Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Kultur Weltweit Dieter Kosslicks Abschiedsgeschenk: So viele Regisseurinnen wie noch nie
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Dieter Kosslicks Abschiedsgeschenk: So viele Regisseurinnen wie noch nie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:24 30.01.2019
Ausnahmsweise mit weißem Schal: Festivaldirektor Dieter Kosslick. Quelle: Michael Sohn/AP
Berlin

Dieter Kosslick war mal Pressesprecher der Hamburger Frauen-Gleichstellungsstelle. Eine kleine Ewigkeit her ist das, Anfang der Achtziger – also rund zwei Jahrzehnte, bevor er 2001 mit schwarzem Hut und rotem Schal den Berlinale-Teppich zu seinem bevorzugten Arbeitsplatz erkor. Bei seinem letzten Auftritt als Berlinale-Direktor erweist er der Sache der Frauen nun noch einmal einen nicht zu unterschätzenden Dienst: Sieben von 17 Beiträgen im Rennen um den Goldenen Bären 2019 stammen von Frauen.

Wer jetzt einwendet, Frauen seien damit immer noch unterrepräsentiert, hat recht, kennt aber den männerdominierten Kinobetrieb nicht: Bei der Konkurrenz in Venedig tauchte im Vorjahr gerade einmal eine Quoten-Frau auf. Cannes-Chef Thierry Frémaux pflegt achselzuckend zu sagen: Pardon, Frauen hätten nichts Vorzeigbares im Angebot gehabt. Sieben von 17: Das ist rekordverdächtig.

#MeToo-Debatte soll fortgesetzt werden

Gemeldet im Wettbewerb sind beispielsweise die beiden Deutschen Angela Schanelec und Nora Fingscheidt, die Spanierin Isabel Coixet und die Polin Agnieszka Holland. Schon die Eröffnung am 7. Februar übernimmt „eine von vielen guten Bekannten“, so Kosslick: Die Dänin Lone Scherfig („Italienisch für Anfänger“) erzählt in „The Kindness of Strangers“ von Menschen, die sich in einem eiskalten New Yorker Winter näherkommen.

Bei der heutigen Programmvorstellung war sich die Berlinale-Spitze sicher: „Die Zahlen können sich sehen lassen. Aber sie reichen noch nicht.“ Das Festival will Anfang Februar ein Dossier zum Geschlechterverhältnis herausgeben, das sämtliche Professionen bei den insgesamt 400 Filmen genauer unter die Lupe nimmt. Die #MeToo-Debatte werde gewiss fortgesetzt, hoffentlich auch über die Kinobranche hinaus.

Die Deutschen sind gut im Wettbewerb vertreten: Schanelec und die Debütantin Fingscheidt zeigen die Familiendramen „Ich war zuhause, aber“ und „Systemsprenger“. Der Dritte im Bunde ist Fatih Akin mit seinem Thriller „Der Goldene Handschuh“ über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka. Akin arbeitet noch unter Hochdruck an seinem Film. Ob er wieder so gut in Form ist wie 2004 bei seinem Siegerfilm „Gegen die Wand“?

Verheißungsvolles aus deutscher Produktion

Auch in den Nebenreihen gibt es Verheißungsvolles aus deutscher Produktion zu entdecken, allen voran Heinrich Breloers zweiteiliges Dokudrama über Bertolt Brecht oder den Konzertfilm „Weil du nur einmal lebst“ über die Punkband Die Toten Hosen.

Schauspielerin Sandra Hüller („Toni Erdmann“) gehört der internationalen Jury an – gemeinsam mit dem US-Filmkritiker Justin Chang, dem chilenischen Regisseur Sebastián Lelio, der britischen Produzentin Trudie Styler und Rajendra Roy, Filmkurator des Museum of Modern Art in New York. Präsidentin ist die französische Schauspielerin Juliette Binoche.

Christian Bale bringt Starpower nach Berlin

Gewohnt dünn sieht es beim US-Kino aus: Hollywood ist zu Hause längst mit dem Oscar beschäftigt und läuft in Berlin nur außer Konkurrenz. Immerhin: Mit „Vice – der zweite Mann“ ist ein ernstzunehmender Oscar-Kandidat gemeldet. Und was fast noch wichtiger ist: Christian Bale als übergewichtiger US-Vizepräsident Dick Cheney bringt Starpower nach Berlin. Als zweiter US-Beitrag ist die 1972 gefilmte und nun erst fertiggestellte Konzertdoku „Amazing Grace“ über Aretha Franklin im Programm.

Kosslick setzt auf früher schon gepriesene Regisseure aus China: Wang Xiaoshuai („Beijing Bicycle“) ist wieder dabei, dieses Mal mit einem Drama über die problematische Ein-Kind-Politik Chinas, ebenso der inzwischen gern monumental filmende Zhang Yimou (Bären-Sieger vor 41 Jahren mit „Das rote Kornfeld“). Wang Quan’an („Tuyas Hochzeit“) hat ohne Drehbuch in der mongolischen Steppe gedreht.

Besonderer Aufmerksamkeit darf sich der Franzose François Ozon gewiss sein: In „Gelobt sei Gott“ widmet er sich dem Missbrauch in der Katholischen Kirche. Ebenfalls hoch aktuell: das Mafiadrama „La Paranza dei Bambini“ nach dem Roman von Roberto Saviano, in dem es um mörderische Kinderbanden in Neapel geht.

„Schlüsselübergabe“ auf dem roten Teppich

Festivalchef Kosslick will offenbar auch in seinem Abschiedsjahr die harte Wirklichkeit im Wettbewerb abbilden. Gelegentlich blieb dabei in den vergangenen 18 Jahren der künstlerische Anspruch auf der Strecke. Wie es dieses Mal aussieht, wissen wir am 16. Februar. Dann wird das Fell des Bären vergeben.

Und die Stars? Da ist nach Stand der Dinge noch ein wenig Platz auf dem roten Teppich. Catherine Deneuve, Diane Kruger, Tilda Swinton, Ehrenbären-Preisträgerin Charlotte Rampling, Christian Bale, Martin Freeman, Stellan Skarsgård werden neben viel deutscher Prominenz erwartet. Jury-Präsidentin Juliette Binoche ist täglich zu bewundern.

Kosslicks Nachfolger, die Doppelspitze aus Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, zählen ebenfalls zu den Gästen. Kosslick hat gestern ein Treffen auf dem roten Teppich versprochen, „sozusagen als Schlüsselübergabe“.

Von Stefan Stosch / RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit seinen „meisterhaften Kompositionen“ prägte er die Musikszene nachhaltig: Der zweifache Grammy-Preisträger James Ingram ist nun gestorben.

30.01.2019

Ungewöhnliche Fahrgemeinschaft: Ein weißer Chauffeur und ein schwarzer Musiker sind in „Green Book“ (Kinostart: 31. Januar) unterwegs im Süden der USA.

30.01.2019

Lesbische Liebe, mit leichter Hand inszeniert. In Kenia wurde Wanuri Kahius Drama „Rafiki“ allerdings zunächst mit einem Aufführungsverbot belegt.

29.01.2019