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Kultur Weltweit 1913, ’26, ’79, ’84 - Von Jahren, die zu Büchern wurden
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16:43 18.09.2019
Kalendarisch sortierte Sachliteratur: Bücher über Jahre liegen im Trend. Quelle: digitalmagus - stock.adobe.com

Haben Sie 1517 schon gelesen? Gut, sicher haben Sie 1517 noch nicht gelesen. 1517 ist immerhin 502 Jahre her. Gutenberg war erst knapp 50 Jahre tot. Damals las praktisch niemand Bücher außer ein paar Mönchen in knittrigen Kartoffelsäcken. Und falls normale Menschen lasen, dann höchstens Beeren auf. Aber Sie könnten "1517" schon gelesen haben, den Sachbuchbestseller von Heinz Schilling im Lutherjahr, derzeit immerhin noch auf Verkaufsrang 8 bei Amazon unter "Türkische Geschichte".

Der Trend geht zum Jahrbuch. Zum Buch also, das eine Jahreszahl im Titel trägt. Nicht mehr lange, und das 20. Jahrhundert ist Jahr für Jahr literarisch lückenlos abgedeckt. Da gibt es die Stars unter den Jahren - mächtige Poser, prall gefüllt mit Weltereignissen von wechselnder Erfreulichkeit: 1939 zum Beispiel (beziehungsweise "1939" von Gerd Schultze-Rhonhof). Oder 1949 (beziehungsweise "1949" von Christian Bommarius). Doch die schillerndsten Stars der Jahr-Bücher sind eher kalendarische Mauerblümchen: Florian Illies, seit "Generation Golf" der deutsche Experte für zeitgeistige Empfindsamkeiten, hat zum Jahr 1913 gleich zwei überraschende Bestseller gelandet. Wer hätte gedacht, dass ein zuvor so stiefmütterlich behandeltes Jährchen wie 1913 nach einer Tiefenrecherche doch noch zu einem Schlüsseljahr voller wundervoller Kulturereignisse werden würde? Gut, es ging dann auch viel um den Schnupfen von Rilke, aber es ist eine faszinierende Collage großer Momente. Ganz wie Franz Grillparzer schrieb: "Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch."

Kalendarisch sortierte Literatur

Oder "1927" von Bill Bryson, dem großen Reise- und Sachbuchschriftsteller mit seinem unvergleichlich bärigen Parlando ("Mit einem zufriedenen Bäucherchen verließ ich das Restaurant und schlenderte weiter durch die Straßen von Bournemouth..."). Überraschend interessant war auch 1956 (beziehungsweise "1956" von Simon Hall) - ein Jahr, das sich bisher nicht groß in der Weltgeschichte hervorgetan hat, außer mit dem ersten Wiener Opernball nach dem Zweiten Weltkrieg, der Unabhängigkeit Tunesiens und der Einführung der Zusatzzahl beim Lotto in Deutschland. Nun ja.

Ein besonderes Cleverle unter den Jahresbuchautoren ist der US-Amerikaner Charles M. Mann. Sein Buch rund um Christoph Kolumbus große Entdeckungsreise nannte er nicht etwa "1492", sondern "1491". Danach schrieb er noch ein zweites und nannte es "1493". Er hat Kolumbus quasi literarisch eingekreist. Als wollte er sagen: 1492? Pff, das kann jeder.

Das Praktische an kalendarisch sortierter Literatur ist ja, dass in jedem Jahr irgendein anderes Jahr genau 50 oder 100 Jahre her ist. Das hört nie auf. Wir feiern allein im Jahr 2019 genau 100 Jahre 1919, 50 Jahre 1969, zehn Jahre 2009 und ein Jahr 2018. Nächstes Jahr wird 1920 100 Jahre alt, 1970 50. Ich selbst bin aktuell mit "1913", "1913 II" und "1927" durch, mit "1984" von George Orwell sowieso, es folgen jetzt "1967" von Sabine Pamperrien und "1979" von Frank Bösch.

"1945 war ein buntes Jahr"

Allein im 20. Jahrhundert sind noch folgende Jahreszahlen gleichzeitig Buchtitel: 1916, 1917, 1919, 1920, 1944, 1968, 1971, 1975 und 1985. Ich stelle mir vor, wie überall in Deutschland hoffnungsfrohe Sachbuchautoren mit dem Zeigefinger blind über Hundertjährigen Kalendern kreisen, um das Jahrhundert vollzumachen.

Nicht mitgezählt sind übrigens jene putzigen Erinnerungs-Geschenkbüchlein für alternde Geburtstagskinder, die schon einige Kerben in der Flinte des Lebens tragen. Eine ganze Nostalgie-Industrie lebt von der Zusammenklöppelung billiger Historienbändchen namens "1938: Ein ganz besonderer Jahrgang" oder "1944 - Der beste Jahrgang". Darin heißt es tatsächlich: "Mit hübschen Fotos und amüsanten Geschichten werden die Erinnerungen wieder zum Leben erweckt." Natürlich ist es nicht leicht, hübsche Fotos und amüsante Geschichten rund um die Landung der Alliierten in der Normandie 1944 zu finden. Aber immerhin ist 1944 ja auch das Jahr von Heinz Rühmanns "Feuerzangenbowle".

Das erinnert mich an eine Geburtstagspostkarte, die ich vor Jahren in einem Schreibwarenladen sah. Die Aufschrift: "1945 war ein buntes Jahr". Im Innenteil der Karte, angereichert mit tanzenden und singenden Kinderlein, steht auch gleich, warum 1945 ein so buntes Jahr war: "13. 2.: Dresden ist Ziel eines alliierten Bombenangriffs. Die Zahl der Opfer liegt zwischen 60 000 und 245 000." Und noch mehr Buntes aus dem Jahr 1945: "Erst der Einsatz der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, dem weit über 100 000 Menschen zum Opfer fielen, und die Kriegserklärung der Sowjetunion an Japan erzwingen die Beendigung des Krieges in Asien." Ja, es war wahrlich ein buntes Jahr, dieses 1945.

Korrektur: In einer früheren Version des Textes haben wir die Schlacht von Stalingrad versehentlich in das Jahr 1944 verlegt. Sie endete jedoch 1943.

Von Imre Grimm/RND

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