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Kultur Weltweit Bayreuth-Premiere: Tobias Kratzers fabelhafte Inszenierung von Wagners „Tannhäuser“
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15:47 26.07.2019
Die „Tannhäuser“-Oper als Roadmovie: Stephen Gould (Tannhäuser) und Elena Zhidkova (Venus). Quelle: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa
Bayreuth

Schwer zu sagen, wohin die Reise geht. Nach dem Drohnenflug über die Wartburg und einige Waldstücke ist die Richtung nicht mehr nachzuvollziehen, mit der der Citroën H mit dem lustigen Völkchen drin zu den Klängen der Ouvertüre über die Landstraßen schaukelt. Valery Gergijew legt den Anfang schlank an und drahtig, entwickelt in den Steigerungen Kraft und Wärme, ohne es mit der Weihe zu übertreiben. Tobias Kratzers Szene, besser: der Film (Manuel Braun) versprüht dazu den Esprit französischen Autorenkinos.

Und so herzhaft gelacht wurde lange nicht mehr bei einer Bayreuth-Premiere, schon gar nicht im recht unkomischen „Tannhäuser“. Doch bald schon wird klar, dass Gergijews Dirigat ein einziges Ärgernis ist. Von einem musikalischen Plan ist weit und breit keine Spur, mit Details hält sich der Festival-Pendler nicht weiter auf, mit der Akustik des Festspielhauses auch nicht. Und weil Gergijew die Sänger so begleitet, wie er es in jedem anderen Opernhaus täte, schlingert dieses Orchester der Besten hinter den Sängern her.

Der „Tannhäuser“ bei den Bayreuth-Festspielen ist Kunst-Guerilla

Das orchestrale Versprechen also löst der neue „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festispielen nicht ein. Die ersten Bilder führen ebenfalls in die Irre: In der ersten Pause noch ist für die allermeisten, die da durchgeschwitzt aus dem Festspiel-Brutkasten ins auch nicht nennenswert kühlere Freie treten, klar: sehr unterhaltsam das, aber doch ein eher dünnes Brett.

Es ist schwer, dieser Kunst-Guerilla nicht zu erliegen: Am Steuer Elena Zhidkova als Venus, die für ihre Visionen von Freiheit und Liebe buchstäblich über Leichen fährt (spätestens da ist klar, dass nichts so witzig ist, wie es scheint). Daneben Stephen Gould als trauriger Clown Tannhäuser, der auf dem Beifahrersitz jenes Wellblech-Citroën, mit dem einst auch Marina Abramovic zum Behufe der Kunst-Revolution übers Land fuhr, sein Glück gefunden hat, aber unzufrieden ist. Unerlöst aus Prinzip – schließlich haben wir es mit einem Wagner-Helden zu tun. Damit der seinen Frieden hat, muss am Ende (mindestens) eine Frau tot sein. Hinten vergnügen sich Manni Laudenbach als Oskar Matzerath samt Blechtrommel auf den Spuren von Grass und Schlöndorff, und die Drag-Ikone Le Gateau Chocolat als Drag-Ikone Le Gateau Chocolat.

„Tannhäuser“ als Roadmovie in Bayreuth

Im ersten Aufzug, der im Bühnenbild und den Kostümen Rainer Sellmaiers als Roadmovie mit Todesfall daherkommt, mit schönen Bildern, ungezählten Zitaten und Anspielungen und Seitenhieben auf Sebastian Baumgartens verunglückten Vorgänger-Tannhäuser, die wohl auch nach einem Dutzend Vorstellungs-Besuchen nicht vollständig zu dechiffrieren sind, lässt sich die Andersartigkeit dieses Quartetts noch als bühnenwirksame Folklore abtun. Und selbst im virtuos mit doppeltem Video-Boden arbeitenden zweiten, wo Venus und ihre Kumpane über den Balkon das Festspielhaus entern, um Tannhäuser aus diesem salbadernden Langweiler-Haufen zu erlösen, muss man ihr Anderssein noch nicht als Makel verstehen, der sie aus der Gesellschaft drängt. Was sie vom Salon-Revoluzzer Tannhäuser unterscheidet.

Doch spätestens im dritten Aufzug, in dem die Ausgegrenzten von ihrer Rom-Wallfahrt zurückkehren, „entsühnt“ im religiösen, beruhigt im gesellschaftlichen Sinne, ist es vorbei mit der Leichtigkeit: Elisabeth ist längst schon Ritzerin, bevor sie sich erfolgreich das Leben nimmt, nicht ohne zuvor mit Wolfram geschlafen zu haben. Tannhäuser kommt als Irrer zurück, Le Gateau Chocolat hat seine Seele an die Werbebranche verkauft – und die Strippenzieher des Wartburg-Kreises müssen nicht einmal mehr vorbeischauen, um ihren Triumph auszukosten. Ein ziemlich deprimierendes politisches Fazit, das Kratzer da aus dieser Oper eines Richard Wagner zieht, der selbst unentschlossen pendelte zwischen der Attitüde des Revolutionärs – und der Sehnsucht dazuzugehören.

„Tannhäuser“: Sensationelles Singen

Tobias Kratzers psychologische und soziale Präzision, seine Fähigkeit in Räumen zu denken wären nichts ohne die schauspielerischen Fähigkeiten aller Beteiligten, die auch der Kamera standhalten, die sich hinter der Bühne immer wieder auf sie richtet, um die Grenzen zwischen den Rollen und den Darstellern, dem Theater und der Welt, denen da vorn und uns vollends zu verwischen. Und weil sie durch die Bank sensationell singen, ist das halbgare Scheindirigat Gergijews zu verschmerzen: Da ist Stephen Gould in der Titelpartie, der Kratzers Einsichten in Musik übersetzt: Eine solche Rom-Erzählung, nervös changierend zwischen den Extremen, den hässlichen Ton im Dienste der Wahrheit nicht scheuend, war auch auf dem Grünen Hügel schon lange nicht mehr zu hören. Goulds Timbre ist kraftvoll, die Höhe sitzt auch am Ende dieser monströsen Partie noch sicher und geschmeidig, das Piano geht unter die Haut – und im Ensemble hat er das Ganze im Ohr. So muss es sein in Bayreuth: Wagner-Gesang als Messe des Möglichen.

Ein Pracht-Mezzo

Das setzt sich bei den Damen fort: Die Elisabeth Lise Davidsens packt den Hörer mit den ersten Tönen der Hallen-Arie bei der Gurgel und lässt bis zu ihrem Ende nicht wieder los. Rund ist diese junge Stimme, voll, warm, satt nach innen glühend. Tonweise vermag Davidsen neue Emotionen, neue Wahrheiten, neue Farben auszubreiten. Bei der Venus Elena Zhidkovas verhält es sich nicht anders. Kurzfristig sprang sie ein – und nichts ist davon zu merken. Ein Pracht-Mezzo: üppig, groß, beweglich, anpassungsfähig.

Beide, Zhidkova und Davidsen sind auf dem Weg nach ganz oben auf dem Olymp des Gesangs. Unterwegs werden sie viele Kolleginnen und Kollegen der Bayreuther Neuproduktion des Jahrgangs 2019 wiedersehen. Denn vom warmherzigen und warmtönenden Wolfgang Markus Eiches, über die Urautorität des Landgrafen Stephen Millings, den Überschwang des mit Daniel Behle luxuriös überbesetzten Walther von der Vogelweide bis hinab zum Hirten Katharina Konradis und Eberhard Friedrichs sensationellem Chor – stimmlich lässt dieser „Tannhäuser“ nichts anbrennen.

Apropos Katharina: Katharina Wagner kommt auch vor. Im Film ruft sie die Polizei, die dann den Wartburg-Saal stürmt, um Tannhäuser festzusetzen. Im wirklichen Leben macht sie als Festivalchefin offenkundig gute Arbeit: Diese Inszenierung ist wieder ein großer Wurf – und auch bei der Sängerauswahl muss man ihr mittlerweile ein goldenes Händchen bescheinigen. Da kann ein Griff ins Dirigenten-Abseits mal vorkommen. Gergijew nimmt verdientermaßen die meisten Buhs mit zur nächsten Mugge. Le Chocolat Gateau bekommt einige heftige mit auf den Weg, aber schon bei ihm überwiegt der Jubel. Bei Zhidkova, Davidsen, Gould steigert er sich bis zur Raserei – und hält das Niveau auch beim Inszenierungsteam. Bayreuth ist auch nicht mehr, was es mal war. Es ist besser.

Vorstellungen: 28. Juli, 13., 17., 21., 265. August; 3sat hat die Eröffnungspremiere mitgeschnitten und sendet sie am Samstag, ab 20.15 Uhr.

Von Peter Korfmacher / RND

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