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Kultur Weltweit Konstantin Wecker wird 70
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10:45 01.06.2017
Konstantin Wecker gilt als einer der großen deutschen Liedermacher. Quelle: Fotos: dpa
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München

Einen Herdplattenanfasser nennt er sich selbst – weil er immer alles ausprobieren muss. Und einen Flussmenschen. Weil er in München an der Isar aufgewachsen ist, deren stetes Strömen ihn als Kind inspirierte. Heute wird der Liedermacher Konstantin Wecker 70 Jahre alt. Es wird auf jeden Fall ein anstrengender Geburtstag. Mit einem Konzert im Circus Krone, seinem „Heimspielort“, feiert er mit Fans, Freunden und Familie ins neue Lebensjahr. Am Abend steht er gleich noch mal auf der Bühne, und am Tag danach auch.

Rebell, Bürgerschreck, Lebemann, Poet und Sänger: Konstatin Wecker ist von allem etwas. Am Donnerstag wird der Liedermacher 70 Jahre alt. Es wird ein anstrengender Geburtstag.

Schon vor seinem Feiertag ist er in eine Mega-Jubiläumstournee gestartet, mit 50 Auftritten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. So kennt man den Wecker, umtriebig, kraftvoll. Seine Konzerte sind nach eineinhalb Stunden nicht vorbei – sondern dauern doppelt so lange. Derzeit stellt er sein neues Album vor, dessen Titel in drei Worten sein Leben charakterisiert: „Poesie und Widerstand.“ Der Titel sei Programm, sagt er. „Was hat Poesie mit Widerstand zu tun? Die Poesie ist schon Widerstand.“ Zeitlebens hat er sich gegen Krieg und rechte Umtriebe engagiert. „Lasst uns das Bunte bewahren“, mahnt er.

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„Was genau anders ist, kann ich selbst nicht sagen“

Wecker heimste viele Preise ein, an die 600 Lieder, Filmmusiken und Musicals hat er geschrieben. Daraus hat er für das aktuelle Album ausgewählt, Songs neu eingespielt und interpretiert. „Was genau anders ist, kann ich selbst nicht sagen.“ Vielleicht klingen die Lieder etwas klarer, weicher. Er sehe mit dem Alter vieles milder – und zärtlicher, sagt er über sich.

Er gilt als Rebell, Schreck des Bürgertums, Anarchist, Poet, Lyriker – und er gefällt sich auch ein bisschen als Philosoph. Eine Kostprobe: „Das Leben jedes einzelnen Menschen ist ein Unikat wie jeder Wassertropfen anders ist als der andere“, sagt er. Jedes Leben sei spannend genug für eine Biografie. Er selbst hat zu seinem „Jubiläum“ gleich eine neue Biografie herausgebracht, die dritte: „Das ganze schrecklich schöne Leben“. Ausgespart haben er und seine beiden Ko-Autoren und Weggefährten nichts, weder Kokainsucht noch Auftritte in Sexfilmchen der Siebzigerjahre wie „Unterm Dirndl wird gejodelt“.

Nach abgebrochenem Studium der Philosophie und Psychologie und dem Zwischenspiel in jenen Schmuddelfilm widmete sich Wecker der Musik. Er trat in der Lach- und Schießgesellschaft auf und feierte Erfolge mit „Weckerleuchten“ und der Ballade „Willy“ über den Tod eines Freundes bei einer Kneipenschlägerei mit Rechtsextremen. Sein Weg ging nicht über Rock oder Folk, sondern über die Oper. „Ich bin von der Klassik geprägt, ich bin von der Oper geprägt, auch wenn ich gern mal einen Blues spiele“, sagt er. „In den Achtzigerjahren, als der Punk aufkam, war ich mit einem Klassikorchester unterwegs.“Als Sohn eines Opernsängers lernte er früh Klavier, Geige und Gitarre, sang mit dem Vater im Wohnzimmer Arien. Musiklehrer rühmten seine Stimme beim „Ave Maria“. Richtig bürgerlich war Weckers Elternhaus aber nicht. Der Vater habe seinen Einberufungsbefehl einfach zerrissen. Er sei bei den Nazis nicht beim Militär gewesen, sein Sohn werde auch nicht zum Militär gehen. Der Vater habe ihn gelehrt, ungehorsam zu sein, schreibt Wecker. Die Mutter: stark und immer für ihn da.

Eine behütete, glückliche Kindheit. Trotzdem riss Wecker früh von zu Hause aus. Mit etwa 20 landete er im Gefängnis – weil er die Kasse der Trabrennbahn gestohlen und das Geld verprasst hatte – unter anderem mit „dreimal täglich Bratwurst“. Dann kamen die Drogen. Wecker kokste, bis er in den Neunzigerjahren verhaftet und zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.

Nun also 70 – und jetzt? Weitreichende Zukunftspläne hat der Liedermacher nicht. „Mein Schicksal war immer klüger als ich.“ Dennoch hat er einen vollen Terminplan, sein Einsatz gegen rechts ist ungebrochen. Kunst könne ermutigen. „Und diese Ermutigung, hoffe ich, dass sie mir noch eine Zeit lang gelingen wird.“

Von Sabine Dobel/RND