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10:56 29.07.2019
Zu Zeiten von Windows 95 war das Internet eine anderes als heute. Quelle: picture alliance / imageBROKER
Hannover

Goldfische trudeln träge durch ein Aquarium. Laut ist sprudelndes Wasser zu hören. Passiert hier noch was? Nein, das Video „MVI 9360“ endet ereignislos nach etwas über einer Minute. Es wird schnell abgelöst von einer Schlittenhundefahrt aus der Egoperspektive. Dann folgen zwei gelangweilte Teenagerinnen, die augenscheinlich im Korridor einer US-Highschool stehen und ein Chemiereferat in die Handykamera nuscheln.

Zu sehen sind die Videos auf der Website defaultfile.name, einem Webkunstprojekt. Gezeigt werden ausschließlich obskure Youtube-Videos, die unter normalen Umständen kaum zu finden wären. Das klingt abwegig, aber die Seite hat einen Nerv getroffen, das Publikum ist groß. Und die Idee hatten auch andere. Mehrere Seiten mit klingenden Namen wie Youhole und Randomly Inspired zeigen ebenfalls möglichst unbekannte Videos.

Das Versprechen des Internets

Warum schauen Menschen solche Videos? Ganz einfach: Weil sie sich an das Youtube von früher erinnern wollen. Das – mittlerweile legendäre – erste Youtube-Video überhaupt dauerte 18 Sekunden. Es zeigte den Mitgründer der Plattform Jawed Karim, wie er in einem Zoo steht und feststellt, dass Elefanten wirklich lange Rüssel haben. Eine Pointe wird nicht geliefert. In diesem Ton ging es auf der Plattform lange Zeit weiter. Bevor junge Youtuber sich selbst vermarkteten, drehten unbedarfte Menschen mit Kamera und Internetanschluss einfach drauflos. Die Website war ein Fenster in die Welt, und nicht in die Wohnzimmer professionell gut gelaunter Influencer.

„Globales Dorf“ wich Shitstorms

Es war auch das Urversprechen des Internets: Der Philosoph Marshall McLuhan hatte schon in den 1960ern festgestellt, die Welt verwandle sich dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten in ein „globales Dorf“. Auf Youtube zeigte die neue Nachbarschaft ihre Heimvideos. Dass die Begegnungen oft sehr oberflächlich blieben, störte nicht gleich. Denn das globale Dorf war ja unüberschaubar groß, und die Stimmung war optimistisch. Hier wurde eine utopische Zukunft der Gesellschaft ausgehandelt; alles schien möglich.

Heute erinnern sich Menschen wehmütig an diese Zeit. Die Überraschung, das Zufällige ist einem sehr kontrollierten Internet gewichen. Großkonzerne wie Amazon, Google und Facebook prägen unsere Wahrnehmung des Netzes. Anfangs bemühten sich Nutzer um ziviles Verhalten; das Wort Netiquette wurde 2000 in den Duden aufgenommen. Heute beschimpfen sich die Menschen auf Twitter. Das Wort Shitstorm schaffte es 2013 in das Nachschlagewerk. Die naive, idealistische Onlinekultur ist einem zynischen Kampf um Aufmerksamkeit gewichen.

Es gibt also Gründe für die Sehnsucht nach dem guten alten Internet. Aber natürlich sind die Onlinepioniere von früher auch nostalgisch. Mit dem Internet ist es wie mit Playmobil-Piratenschiffen oder dem abendlichen Sandmännchen-Ritual. Die gemeinsame Erinnerung an vergangene Zeiten verbindet uns.

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Ein vergilbtes Fotoalbum

Wer sehen will, wie es früher war, der landet beim größten Onlinemuseum – dem Internet Archive. Auch die Vorläufer der sozialen Netzwerke sind im Internet Archive gespeichert und lassen sich durchsuchen. Weit verbreitet waren Profilseiten bei Onlinecommunities wie Geocities oder Myspace. Aber die einstmals quirligen Foren sind erstarrt, so lebendig wie ein vergilbtes Fotoalbum. Wir können die Erinnerungen nur anschauen. Aber toll am frühen Netz war nicht das Aussehen, sondern die neuen Möglichkeiten, die es erschloss.

Damals war das Internet spürbar eine andere Welt als unsere, getrennt von einer technischen Barriere. Das Internet zu betreten erforderte umständliche Rituale, das mehrminütige Hochfahren eines teuren Computers, das geduldige Starren auf einen flimmernden Röhrenmonitor. Heute tragen wir das Internet auf dem Smartphone mit uns herum. Das Netz ist ein Teil unserer erweiterten Realität. Und damit haben wir eine Parallelwelt verloren. Wir können sie nie wieder erreichen, und wahrscheinlich glorifizieren wir sie so, wie das mit Erinnerungen immer passiert.

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Hypnospace Outlaw“ macht Retro-Träume wahr

Mit diesem schwierigen Verhältnis beschäftigt sich das viel gelobte ComputerspielHypnospace Outlaw“. Es sieht zuerst gar nicht aus wie ein Spiel, sondern wie eine komplette Benutzeroberfläche eines Computers aus den Neunziger Jahren. Die offensichtliche Vorlage des Spiels sind Internetgemeinschaften wie Geocities, wo Menschen sich mit ersten eigenen Websites entfalteten und Gleichgesinnte fanden. Die Spieler fahren also den gespielten Rechner hoch, rufen uralte E-Mail-Programme und Internetbrowser auf und surfen als eine Art Sittenpolizei durch eine fiktive Community.

Aber etwas stimmt mit der Vergangenheit nicht. Auf dem Bildschirm erscheint eine alternative Realität. Statt des bekannten Internets besuchen die Spieler den „Hypnospace“. In diesem falschen Internet ist auch die Realität eine andere, die Menschen hören eine Musikrichtung namens „Freezepunk“ und spielen „Trennis“, einen Tennisverschnitt für drei Spieler.

Hypnospace Outlaw“ ist witzig – nicht nur, weil das menschliche Geplänkel darin gut geschrieben ist, sondern auch, weil es unsere Erinnerung originell verfremdet. Aber die Anmutung des Internets von früher und die Art, wie Menschen sich begegnet sind, die ist genau getroffen.

Künstler untersuchen Nostalgie

Auf diese Weise kann die Erinnerung ein Anlass für neue Kreativität sein. Künstler können die Bedeutung hinter der Nostalgie untersuchen – und weiterdenken. Everest Pipkin, die Künstlerperson hinter „Default-file.name“ will beispielsweise ganz bewusst neue Videos zeigen und keine alten. Sie freut sich über den besonderen „Vibe“, den die Zusammenstellung habe. Zwischen Pipkins Zusammenstellung und dem Youtube von früher gibt es einen spürbaren Unterschied: Damals waren es technische Vorreiter, die ihre naiven ersten Videos hochluden. Heute sind dagegen fast alle online. Die Seite ist ein echtes Fenster zur Welt.

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