Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Aktuelles Klinikärzte leiden unter hoher Belastung
Mehr Studium & Beruf Aktuelles Klinikärzte leiden unter hoher Belastung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:57 24.01.2020
Da viele Krankenhäuser sich vorrangig als Wirtschaftsunternehmen verstehen, müssen Ärzte immer mehr Patienten versorgen. Damit steigt auch die Arbeitsdichte. Quelle: Oliver Berg/dpa
Anzeige
Stuttgart

In manchen Wochen kommt Johannes Wetzel noch nicht einmal mit der gesetzlichen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden hin. Wenn man das Arbeitspensum in der Klinik erfüllen wolle, müsse man nach der Schicht oftmals länger bleiben, sagt der Mediziner, der seinen richtigen Namen und auch seinen Arbeitsplatz in Baden-Württemberg lieber nicht nennen möchte.

Teilweise bauten die Dienstpläne sogar schon auf Überstunden auf. "Die Situation ist über alle Berufsgruppen prekär, muss man sagen. Wir haben viele freie Stellen, die nicht nachbesetzt werden können. Das führt zu einer sehr angespannten Situation."

Anzeige

Starke Arbeitsverdichtung

Gleichzeitig sei der ökonomische Druck in den Krankenhäusern sehr groß. "Das ist ja nichts Neues", sagt Wetzel. Die Patienten blieben im Schnitt immer kürzer stationär in der Klinik, was insgesamt zu mehr Patienten führe. Und das wiederum verändere und verdichte die Arbeit der Ärzte. "Das ist über die letzten zehn Jahre stark zu beobachten gewesen."

Geschichten wie die von Wetzel, der auf fast 30 Jahre Berufserfahrung zurückblickt, kennt auch Michael Beck vom Marburger Bund. Viele Ärzte - gerade auch ältere - flüchteten sich in die Teilzeit, um Belastungen zu reduzieren, sagt der Sprecher des Berufsverbands in Baden-Württemberg. "Und wir haben auch den Trend, dass viele Ärzte in fachfremde Berufe wechseln - zum Beispiel in Unternehmensberatungen. Dementsprechend wird der Bestand an Ärzten verknappt."

6500 angestellte Ärzte befragt

Alarm-Signale sendet auch der Marburger Bund. In einer neuen Umfrage für die Ärztegewerkschaft gaben fast 60 Prozent der Klinikärzte an, oft oder sogar ständig überlastet zu sein. Und ebenfalls 60 Prozent sagten, drei Stunden am Tag oder noch mehr mit Verwaltungsaufgaben zu tun zu haben. "Es ist schlichtweg ein Skandal, wie viel Arbeitskraft und Arbeitszeit mit Datenerfassung und Dokumentation vergeudet wird", sagt Verbandschefin Susanne Johna. "Bürokratie gefährdet die Versorgung", warnt auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Ziel müsse sein, den Aufwand dafür um die Hälfte herunterzubekommen.

Jeder zehnte geht demnach sogar ständig über seine Grenzen hinaus. Drei Viertel (74 Prozent) sehen sich wegen der Arbeitszeitgestaltung in der eigenen Gesundheit beeinträchtigt, etwa mit Schlafstörungen oder häufiger Müdigkeit. Für die Studie beteiligten sich im September und Oktober 2019 rund 6500 angestellte Ärzte an einer Online-Befragung.

Ein Medizinstudienplatz koste eine Menge Geld, sagt Beck. "Die öffentliche Hand müsste sich überlegen: Wollen wir es, dass Ärzte aufgrund der Belastung krank werden oder aus dem Beruf ausscheiden? Man könnte viel kompensieren, wenn man den Arztberuf durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen attraktiver macht."

Kontrolle der Arbeitszeit

Der Marburger Bund hat eine Kampagne ins Leben gerufen, die eine konsequente Kontrolle der Arbeitszeit fordert. Denn Fehler, die auf Übermüdung oder Überlastung von Ärzten zurückzuführen seien, könnten die Patienten direkt betreffen und im Zweifel fatale Folgen nach sich ziehen.

In Wetzels Krankenhaus wird die Arbeitszeit zwar erfasst, und Überstunden werden ausgeglichen oder ausbezahlt. Aber nicht jeder ist damit zufrieden: Viele Kollegen wollen, wie der Facharzt berichtet, eine geregelte Arbeitszeit und nicht viele Wochen lang Überstunden zu ungünstigen Zeiten - nachts und an Wochenenden - ansammeln. "Sie wollen nicht mehr 48 Stunden arbeiten, aber sie müssen es, weil sonst die Dienste nicht adäquat besetzt werden können."

Erfassungssysteme könnten auch ausgetrickst werden, sagt Beck. "Was mir oft begegnet: Dass Druck ausgeübt wird, dass die Leute ausstempeln."

dpa