Biografie bereits 1802, 13 Jahren vor Waterloo. Für alle, die genug Atem für eine sehr lange Teilbiografie haben.

Adam Zamoyski: „Napoleon. Ein Leben“. C.H. Beck. 863 Seiten, 29,95 Euro. Der polnische Historiker Adam Zamoyski beschreibt Napoleons Leben sehr detailreich und genau. Für alle, die schon einiges über die Zeitumstände wissen, und nun eine dichte und anekdotenreichen Biografie lesen wollen.

Von Kristian Teetz/RND

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