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Gesundheit Warum wir mehr Mut zur Langsamkeit brauchen
Mehr Gesundheit Warum wir mehr Mut zur Langsamkeit brauchen
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17:03 05.09.2019
Laufen bis zum Umfallen: Viele Menschen fühlen sich wie in einem Hamsterrad gefangen. Quelle: iStock
Hamburg

"Ich kann nicht mehr!“, stöhnte die Vorstandsassistentin, senkte ihre Stirn auf den Tisch und umschloss ihren Kopf mit den Armen. Es sah aus wie eine Flucht nach innen. Seit Jahren hetzte die 51-Jährige durch ihr Leben. Im Büro peitschte sie Aufgaben im Akkord durch, und nach Feierabend ging der Stress weiter: Schnell die Kinder abholen, schnell den Haushalt machen, schnell noch joggen, die privaten Netzwerke pflegen, das Ehrenamt im Verein ausüben und den nächsten Traumurlaub organisieren. „Ich möchte wieder mein eigenes Tempo finden“, definierte die erschöpfte Frau als Ziel der Beratung.

Wie schalte ich ab?

Immer mehr Menschen fühlen sich ausgebrannt, und das hat Gründe. Zum einen leben wir in einem Rhythmus, der nicht mehr bestimmt wird von Spannung und Entspannung, sondern von Spannung und Spannung. Dass dem Arbeitstag die erholsame Nacht folgte (in der vor Erfindung des künstlichen Lichts kaum gearbeitet werden konnte), dem arbeitsreichen Sommer der arbeitsarme Winter, der anstrengenden Ernte das ausgelassene Erntefest: Solche Bräuche hat der Strom der Zeit gnadenlos weggespült. Wer eine Aufgabe bewältigt hat, vor dem türmt sich schon die nächste auf – und zwar noch höher. Er sehnt sich danach, einmal „abzuschalten“. Dieser Begriff stammt nicht zufällig aus der Maschinensprache. Doch Menschen verfügen über keine Ausknöpfe. Die Arbeit läuft immer weiter, im Kopf.

Wir leben in einem Rhythmus, der nicht mehr bestimmt wird von Spannung und Entspannung, sondern von Spannung und Spannung.

Der zweite Grund für die Erschöpfung: Alles verkommt zum Wettbewerb, der verbissen betrieben wird, im Job und privat. Wir rennen, ohne zu ruhen. Wir schuften, ohne zu schlafen. Wir powern, ohne zu pausieren. Aber die kostbarste Zeit eines Lebens ist keine Um-zu-Zeit, wie es der Philosoph Martin Heidegger nannte, sondern eine Nicht-zu-Zeit – das meint eine Zeit, die nicht mit Aktivität gefüllt und nicht durch Nutzung zum Nutzungsgegenstand gemacht wird.

Leben als Leistungskurs

Das Leben ist zum Leistungskurs geworden, zu einem Kampf gegen die eigene Trägheit, gegen Schwäche, gegen Müßiggang. Es geht nicht mehr darum, gut zu sein, sondern: besser! Es geht ums Posieren, um die Anerkennung von außen, die mit der inneren Anerkennung verwechselt wird.

Es geht ums Posieren, um die Anerkennung von außen, die mit der inneren Anerkennung verwechselt wird.

Eltern kämpfen darum, ideale Eltern für ihre Kinder zu sein – bloß keine Fehler machen. Schüler kämpfen darum, ideale Schüler für ihre Lehrer zu sein – bloß keine Fehler machen! Wer joggt, läuft seiner Traumfigur entgegen, mindestens Marathondistanz. Wer baut, baut sein Traumhaus, mindestens so groß wie das des Nachbarn.

Und wer in den Spiegel schaut, schaut mit den Augen der anderen: mit den Augen seines Chefs, seines Nachbarn, seines Lehrers. Die eigenen Augen zählen nicht mehr, die Maßstäbe kommen von außen. Der moderne Mensch ist ein „animal laborans“, ein Arbeitstier: immer im Dienst einer Sache, nie im Dienst seiner selbst.

Reinhängen bis zum Umfallen

Eine groteske Situation ist eingetreten: Dass Menschen mehr Freiheit als früher haben, dass sie zum Beispiel ihre Arbeitszeit selbst gestalten können, führt zu einer großen Unfreiheit. Wer von seinem Chef die Verantwortung für ein Projekt übertragen bekommt, dem ist sofort klar: „Auch das Scheitern ginge auf meine Kappe!“ Also hängt er sich rein bis zum Umfallen. Und in Firmen, in denen Mitarbeitende ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen können, gehen sie nicht früher, sondern später nach Hause – keiner will sich nachsagen lassen, seine Freiheit zu missbrauchen. Die Ausbeutung der vorindustriellen Zeit ist einer subtileren Form gewichen: der Selbstausbeutung.

Dabei entstehen große Gedanken und Taten nicht beim Rennen, sondern beim Innehalten. Wer entspannt, wer schläft und träumt, dessen Gedanken können ausschweifen auf neue Wege. Wer dagegen mit Hochgeschwindigkeit durchs eigene Leben rast, voll konzentriert, voll ausgelastet, voll eingespannt, der ist so sehr damit beschäftigt, seinen Lebenswagen auf der Straße zu halten, dass er alle Abzweigungen übersieht. Und erst recht die schönen Anblicke am Wegesrand.

Die kleinen Dinge, wie die Schnecke am Wegesrand, schätzen

Mut zur Langsamkeit

Den Terminkalender abspecken

„Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei“ – diesen Satz des britischen Autors und Essayisten George Orwell, bekannt durch den Roman „1984“, klebte sich die Vorstandsassistentin über ihren Spiegel. Sie schloss einen Selbstvertrag. Das bedeutete: Die Frau zwang sich zum pünktlichen Feierabend, richtete sich täglich eine meditative Nicht-zu-Zeit ein und speckte ihren privaten Terminkalender ab. Die ersten Wochen fiel sie immer wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurück, vor allem bei der Arbeit. Das reflektierte sie in einem Entschleunigungstagebuch. Daraus zog sie Lehren für den nächsten Tag und wurde allmählich konsequenter darin, ihre Ziele umzusetzen.

Über zwei Monate dauerte es, bis die Vorstandsassistentin in der Beratung erzählte: „Gestern Abend hatte ich ein tolles Erlebnis. Ich saß auf dem Balkon und habe etwas getan, das ich gar nicht mehr kannte: nichts.“ Das Lächeln in ihrem Gesicht verriet, dass sie ihr eigenes Tempo wieder gefunden hatte.

Martin Wehrle ist Karrierecoach und Bestsellerautor, sein aktuelles Buch: „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch – Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt“ (Mosaik, 2018).

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Unser Kolumnist Martin Wehrle ist führender Coaching-Fachautor (unter anderem von „Die Coaching-Schatzkiste“) und bildet seit 2007 Karrierecoaches an seiner Karriereberater-Akademie in Hamburg aus, oft Führungskräfte, Personaler und Trainer. Zum Abschluss der Ausbildung beraten diese Teilnehmer je einen Klienten unter Supervision, unter anderem durch Martin Wehrle.

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Von Martin Wehrle/RND

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