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Digital Selbstversuch: „Was Netflix alles über uns weiß, ist verstörend“
Nachrichten Digital Selbstversuch: „Was Netflix alles über uns weiß, ist verstörend“
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15:55 08.05.2019
Fleißiger Datensammler: Netflix weiß mehr über seine Nutzer, als die für möglich halten. Quelle: imago/imagebroker
Berlin

Zu Beginn ihres Vortrags auf der Digitalmesse re:publica in Berlin stellt Katharina Nocun einige Fragen: „Wie viele von euch nutzen Online-Streamingdienste?“ Eigentlich alle Hände gehen nach oben. „Wer hat einen Netflix-Account?“, „Wer schaut mindestens einmal pro Woche Netflix?“, „Wer macht binge-watching?“ Auch nach diesen Fragen sind noch sehr, sehr viele Hände oben. „Dieser Vortrag könnte einen Auswirkungen darauf haben, wie ihr diesen Service in der Zukunft nutzt“, warnt Nocun.

Die Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin hat das gemacht, was spätestens seit der DSGVO jeder Europäer zusteht: Sie hat eine E-Mail an privacy@netflix.com geschrieben und das Unternehmen gefragt, welche Daten es über sie gespeichert hat – und das mehrfach.

Ein Abbild ihrer Gewohnheiten

Nach ihrer ersten Anfrage erhielt Nocun ein Dokument. Darin: Eine Liste aller Videos, die sie ganz – oder zum Teil – gesehen hatte, wann sie sie geschaut hatte und mit welchem Gerät. Außerdem in der Liste: Ihre Video-Bewertungen, nach welchen Serien und Filmen sie gesucht oder auch mit welchen Netflix-Newslettern sie interagiert hatte. Mithilfe dieser Daten, erzählt Nocun, konnte sie schon viel über sich und ihre Gewohnheiten herausfinden. Zum Beispiel: Was sind ihre Präferenzen – Filme, Serien, Dokus? In welchen Wochen und zu welcher Tageszeit schaute sie besonders viel Netflix? Netflix speicherte außerdem alle IP-Adressen, die mit ihrem Account verbunden waren. So wusste das Unternehmen etwa, dass sie an einem Tag in Berlin und an einem anderen bei ihren Eltern Netflix geschaut hatte.

„Jeder Klick war gemeldet“

Doch Nocun hatte das Gefühl, dass die erste Antwort von Netflix nicht vollständig war. In einer zweiten E-Mail fragte sie deshalb spezifisch nach ihrem „clickstream“, quasi ihrem Bewegungspfad auf dem Portal. Als Antwort erhielt sie 200 Seiten eines ausführlichen Protokolls. „Jeder Klick war gemeldet.“ Auf diese Weise konnte sie beispielsweise haargenau die sieben Minuten nachvollziehen, die es sie an einem bestimmten Tag gekostet hatte, eine Entscheidung zu treffen – welche Trailer oder Serien sie zunächst abgebrochen hatte, welche Videobeschreibung sie gesehen, wonach sie gesucht hatte.

„Man sieht die Art der Sex-Szenen “

Außerdem für Netflix – und nun Nocun – genau nachvollziehbar: Wann sie ein Video pausiert hatte oder wann sie vor- oder zurückgesprungen war. Mithilfe der Datensammlung, erzählt Nocun, sei es sogar möglich gewesen, zu erkennen, dass sie sich in der zweiten Staffel von „13 reasons why“ vor allem für die Geschichte eines einzelnen Charakters interessiert habe. „An dem Punkt habe ich angefangen, mich wirklich unwohl zu fühlen.“

Denn wie oft jemand beispielsweise gewalttätige Szenen überspringe – oder mehrfach anschaue – das verrate etwas über diese Person. „Auf Grundlage dieser Daten kann man auch sehen, wer sich welche Art von Sex-Szenen anschaut. Ich nehme an, dass die meisten Menschen es bevorzugen würden, dass solche Art von Daten über sie nicht gespeichert werden.“

Soll der Protagonist seinen Vater umbringen?

Nocun begann, ihr eigenes Verhalten zu verändern: Sollte sie während einer Dokumentation wirklich an dem Punkt pausieren und auf’s Klo gehen, an dem ein halb nacktes Kind zu sehen war? Schließlich würde das ja einen Datenpunkt erzeugen. Welche Schlüsse könnte Netflix’Algorithmus dann daraus ziehen?

Diese Frage stellt sich gerade auch bei der interaktiven Black-Mirror-Folge „Bandersnatch“. Bei „Bandersnatch“ können die Zuschauer selbst entscheiden, was der Protagonist tut. Das sind anfangs banale Dinge wie: Welche Frühstücksflocken soll er essen? Steigert sich aber bis hin zu Fragen wie: Soll der Protagonist seinen Vater umbringen?

Wer welche Videos guckt, verrät viel über Psyche

Wie Nocun nach einer dritten Anfrage an Netflix herausfand, hatte der Streaming-Dienst alle ihre Entscheidungen vermerkt – was „verstörend“ gewesen sei. Denn: „Diese interaktive Filme zeigen, wie wir uns verhalten, wenn wir einen Charakter spielen“, sagt Nocun. Diese Daten könnten dann genutzt werden, um psychologische Profile von Menschen zu erstellen. „Das sind wirklich sensible Daten“ – bei denen man darüber diskutieren sollte, ob sie überhaupt gespeichert werden dürfen.“ Nocun sagt, sie fühle sich unwohl bei dem Gedanken, eine solche Datenspur zu hinterlassen, ohne zu wissen, ob sie jemals gelöscht werde.

Wie und welche Videos jemand sieht, kann also viel über dessen Geisteszustand verraten. „Ich will nicht, dass anhand meines Clickstreams über mich geurteilt wird“, sagt Nocun, „aber das passiert derzeit.“ Sie findet das unangemessen, gerade, weil sie für den Netflix-Dienst zahlt. Also: Nutzerdaten ja, aber nur, um den eigenen Service zu verbessern – „und dafür reicht ein anonymes Datenset“. Nocuns Forderungen an Netflix und andere Streamingdienste lauten: klare Privatsphäre-Regeln wie etwa ein Zeitlimit für die Datenspeicherung, eine Anonymisierung der Daten und die Option für Nutzer, ihre Daten zu löschen.

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Von Anna Schughart/RND

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