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Kultur Weltweit Bilderbuch-Sänger zum Erfolg der EU-Pässe: „Wir haben nicht damit gerechnet“
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17:31 20.02.2019
Überzeugter Europäer: Der österreichische Sänger Maurice Ernst von der Band Bilderbuch wünscht sich mehr Begeisterung für Europa. Quelle: Britta Pedersen/dpa
Wien

Bilderbuch sind die Band der Zeit. Ihre „Europa 22“-Kampagne ging viral. Prominente von Martin Schulz bis Jan Böhmermann bis Martin Schulz sprangen auf den Zug auf und luden sich den EU-Pass von der Seite der österreichischen Popsensation herunter. Stefan Gohlisch mit Sänger Maurice Ernst (31) über die beiden neuen Bilderbuch-Alben „Mea Culpa“ und „Vernissage my Heart“, Pop und Politik.

Im Dezember erschien „Mea Culpa“. Jetzt kommt „Vernissage my Heart“ – warum zwei Alben in so kurzer Zeit?

Man muss sich das so vorstellen: Eine Band, die alles selber macht, geht nach langer Zeit des Überlegens in ein Haus in Kroatien, schließt sich dort ein, versucht, sich noch einmal zu reanimieren, und sagt: „Okay, lass uns einfach alles hinter uns lassen. Machen wir Musik, als würden wir das zum ersten Mal zusammen tun.“ Dann kam eine sehr fruchtbare Zeit, in der wir viele Ideen gehabt und auch zugelassen haben, nicht gesagt haben „Das ist zu hart“ oder „Das ist zu elektronisch“. Es ging – großes Wort – um künstlerische Freiheit. Da war schon fühlbar: Ein Album allein kann das nicht werden, denn das driftet auseinander. Wir müssen diesen zwei künsterischen Welten gerecht werden.

Durch zwei Alben?

Ja, wir hätten mit dem Edding drangehen und streichen können. Das Ergebnis wäre nie so stringent gewesen, wie es diese beiden Alben jetzt sind. Oder man sagt: Hey, wir nutzen die modernen Medien, wir nutzen Spotify und nehmen sogar Lieder wie „Aloe Vera“ am Ende von „Mea Culpa“ mit drauf, was eigentlich auf einer Platte, die Pop sein soll, nicht sein darf. Aber wir haben eine dramaturgische Entscheidung getroffen, die uns sehr befriedigt, denn wir konnten zwei Platten zeichnen, die sehr schlüssig sind, weil sie das Album betonen und nicht den reinen Willen zum nächsten Pop-Hit. Wir haben nie bei der Arbeit an eine Single gedacht, was ja fast fahrlässig ist. Aber nur so funktioniert es.

„Mea Culpa“ ist ein eher introspektives Album geworden, „Vernissage my Heart“ ein expressives. Und in der Mitte findet sich jeweils ein Song namens „Memory Card“, der wie ein Zitat des jeweils anderen Albums klingt. Warum?

Das ist ein Schulterschluss. Die Alben sind Zwillinge, weil sie gleichzeitig geboren wurden, aber sie sind nicht eineiig. Dass man in dem einen etwas findet, das auf das andere verweist, finde ich schön und romantisch, weil es die beiden Platten verbrüdert in alle Ewigkeit. Damit man auch in zehn Jahren sagt: „Das ist schon die Bildsprache, in der sich Bilderbuch damals bewegt haben.“

„Mea Culpa“ markiert auch eine Abkehr von der singenden Gitarre, die noch den Vorgänger „Magic Life“ prägte. Was war die Idee dahinter?

Das geschah gar nicht so bewusst. Wenn man seinen Gefühlen folgt, kann es sein, dass eine zurückhaltende Gitarre auch Sinn ergibt. Wie sie ja auch bei „Vernissage my Heart“ gleich am Anfang demonstriert, dass sie lebt und dass sie aus Prinzip dasteht ...

Das Album startet mit einer Gitarre, die klingt wie funky Desert-Rock.

Das ist schon sehr offensiv. Man darf da auch nicht zurückhaltend sein. Nur dann kommt es an. Wenn die Gitarren auf „Mea Culpa“ stärker da wären, würden sie auf „Vernissage ...“ gar nicht so auffallen.

Es sind zwei recht emotionale Alben, aber auch Alben, auf denen es auch um die Zurschaustellung von Gefühlen geht, auch in der Medienwelt; darauf deutet schon die „Vernissage“ im Titel hin. Weil nur in dieser Medienwelt Gefühle heute noch als echt wahrgenommen werden?

Ich habe das immer zum Thema gemacht. Am Anfang war „Digital Tristesse“. Wie geht man damit um? Wann fühle ich wirklich? Wann fühle ich nur statistisch? Das ist etwas, womit sich, denke ich, schon jeder privat beschäftigt.

Aber wenige gehen so weit, dass ein schwarz bleibendes Display zur Metapher existenzieller Not wird.

Aber es funktioniert. Es muss doch eigentlich jeder verstehen. Das hat doch nichts mit Trash oder „Das ist mir zu jung“ zu tun. Das checkt doch jeder. Und genau da müssen wir hin: Man muss so etwas doch besingen, wenn es eine so große Rolle spielt im Leben so vieler Menschen. Genau so baut man sich doch seine Welt zusammen. Und die „Vernissage my Heart“ spielt sich doch schon weniger im Digitalen ab, sondern versucht einen Ausbruch daraus: „Ich fühle nicht, doch heute fühl’ ich“. Dieses Manische, Hin- und Hergerissen-Sein, dieses Naive. Nehmen wir doch mal die Flat-Earth-Society, die glaubt, die Welt sei eine Scheibe. In Wirklichkeit wünschen sich diese Menschen doch einfach nur Freunde, die an das selbe glauben, was sie glauben. Das ist ja nicht inhaltlich, das ist nur gefühlt. Zu diesem Naiven, Gefühlten muss man hin. Zynisch ist das Album mit Sicherheit nicht.

Naiv aber auch nicht. Da gibt es schon eine große Doppelbödigkeit.

Naja, vielleicht ist es nur ein Schild der Naivität.

Sonst wären Zeilen wie In „Frisbeee“ heute doch gar nicht mehr denkbar: „Ihr Busen hüpft, wenn sie den Frisbee catcht, und mir wird wieder klar, was mich glücklich macht ...“

Man muss das schon performen, sonst macht es keinen Sinn.

Interessant, was nicht auf den Alben drauf ist. Die Vorabsingle „Eine Nacht in Manila“ zum Beispiel. Oder „Mr Refrigator“, das Sie noch auf der letzten Tour als Song vom kommenden Album angekündigt haben.

Uns war wichtig, dass wir uns nicht zu sehr aufhalten und sehr direkt vorgehen. Um es mal mit dem Fußball zu vergleichen: Wenn man da ein Tor schießt, muss man den Vorsprung verwalten, und es wird verkrampft. Um wirklich frei aufspielen zu können, braucht man keinen Klotz, der herumsteht, auch wenn die Idee richtig genial ist. Was „Mr Refrigator“ angeht: Wir überlegen, den auf der nächsten Tour wieder zu spielen. Denn uns gefällt die Idee, einen Song auf nichtdigitale Weise zu mystifizieren. Das ist spannend; so viele Leute können sich an diesen Song erinnern. Das ist etwas, das hinausgeht über diese ganz konkrete Welt, etwas Transzendentes. Daran muss man weiterarbeiten.

Um es mit Walter Benjamin zu sagen: an einer Aura im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit?

Genau. Endlich wieder mal etwas Echtes, was die Hardcore-Fans auch spüren, wenn man den Song spielt.

Einen Coup haben Sie gelandet mit „Europa 22“ und der dazugehörigen Kampagne ...

Genau. Die Leute haben ja auch noch in den letzten Wochen gesagt: „Bilderbuch, ihr seid’s ja keine politische Band.“ Ich habe mir immer gedacht, die Leute hören nicht mehr auf das Eigentliche, nämlich die Musik. Selbst „Superfunkypartytime“ ist ein politischer Song oder auch „Magic Life“. Die Menschen lassen nicht mehr zu, dass sie sich von Musik einlullen lassen. Es wirkt so, als sei eine Band nicht politisch, wenn sie nicht bei Facebook 1:1 postet, was die Mitglieder denken. Da denkt man als Künstler: Das kann doch nicht sein. Denkt’s ihr wirklich, dass wir so unreflektiert sind? Ich habe meine Neutralität auch lange gespielt. Denn ich will nicht permanent etwas sagen, von dem eh jeder weiß, dass ich es denke. Wenn ich das mal tue, dann muss es sitzen.

Der „EU Passport“ zum Lied scheint zu sitzen.

Ja, bei „Europa 22“ war das Gefühl da, dass wir jetzt so etwas machen können. Wir geben ja nur etwas her, was ich so romantisch an dieser Idee finde: Wir geben etwas her, und man spielt für den guten Zweck mit dem Narzissmus der Leute – herrlich, oder? Und jetzt ist das auch abgeschlossen. Man kann eine Band nicht nur an ihren Facebook-Meldungen messen. Man muss schon ein bisserl tiefer gehen. Der Song „Europa 22“ ist meiner Ansicht nach ein unprätentiöser politischer Song, ein positiver Song, der einen nicht auf eine Seite zwingt. „Babylon“ von der „Magic Life“ war genauso: ein egalisierender Song.

Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?

Nein, wir haben nicht damit gerechnet, dass die Aktion so krass abgeht; das ist schon arg. Aber: Es heißt ja immer „Ihr als Künstler habt so viel Einfluss; ihr könnt ja sagen, was ihr wollt“. Nein, es kommt auch darauf an, wie man etwas ausdrückt. Das Wie ist viel entscheidender als das Was, gerade in einer Phase, in der alle etwas sagen.

Neues Album: Bilderbuch: „Vernissage My Heart“ (Maschin Records/Universal)

Live: 26. April – Würzburg, Posthalle; 7. April – Stuttgart, Liederhalle; 8. April – Offenbach, Capitol; 11. April – Leipzig, Haus Auensee; 12. April – Hannover, Capitol; 17. April – Hamburg, Theater am Großmarkt; 18. Und 19. April – Berlin, Columbiahalle.

Von Stefan Gohlisch / RND

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