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Kultur Weltweit Kinokritik “Gut gegen Nordwind”: Verliebt im Cyberspace
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11:31 05.09.2019
Nur die Spülmittel trennen die beiden noch: Leo (Alexander Fehling) und Emma (Nora Tschirner). Quelle: Anne Wilk/Sony Pictures/dpa

Sehnsuchtsvolle Liebesbriefe auf rosa Papier oder auf weißem Bütten? Die Zeiten sind vorbei. Mit E-Mails läuft die Kommunikation schneller und direkter – kein langes Warten mehr auf den Postboten, sondern nur auf das Pling in der Postbox.

Dass man sich auch heute noch allein durch Worte verlieben kann, beweist die prickelnde Lovestory von Emma (Nora Tschirner) und Leo (Alexander Fehling). Die beiden kommen zufällig durch einen falschen Buchstaben in Kontakt. Sie will ein lästiges Abo kündigen und landet statt auf woerter@like.com bei woerter@leike.com.

Sprachwissenschaftler Leo Leike klärt sie über den Irrtum auf, und sie bedankt sich höflich. Ohne Plan beginnt ein nettes Geplänkel mit kleinen Biestigkeiten („Sie passiv aggressiver Idiot“), das sukzessive persönlicher wird. Bald nennt Leo die digitale Freundin liebevoll Emmi. Trotzdem entscheiden sich die beiden für eine „virtuelle Insel“, soll heißen: kein Treffen, kein Facebook, keine Google-Suche.

Die Anonymität erlaubt Vertrautheit

Die Mails zwischen den Seelenverwandten werden zum Höhepunkt des Tages oder auch der Nacht. Die Anonymität erlaubt große Vertrautheit und Verdrängung des Alltags. Seiner quirligen Schwester (Ella Rumpf aus „Tigergirl“) gesteht Leo: „Emma ist eine Flucht. Ich will mir das nicht durch die Realität versauen.“ In der Realität kommt er nur schwer von seiner Freundin los, die sich mit einem Piloten vergnügt. Emma ist glücklich verheiratet und hat zwei Stiefkinder. Aber gegen Schmetterlinge im Bauch ist der Verstand machtlos.

Als Mutter aller Beziehungsgeschichten per E-Mail gilt Nora Ephrons „E-Mail für dich“ von 1998 – ein Remake von Ernst Lubitschs „Rendezvous nach Ladenschluss“ (1940). Bei Ephron verlieben sich Tom Hanks und Meg Ryan im Cyberspace, ohne zu wissen, dass sie in der Realität Konkurrenten sind.

Trockener Humor, leichte Melancholie

Erst kürzlich funkte es bei Juliette Binoche, die in der bitteren Romanze „So wie du mich willst“ mit einer gefakten Identität im Netz eine „Liaison dangereuse“ beginnt. Und über Tinder geht’s sowieso weltweit zur Sache. Regisseurin Vanessa Jopp („Lügen und andere Wahrheiten“) trifft die Nuancen und nähert sich der Umsetzung von Daniel Glattauers Bestseller mit trockenem Humor, feinem Witz und leichter Melancholie. Sie schafft es, den E-Mail-Roman in seiner Komplexität behutsam zum Strahlen zu bringen, unterlegt mit einer zart-unaufdringlichen Musik. Eine klasse Leistung.

Worte sind hier beides: Maske und Enthüllung. Eine weibliche Stimme aus dem Off, zwei Menschen vor dem Laptop: Das hätte leicht schiefgehen können. Aber dazwischen sind immer wieder magische Momente voller Poesie eingestreut, so wenn Leo ein Feuerwerk für die Fremde abbrennt, die am nächtlichen Himmel sein Liebeszeichen bewundert. Bei diesem Schauspielduo geht einem das Herz auf, selbst der Kitsch ist schön. Eine Romanze nicht nur für überzeugte Romantiker.

„Gut gegen Nordwind“, Regie: Vanessa Jopp, mit Nora Tschirner und Alexander Fehling, 122 Minuten, FSK 0

Von Margret Köhler/RND

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