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Kultur Weltweit Glücklicher Grübler: George Ezra über sein neues Album
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14:00 13.07.2019
Er sagt von sich selbst, er sei ein großer Grübler. Aber in seinen fröhlichen Songs ist von schlechter Stimmung nichts zu merken - soll es auch nicht, sagt Popstar George Ezra im Interview. Quelle: Theo Wargo/Getty

George Ezra, Sie sind Engländer, Ihr erster Hit hieß „Budapest“, Ihr aktuelles Album „Staying at Tamara’s“ haben Sie zum Teil während eines längeren Aufenthalts in Barcelona geschrieben, Sie touren derzeit durch ganz Europa. Was empfinden Sie angesichts des irgendwann bevorstehenden Brexits?

Scham. Die Europäische Union ist eine fantastische Sache, ich bin als Jugendlicher überall mit dem Zug herumgefahren und habe diese Vielfalt in mich aufgesaugt. Man kann sagen: Ich bin in der EU aufgewachsen. Sich jetzt damit abfinden zu müssen, bald nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft zu sein, ist verwirrend für mich. Und es ist verwirrend für sehr viele von uns jungen Leuten. Wirklich niemand von den Menschen, die ich kenne, will den Brexit.

Ihr Album hingegen hört sich alles andere als traurig an. Die Stücke wie „Pretty Shining People“ oder „Shotgun“ sind regelrecht euphorisch und voller Lebensfreude.

Manchmal bin ich überglücklich, und es stimmt einfach alles. So einen Moment beschreibe ich in „Shotgun“, wo ich auf dem Beifahrersitz hocke und mir den Wind um die Nase wehen lasse. Aber häufiger sind bei mir die Momente, in denen ich aus dem Grübeln kaum herauskomme. Oft zerbreche ich mir den Kopf über Dinge, die ich gemacht habe, nicht gemacht habe, machen sollte, besser nicht gemacht hätte und so weiter. In meinen Songs wollte ich stärker den glücklichen George betonen und den Grübel-George außen vor lassen.

Soll Ihre Musik auch ein Gegenmittel zur grassierenden schlechten Laune da draußen sein?

Ja! In der Welt geschehen viele seltsame Dinge, vielleicht war das immer schon so, vielleicht ist es aber auch mehr als sonst. Wenn ich jetzt auch noch traurige und melancholische Songs schreiben würde, hätte ich selbst keinerlei Pause vom trüben und missmutigen Weltgeschehen. Und mein Publikum auch nicht.

George Ezra war erst 21 Jahre alt, als sein Song „Budapest“ 2014 ein großer Hit wurde. Auch mit seinem neuen Album „Staying at Tamara’s“ und Songs wie „Shotgun“ und „Hold My Girl“ gelang ihm wieder ein großer Erfolg. In diesem Jahr gewann er den Brit Award in der Kategorie Bester britischer Solokünstler sowie die Goldene Kamera. Der 26-jährige Singer-Songwriter mit der markanten tiefen Stimme lebt in Bristol. Quelle: Sony Music

Warum ist die Welt so, wie sie ist?

Das frage ich mich selbst. Wir leben im Luxus, und wir haben jedes Werkzeug und alle Möglichkeiten, um glücklich zu sein. Aber wir haben verlernt, die Werkzeuge zu benutzen. Wir haben vergessen, wie leicht es ist, zufrieden zu sein. Wir könnten uns das Leben so viel leichter machen. Social Media verstärken diese Unzufriedenheit noch, dieses Gefühl, dass uns das Leben davonrennt und die cooleren Sachen immer bei den anderen Leuten passieren.

Hat der Hass aufeinander durch das Internet zugenommen?

Ich denke nicht, dass sich die Menschen mehr hassen, nur weil es jetzt Twitter gibt. Aber sie tun so, als würden sie sich mehr hassen. Im Netz sagt man Dinge, die man sonst nicht sagen würde. Wir müssen uns wohl noch an diese Form der Kommunikation gewöhnen, das heißt: gelassener werden, uns ein bisschen beruhigen. Ich bin noch in einer Zeit aufgewachsen, in der man sich vor einer Verabredung keine zwanzig Textnachrichten schrieb, sondern einfach beim anderen vorbeigegangen ist und geguckt hat, ob er mit einem rauskommen will. Ich will das Internet jetzt aber nicht komplett verteufeln. Jeder Musiker in den 70er-, 80er- oder 90er-Jahren hätte gemordet, um Social Media zu haben und die Fans direkt kontaktieren zu können.

Ihre Eltern sind beide Lehrer. Sie sind behütet aufgewachsen. Waren Sie ein liebes Kind?

Ich habe meinen Eltern wenig Kummer gemacht. Ich bin mit zwei Geschwistern auf dem Land aufgewachsen, in Hertfordshire, und Mum und Dad sind immer sehr nett und tolerant zu uns Kindern gewesen. Wir waren sehr frei. In den Sommerferien bin ich oft tagelang nicht nach Hause gekommen, wir zelteten bei irgendwelchen Freunden im Garten oder im stillgelegten Steinbruch.

Kann man eigentlich sagen, dass Ihre Musik in erster Linie dem Eskapismus dient?

Absolut. Wenn es einen Sammelbegriff gibt, der für mich über der gesamten Platte steht, dann ist das in der Tat der Eskapismus. Man muss als Künstler egoistisch sein. Und ich wollte ein positives, sommerliches Album machen. Die neuen Lieder sind tatsächlich sehr heiter. Sie stecken voller Liebe, voller Verliebtsein.

George Ezra: „Staying at Tamara’s“ Quelle: Plattenlabel

Sie sind seit einigen Jahren mit Ihrer Freundin, der Musikerin Florence Arnold, genannt Florrie, zusammen. Hat die Beziehung Sie verändert?

Gerade am Anfang hat mich unsere Liebe richtig übermannt. Es passierte auch eher unerwartet, obwohl ich meine Freundin zum perfekten Zeitpunkt traf: Ich wusste, ich würde eine Weile nicht auf Tour sein, so hatten wir die Chance, uns wirklich kennenzulernen. Seit anderthalb Jahren wohnen wir zusammen in London. Das ist für mich das erste Mal, dass ich mein Leben wirklich mit einem anderen Menschen teile, abgesehen von meiner Familie natürlich.

Geht es auch in „Hold My Girl“ um Sie und Ihre Freundin?

Yeah, logisch. Der Text ist ehrlich gesagt nicht besonders komplex. Der Song handelt bloß davon, sich im Arm zu halten, die Augen zu schließen und die Welt für eine Minute oder so auszublenden. Wenn du verliebt bist, ist alles so einfach, so schön. Ich genieße das sehr.

In Großbritannien war „Staying at Tamara’s“ das meistverkaufte Album 2018, bei uns haben Sie eine Goldene Kamera bekommen, die Karriere läuft phänomenal. Haben Sie das erwartet?

Nein, ganz und gar nicht. Ich hatte mich eher darauf eingestellt, den Erfolg mit meiner Single „Budapest“ und dem ersten Album „Wanted on Voyage“ nicht wiederholen zu können. Denn seien wir realistisch: Nichts ist attraktiver als ein neuer Künstler. Dieses „Hör dir den Jungen mal an, der hat eine Stimme wie Bob Dylan“ und solche Sachen sind ja dieses Mal weggefallen. Man wusste schon, wer ich bin. Also war ich echt verblüfft, als die Singles „Paradise“ und „Shotgun“ so krass abgingen.

Sind Sie jetzt an den Erfolg gewöhnt?

Nein, ich versuche, das nicht so an mich heranzulassen. Als Musiker und Songwriter stehe ich noch relativ am Anfang. Man weiß nie, was passiert. Ich kann nur mein Bestes geben, aber ob die Leute das mögen, was ich mache, das kann ich nicht kontrollieren.

Von Steffen Rüth

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