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Kultur Weltweit Kommentar: Die Staffelübergabe bei der Berlinale ist geglückt
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14:27 17.02.2019
69. Berlinale: Abschluss und Verleihung der Bären im Berlinale Palast: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick (l) und die künftigen Berlinale-Chefs Carlo Chatrian (Italien) und Mariette Rissenbeek (r, Niederlande). Quelle: dpa
Berlin

Gewiss wären ganz oben auf der Siegerliste Alternativen denkbar gewesen. Und doch hat die Jury um Juliette Binoche mit dem Goldenen Bären für „Synonyme“ ein gutes Händchen bewiesen. Die Juroren haben das Beste aus einer mäßigen Konkurrenz geholt. Dem Festivalmotto „Das Private ist politisch“ entspricht der energiegeladene Film des Israelis Nadav Lapid perfekt.

Ein junger Israeli flüchtet vor der zur Last gewordenen Heimat nach Paris: Der 43-jährige Regisseur verarbeitet in „Synonyme“ autobiografische Pein. Auch er verließ nach seinem Militärdienst Israel - so wie der junge Mann im Film, der zornig sein Land, seine Identität und sogar seine Sprache abzuschütteln versucht. Der Flüchtling unterzieht sich einer kuriosen Teufelsaustreibung.

Noch härter an der Wirklichkeit entlang schrammte François Ozon mit seinem beinahe dokumentarischen Drama „Gelobt sei Gott“. Der Franzose klagt die Katholische Kirche darin an, über Jahrzehnte Kindesmissbrauch in Lyon vertuscht zu haben. Dieser Große Jury-Preis passt zu einer Berlinale, die sich auch dank ihres scheidenden Direktors Dieter Kosslick als das politischste aller großen Filmfestivals versteht. Ein Urteil in dem Fall des Priesters soll erst im März fallen. In Frankreich versuchen Kirchenanwälte, den Kinostart zu stoppen.

Zwei deutsche Regisseurinnen ausgezeichnet

Auch der Drehbuchpreis geht an einen Film mit brisantem Thema: Das Team um Mafiakritiker Roberto Saviano erkundet in „Piranhas“ das Abdriften Jugendlicher in blutige Bandengewalt - ein Problem nicht nur in Neapel.

Die gleich zweifache Auszeichnung von Berliner Regisseurinnen dürfte Kosslick besonders freuen. Noch im Vorjahr waren die Deutschen unverdient leer ausgegangen. Die Förderung einheimischer Filmemacher aber hatte sich Kosslick auf die Fahnen geschrieben.

Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ eröffnet tatsächlich neue künstlerische Perspektiven, so wie es der Alfred-Bauer-Preis verlangt. In ihrem Debüt präsentierte sie die wütendste Heldin der Berlinale: Die neunjährige Benni (Helena Zengel) lässt bei ihren Tobsuchtsattacken Bobby-Cars durch die Luft segeln und treibt ihre Jugendbetreuer zur Verzweiflung.

Umstrittener ist Angela Schanelecs Regie-Bär. Gewohnt spröde erzählt die 57-Jährige in „Ich war zuhause, aber“ mit somnambulem Touch von einer um ihren Mann trauernden Mutter.

Angela Schanelec ist beste Regisseurin

Besondere Pointe am Rande: Fingscheidt hat vor Jahren als Praktikantin bei der Berlinale gearbeitet. Nun steht ihr Name in deren Annalen verzeichnet.

Bei der Berlinale stand die Preisverleihung an. Geehrt wurde dabei auch der jüngst verstorbene Schauspieler Bruno Ganz. Wir haben die besten Bilder der Abschiedsgala.

Angela Schanelec wurde als beste Regisseurin ausgezeichnet: Sie erzählt in „Ich war zuhause, aber“ mit geradezu somnambulem Touch von einer um ihren Mann trauernden Mutter, die in Gefahr gerät, sich vom Leben mit ihrem beiden Kindern zu isolieren.

Zu Beginn der Preisverleihung hatte Jury-Präsidentin Binoche daran erinnert, dass der Film von Zhang Yimou überraschend während des Festivals zurückgezogen worden war. Vermutlich hatte dabei die chinesische Zensur ihre Finger im Spiel.

„Wir haben Zhang Yimou sehr vermisst“, sagt Binoche. Und dann vergab ihre Jury prompt gleich beide Darstellerpreise nach China: Wang Jingchun und Yong Mei spielen in dem berührenden Familiendrama „So Long, My Son“ ein alterndes Ehepaar im Mahlstrom der chinesischen Geschichte. So sieht clevere Festivaldiplomatie aus.

Dieter Kosslick ausgiebig geehrt

Selbstverständlich wurde auch der scheidende Kosslick ausgiebig geehrt - augenscheinlich sogar ein bisschen ausgiebiger, als ihm lieb war. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hätte ihm nach eigenen Worten gern einen Goldenen Bären geschenkt, beschränkte sich dann aber doch auf die Patenschaft für eine Brillenbärin im Zoo - einen riesigen Plüschbären reichte Binoche am Ende auf der Bühne nach.

Grütters erinnerte daran, dass Kosslick in seinen 18 Jahren bei allen Rock-’n’-Roll-Qualitäten auf dem Roten Teppich stets die gesellschaftspolitische Mitverantwortung der Filmschaffenden in den Mttelpunkt gerückt habe. Sein Engagement habe einer Kunst gegolten, „die den Blick für den Zustand der Welt schärft“. Dies gilt gewiss auch für die Preisträger 2019.

Kosslick griff bei so viel Dankesworten zum Taschentuch, verdrückte unter stehenden Ovationen ein paar Tränen - und umarmte demonstrativ seine im Publikum sitzenden Nachfolger Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Die Staffelübergabe ans neue Team ist also schon mal geglückt.

Von Stefan Stosch/RND

Der Sieger der 69. Berlinale steht fest. Am Samstagabend wurde der „Goldene Bär“ an das Drama „Synonyme“ des israelischen Regisseurs Nadav Lapid vergeben.

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