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Kultur Weltweit Kinokritik zu “Systemsprenger”: Die Not hinter der Wut
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05:50 13.09.2019
Protest aus Verzweiflung: Helena Zengel spielt Benni in „Systemsprenger“.

Das Herzzerreißendste an dieser herzzerreißenden Geschichte ist dies: Alle wollen das Beste für Benni (Helena Zengel). Aber keiner weiß, wie er dem blonden Mädchen mit der Wut im Bauch helfen kann.

Zuallererst gilt das für Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) vom Jugendamt. Dutzende von Wohngruppen hat Frau Bafané schon abtelefoniert und findet partout keine mehr, die der Neunjährigen einen Platz geben mag. Benni gilt schon in ihrem Alter als hoffnungsloser Fall. Keiner will sie haben.

Der Anti-Gewalt-Trainer Micha (Albrecht Schuch) nimmt Benni mit in die Hütte ohne Strom und ohne Internet in der Lüneburger Heide. Dort fährt er sonst nur mit straffällig gewordenen Teenagern hin, um in der Natur deren Aggressionspotenzial herunterzudimmen. Micha weiß genau: Je älter Benni wird, desto schlechter sind ihre Chancen, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen. Aber zu nahe darf er dem Mädchen, das sich nach einer Bezugsperson sehnt, bei seinen Bemühungen auch nicht kommen.

Kann das bei so viel Wut gut gehen?

Pflegemutter Silvia (Victoria Trautmannsdorff) ist ebenfalls bereit, es noch einmal mit Benni zu versuchen. Aber dann müsste Benni sich mit dem neuen Pflegesohn Silvias arrangieren. Kann das bei ihren Tobsuchtsattacken gut gehen?

Benni hat auch eine Mutter, Bianca (Lisa Hagmeister), und selbstverständlich möchte auch diese, dass ihre Tochter glücklich ist. Aber sie hat Angst vor Bennis Wutausbrüchen. Und sie ist schon mit ihren beiden jüngeren Söhnen heillos überfordert, die sie jeden Tag vor dem Fernseher parkt.

Benni ist ein „Systemsprenger“, so auch der Titel von Nora Fingscheidts Ausnahmefilm, der von deutscher Seite für den Oscar 2020 nominiert wurde. Jugendhelfer bezeichnen verhaltensauffällige Kinder so, die vom staatlichen Betreuungsnetz aus Psychologen und Pädagogen nicht aufgefangen werden können.

Schönste Überraschung im Berlinale-Wettbewerb

Bei der Berlinale wurde Fingscheidts Werk mit dem Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst ausgezeichnet. „Systemsprenger“ war die wohl schönste Überraschung des Wettbewerbs. Vor allem aber ist dies alles andere als ein bemühter Problemfilm, sondern vielmehr eine packende Geschichte.

Fingscheidt kommt vom Dokumentarischen (Max-Ophüls-Siegerin mit „Ohne diese Welt“ über deutschstämmige Mennoniten, die in Argentinien wie im 18. Jahrhundert leben). Das merkt man der Präzision ihres Spielfilmdebüts an. Sie hat jahrelang recherchiert.

Zur Vorbereitung arbeitete Fingscheidt in einer Obhutnahmestelle und in der Kinderpsychiatrie. Aber dann wollte sie etwas anderes drehen als eine Doku. Hier darf die Leinwand auch mal in Zeitlupe beinahe erstarren oder in Pink erglühen, wenn Benni ihren nächsten Anfall kriegt – zum Beispiel dann, wenn jemand den Fehler macht, sie im Gesicht zu berühren. Das hält sie nicht aus.

Dieses Mädchen tickt wie eine Zeitbombe

Das Mädchen tickt wie eine Zeitbombe, die jederzeit explodieren kann. In einem Moment ist Benni das lustigste Kind der Welt, im nächsten donnert sie ihren Kopf gegen eine Autoscheibe oder den eines anderen Kindes auf den Holztisch im Klassenzimmer – falls Betreuer Micha es überhaupt geschafft hat, sie bis ins Klassenzimmer zu eskortieren.

Das Publikum muss mit dem Energiebündel Benni Schritt halten: Immer wieder rennt sie ihren Aufpassern davon, tanzt über Tische, spuckt in Gesichter, schlägt und tritt besinnungslos um sich, bedroht Helfer gar mit dem Küchenmesser. Wenn es ganz schlimm kommt, wird sie in der Psychiatrie mit Medikamenten ruhiggestellt. Und dann geht das ganze Spektakel von vorn los. Gibt es wirklich keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis?

Man kann gut nachvollziehen, wenn hier einem Lehrer mal die Nerven durchgehen, weil Benni Bobbycars durch die Luft schleudert. Einmal pinkelt sie in den Flur, weil gerade keiner Zeit hat, sich um sie zu kümmern, und sie nach Aufmerksamkeit giert. In jedem Augenblick fühlt man die Not, die hinter diesen Ausbrüchen steckt.

Die Hauptdarstellerin ist phänomenal

Die Regisseurin schlägt sich bedingungslos auf Bennis Seite. Die phänomenale Hauptdarstellerin Helena Zengel, inzwischen elf Jahre alt, kameraerprobt und demnächst in Hollywood an der Seite von Tom Hanks zu sehen, agiert berührend natürlich. Ihre Benni will nur eines: zurück zu ihrer Mama. Aber die lässt sich immer wieder entschuldigen und weint und raucht und ist verzweifelt.

So ist „Systemsprenger“ ein ebenso knallharter wie einfühlsamer Film, der nicht nur von Benni erzählt, sondern auch von der Hilflosigkeit der Helfer. Sie versuchen sich an der Quadratur des Kreises: Was Benni braucht, sind feste emotionale Bindungen. Und genau diese können, ja dürfen professionelle Betreuer nur bis zu einem gewissen Maß zu ihr aufbauen.

In „Systemsprenger“ wächst die Angst um Benni – und auch die Angst um die Menschen in ihrer Nähe – mit jeder Minute. Dieser Film ist ein Thriller aus der Wirklichkeit.

„Systemsprenger“, Regie: Nora Fingscheidt, mit Helena Zengel , Gabriela Maria Schmeide, Albrecht Schuch, 123 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch/RND

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