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Kultur Weltweit Europäischer Filmpreis: Liebe im Kalten Krieg
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13:10 16.12.2018
Wohin mit all den Preisen? Das Liebesdrama „Cold War“ von Pawel Pawlikowski wurde mit gleich fünf Trophäen geehrt. Quelle: dpa
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Hannover

Es war nicht ganz leicht, Carmen Mauras Rede zu folgen. In einem herrlichen Kauderwelsch aus Spanisch und Englisch schien sie an diesem Abend in Sevilla das ganze Chaos Europas lustvoll in sich zu vereinen. Aber so viel war klar: Die Schauspielerin hätte vor gut drei Jahrzehnten keinen Pfifferling darauf gewettet, dass die Europäische Filmakademie Bestand haben würde - so viele Sprachen, so viele Kulturen. Wie sollte das zusammen gehen?

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Damals, die Mauer stand noch, hatten sich Kinogrößen wie Wim Wenders, Ben Kingsley, Isabelle Huppert, István Szabó und Bernardo Bertolucci in einem Berliner Hotelzimmer unweit vom Ku’damm über ihre europäische Verantwortung die Köpfe heißgeredet. Und nun hielt die 73-jährige Maura den Preis für ihr Lebenswerk in der Hand, vergeben von eben jener Filmakademie in ihrem 31. Jahr. Maura, der Star in Pedro Almodóvars frühen Filmen (“Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“), weinte Tränen der Rührung.

Ein Tross überzeugter Europäer macht sich auf

Tatsächlich dürfte es kaum einen sympathischeren Filmpreis geben. Regelmäßig im Dezember macht sich ein Tross überzeugter Europäer auf, um irgendwo auf dem alten Kontinent die besten Filme zu küren (jedes zweite Jahr in Berlin) und bei dieser Gelegenheit die eigenen politischen Werte gegen den grassierenden Nationalismus hochzuhalten. Besonders der für seinen Beitrag zum Weltkino geehrte Brite Ralph Fiennes (“Oskar Schindler“) beschwor in einer ernsten Rede das Gemeinsame.

Mancher in Sevilla erinnerte daran, dass der Kalte Krieg nie wiederkehren dürfe. Was der angerichtet hat, war in dem mit gleich fünf Trophäen gepriesenen Siegerfilm zu sehen - und der heißt „Cold War“: In knappen 89 Kinominuten erzählt der Pole Pawel Pawlikowski von zwei Liebenden. Zwischen den politischen Blöcken, mal auf dieser und mal auf jener Seite mäandernd, verirren sich Zula und Wiktor in ihren Gefühlen. „Cold War“ ist eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten des Jahres.

Frucht europäischer Kooperation

Für Pawlikowski ist dies bereits der zweite Europäische Filmpreis nach seinem Sieg mit dem Drama „Ida“ vor vier Jahren. Sein in exquisitem Schwarz-Weiß gedrehter „Cold War“ ist eine Frucht europäischer Kollaboration: Produzenten aus Polen, Frankreich und England sind beteiligt. Die 3500 Akademiemitglieder zeichneten auch die (wegen ihrer Schwangerschaft fehlende) Hauptdarstellerin Joanna Kulig aus, dazu regnete es Preise für Regie, Drehbuch und Schnitt.

Nur Hauptdarsteller Tomasz Kot musste sich dem Italiener Marcello Fonte geschlagen geben, dem unwiderstehlichen Hundefriseur in Matteo Garrones Parabel „Dogman“ über Unterwürfigkeit und Widerstand. Fonte hatte schon beim Festival in Cannes gewonnen.

Marie Bäumer ging leer aus

Nur wenige Deutsche waren im Rennen - vor zwei Jahren noch hatte Maren Ade mit „Toni Erdmann“ abgeräumt. Die für ihre Rolle als Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon“ nominierte Marie Bäumer ging leer aus. Trostpreise gab es für Christoph M. Kaiser und Julian Maas (Filmmusik in „3 Tage in Quiberon“) sowie für André Bendocchi-Alves und Martin Steyer (Sounddesign im Kriegsverbrecher-Drama „Der Hauptmann“).

Aber nationale Kategorien interessierten an dem mit vielen jungen europäischen Gesichtern geschmückten Abend kaum. Nachdrücklich erklärte sich die Akademie solidarisch mit den in Russland weggesperrten Regisseuren Oleg Senzow (seit mehr als drei Jahren in Haft in Sibirien) und Kirill Serebrennikow (seit mehr als einem Jahr Hausarrest in Moskau). „Wir stehen an eurer Seite“, sagte die polnische Regisseurin Agnieszka Holland.

Pawlikowski Favorit für Auslands-Oscar

Preisträger Pawlikowski, nun auch Favorit für den Auslands-Oscar Ende Februar, hat „Cold War“ seinen Eltern gewidmet. Sie führten wohl eine ähnlich verrückte Beziehung wie Wictor und Zula auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs: Als „Paar waren sie eine unendliche Katastrophe“, hat der Regisseur gesagt. Aber nie seien sie voneinander losgekommen. Klingt irgendwie europäisch.

Von Stefan Stosch / RND