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Kultur Weltweit Fantastisch preiswert: Fanta 4 erhalten Jacob-Grimm-Preis
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14:01 14.10.2018
Geben auf der Bühne alles: Die Fantastischen 4. Quelle: Carsten Klick
Kassel

Eigentlich heißt er ja „Kulturpreis deutscher Sprache“. Aber manchmal bekommen diese allgemein als Jacob-Grimm-Preis bekannte Auszeichnung auch Leute, die man auf den ersten Blick nicht mit Hochkultur in Verbindung gebracht hätte. Udo Lindenberg etwa, dessen höchst eigentümliches Lindensprech allen Deutschlehrern der Siebziger- und Achtzigerjahre sauer aufstieß, wurde deshalb geehrt, weil der Mann damit den Durchbruch des Deutschen in der Rockmusik bewirkte. In diesem Jahr war eine Gruppe von Musikern dran, die allein schon wegen ihrer Spitznamen ein besonderes Verhältnis zur Sprache zeigen: Michael Bernd Schmidt (Smudo), Thomas Dürr (Thomas D), Andreas Rieke (And.Ypsilon) und Michael Beck (Michi Beck). Denn als Die Fantastischen Vier „sind (sie) Wegbereiter einer neuen deutschen Musikgeschichte“, wie es in der Jurybegründung heißt. „Zu einer Zeit, in der Sprechgesang mit der englischen Sprache verknüpft war, waren sie die Ersten, die sich ihrer Muttersprache bedienten.“ So begründet der Bamberger Sprachwissenschaftler und Sprecher der Jury, Prof. Dr. Helmut Glück, auf der Kulturpreis-Website die Wahl. Nach dem Literaturnobelpreis für Bob Dylan wieder eine überraschende Auszeichnung. Wie gehen die Fanta 4 mit Sprache um? Eine Analyse in neun Punkten.

Erste Zeilen

Die Fantas traten im Juli 1989 erstmals live auf, waren dann 1991 die Ersten, die mit ihrem Debütalbum „Jetzt geht’s ab“ deutschlandweit Medienecho für Deutschrap bekamen. Dabei hatte Frederik Hahn alias Torch von den Heidelbergern Advanced Chemistry es schon Ende der Achtzigerjahre mit Freestyle-Raps in der Muttersprache probiert. Die legendären ersten Zeilen, die die Welt von den Fantastischen Vier zu hören bekam, waren: „Ich bin Smudo von den Fantastischen Vier / und ich trink gern Bananensaft mit kühlem Weizenbier. / Egal ob blond ob braun, ich liebe alle Frauen / und ich liebe sie noch mehr / wenn sie sich was getrau’n.“ Oje! Der Grimm-Preis war da freilich noch zehn Jahre von seiner ersten Verleihung – an den Schriftsteller Rolf Hochhuth – entfernt.

Hip-Hop für alle

Hip-Hop war damals Ausgrenzungsmusik. Man wollte nicht jedem gefallen, eigentlich nur der eigenen Szene. Kommerz wurde abgelehnt, Plattenfirmen mussten klein sein: „Keep it real is the deal“ lautete die Haltung der US-Rapper. Die Fanta-4-Haltung war dagegen: „Think big!“ oder „Denke groß“ – ein Vertrag mit Sony, Inklusion von Publikumsmassen. Die Schmuddellyrik des Tracks „Eins und eins“ (hier die vergleichsweise harmlose Zeile: „Acht und acht / 69 gemacht / auf dem Wasserbett und die ganze Nacht“) brachte die Weihnachtssingle „Frohes Fest“ von 1991 allerdings gleich mal auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Später war den Stuttgartern der Song peinlich. Ob die Grimm-Jury den auch kennt?

Alliteratiönchen

Schon früh zeigte sich die Neigung des Quartetts zu sprachlichem Feinschliff. Auf dem Debütalbum fand sich der Schnipsel „Dumm, Das!“, ein Jahr später hatte man mit „Die da“ schon einen richtigen Hit mit „d“-Alliteratiönchen. Im Text wurde diese ausgewalzt: „Ist es die da, die da, die da oder die da?“ Der stilbewusste Track über ein polygames Discomädchen stieg bis auf Platz zwei in den deutschen Hitparaden. Damit waren die Fantas Stars des deutschen Hip-Hop – bislang ein Paradoxon – und wurden von den Gralshütern natürlich prompt als „Witzbolde“, „Spaßrapper“, „Gymnasiumsrapper“ oder gar „Deutschlehrer“ verhöhnt.

Rap-Philosophen

Ernst wurde der Fanta-Spaß mit dem vierten Album und seinen philosophischen Betrachtungen des Daseins. Die Fantas rappten auf „Die 4. Dimension“ über Geist und Weisheit, Freiheit und die Ketten und Zwänge der Gesellschaft. „O.K., Weisheit ist der Schlüssel / doch wo ist das Schloss? / Ich weiß du willst bis ganz nach oben / doch du musst durchs Erdgeschoss“, hieß es in „Mach dich frei“. Selbstbestimmung als Ziel, vorgetragen mit einer unbändigen Lust auf Sprache.

Umgangssprache

Verdienste um die Muttersprache errungen zu haben bedeutet nicht zwangsläufig, dass es sich nur um knarzend trockene Hochsprache handelt. Das Fanta-Deutsch ist prall und lebendig, geliefert werden von den Soziolekt-Meistern auch Zeilen wie in „Was geht“: „Klar spack ich ab / doch niemals kack ich ab / ich pack das Mikro in die Backen / und ich fuck es up.“ Alles verstanden? Man ahnt in jedem Fall, dass es so ein Mikrofon zuweilen schwer hat.

Denglisch

Die Fantas spiegeln natürlich auch die Durchwirkung des Deutschen vor allem durchs Englische wider. Ein Kampf ist ein „fight“, ein Kind ein „kid“, rauchbare Drogen sind „weed“, Stil ist „style“. Und die geliebte Heimat Stuttgart ist „Stuggitown“. Das sind nun beileibe keine Minus-, sondern eher Pluspunkte für den Grimm-Preis, liebe Sprachreinheitsfanatiker. Und zwar wegen Authentizität. Die Fantas haben die Fremdwörter den Einheimischen ja nicht aufgezwungen, sondern benutzen sie nur.

Sprachkritik

Aus der unseligen deutschen Neigung zum Zeitsparen machten die Fantas einen der eher seltenen Protestsongs gegen Sprachmissbrauch. „MfG“ war ein freundlich-ironischer Gruß an die Bürokraten, dass in der Kürze nicht immer die Würze liegt, sondern oft die Unverständlichkeit. Die Endloslitanei an Akronymen (von GbR bis VfB) schaffte es bis auf Platz zwei in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Das wurde der drittgrößte Fanta-Hit nach „Die da“ und „Sie ist weg“.

Botschaft

Auch auf das, was in der Sprache steckt, kommt es immer an. Die Botschaften oder „messages“ der Fantas: vor allem Liebe, Frieden, Party und Nachdenken. Die Stuttgarter sind erwachsene Lyriker, deren „Krieger“ 1995 ein Antikriegsstück war. Und deren „Kind vor dem euch alle warnten“ vom Livealbum „Laut + direkt“ 1996 wie eine Prophezeiung der heute in die Mitte drängenden Rechtsextremen klingt. Die bekommen auch auf dem brandneuen Album „Captain Fantastic“ die Leviten gelesen: „Einer ist doch immer schuld / solange du es nicht bist / gestern niemand, morgen tot, dazwischen Populist.“ Und in „Affen mit Waffen“ wird die Frage gestellt, die auf den Nägeln brennt: „Eine Sache macht mir zu schaffen / sind wir nur Affen mit Waffen?“

Relevanz

Die Fantas sind als Grimm-Preisträger keine aus dem Dung der Kulturhistorie freigebuddelten Superhelden von vorgestern. Sie sind noch wer, sehen es als „Aufgabe der Kunst, die Gesellschaft zu mobilisieren und ein Gefühl der Solidarität zu vermitteln“ (Smudo in der „Schwäbischen Zeitung“). Nach 14 Jahren ohne Top-Ten-Hit gelang ihnen im Sommer 2018 mit dem WM-Song „Zusammen“ wieder eine Nummer zwei in den deutschen Charts (während Jogi Löws damit befeuerte Kicker bei der WM leider nur unter „am fernsten liefen“ liefen. Trotzdem ist es höchste Zeit für den Jacob-Grimm-Preis, denn erstmals bezogen die Reimmeister für „Captain Fantastic“ Hilfe von außenstehenden Textern. Echt jetzt? Da fehlen einem glatt die Worte.

Verliehen wurde der mit 30 000 Euro dotierte Preis am 13. Oktober im Kasseler Kongress-Palais. Die Laudatio hielt der Fernsehmoderator Benjamin von Stuckrad-Barre.

Von Matthias Halbig / RND

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