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Stadtpolitik Wie junge Leute die Politik in Dresden aufmischen
Dresden Stadtpolitik Wie junge Leute die Politik in Dresden aufmischen
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10:23 15.01.2019
Die 24-jährige Caroline Lentz ist erst vor einem Jahr bei den Linken eingetreten. Im Mai stellt sie sich zur Wahl für den Dresdner Stadtrat.
Die 24-jährige Caroline Lentz ist erst vor einem Jahr bei den Linken eingetreten. Im Mai stellt sie sich zur Wahl für den Dresdner Stadtrat. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

Meckern und jammern, so sagt Caroline Lentz, sei für sie nie eine Alternative gewesen. Die junge Frau sagt diesen Satz sehr be­wusst. Denn darin steckt auch die Erklärung, warum sie noch am Abend der jüngsten Bundestagswahl, als die Alternative für Deutschland in Sachsen triumphierte, ei­nen Antrag auf die Mitgliedschaft bei den Linken ausfüllte. Nicht länger nur zusehen, sondern mitmachen. Eine Ansicht, die offenkundig im­­mer mehr Menschen teilen. Die allermeisten der Parteien in Dresden ha­ben in den vergangenen Monaten deutliche Mit­gliederzuwächse zu verzeichnen – da­run­ter auffallend viele junge Leute.

Ein parteiübergreifender Trend

Es ist noch gar nicht lange her, da galt die Linkspartei nicht nur in Dresden praktisch als Rentnerpartei, als hoffnungslos überaltert. Die Zahl der Mitglieder sank stetig – weil viele Genossen schlichtweg wegstarben und nicht genug neue Mitstreiter eintraten. Noch vor zehn Jahren hatte der Dresdner Stadtverband 1447 Mitglieder. Heute sind es noch 1141, deutlich weniger. Aber: Nach Jahren des frei­en Falls steigt die Mitgliederzahl seit ge­raumer Zeit wieder, und das deutlich.

Allein seit Beginn des vergangenen Jahres hat die Dresdner Linke 65 neue Mitglieder hinzugewonnen. Dem stehen zwar 27 Austritte gegenüber – die meisten aufgrund von Alter und Gesundheit. In der Summe gibt es dennoch ein deutliches Plus, wie be­reits 2017, als die Partei im Saldo um 62 Mitglieder zulegte. Und: Bei den 2018 neu aufgenommen Mit­glie­dern ist die Häl­fte nicht älter als 25 Jahre.

CDU

SPD

Grüne

FDP

Linke

aktuell

1106

1090

530

393

1189

Ende 2017

1119

969

436

362

1141

Ende 2016

1132

824

405

302

1079

Ende 2008

1255

597

263

k.A.

1447

Quelle: Angaben der Parteien

Dahinter steckt ein Trend, der sich so nicht nur bei der Linkspartei ablesen lässt. Die Dresdner FDP hat 393 Mitglieder, 31 mehr als noch Anfang 2018. Die Grünen bringen es auf 530 Mitglieder, gewannen im gleichen Zeitraum damit knapp 100 Mitstreiter hinzu. Die Sozialdemokraten verweisen auf etwa 1090 Genossen – Ende 2017 waren es noch 969. Und auch bei der CDU standen bis Dezember 2018 69 Eintritte den 66 Austritten gegenüber. Dass die Gesamtzahl trotzdem von 1119 auf 1106 sank, liegt an den altersbedingten Todesfällen. Keine Angaben zu den Mitgliederzahlen machte der AfD-Stadtverband: Die E-Mail-Anfrage blieb unbeantwortet.

„Ich war positiv überrascht, wie viel sich bewegen lässt.“

Auch bei FDP, Grünen und CDU fällt auf, dass der Anteil der 25-Jährigen bei den Neueintritten von jeweils etwa einem Viertel sehr hoch ist. Die SPD verweist so­gar auf eine Quote von zwei Dritteln, ge­messen allerdings an der Alterspanne bis 35 Jahre. Die Zahlen zeigen: Viele junge Menschen wollen sich entgegen der noch im­mer weitläufig verbreiteten An­­nahme einer Parteinverdrossenheit des Nachwuchses politisch engagieren – und zwar dort, wo es die repräsentative Demokratie allen voran vorsieht: in einer Partei.

Für Caroline Lentz war das starke Ab­schneiden der AfD die Initialzündung – al­­lerdings nicht der einzige Grund. „Ich wa­r zuvor schon im Vorstand des Landesschülerrats in Mecklenburg-Vorpommern ak­tiv und hatte schon länger überlegt, in ei­ne Par­tei einzutreten“, sagt die 24-Jährige, die zum Studium aus Ribnitz-Damgarten nach Dresden kam. Die so­ziale Fra­ge ist für sie ein zentrales Thema, sie entschied sich schließlich für die Linkspartei. Sie hatte Anteil an der Reaktivierung der Hochschulgruppe, ar­beitete sich in viele wichtige Themen der Kommunalpolitik ein. Es macht Spaß, mitzureden, sagt sie: „Ich war positiv überrascht, wie viel sich bewegen lässt.“

Linke und Grüne verweisen bei den Mitgliederzuwächsen alle voran auf weltweite Entwicklungen. Die Sorgen um den Rechtspo­pulismus, Nationalismus und das Klima werden genannt. Aber nicht nur. „Viele Neumitglieder sind dann auch motiviert, sich für ihr persönliches Le­­bensumfeld zu engagieren“, wie Klemens Schneider, Kreisvorstandssprecher der Grünen sagt, und der dabei auf Erfahrungen bei der Abklärung der Kandidaturen für die Kommunalwahl verweist.

Nicht nur einfach sein Kreuzchen machen

Doch es profitiert keineswegs nur das linke Lager. Bei der CDU sieht Stadtverbandssprecher Johannes Preißiger vor al­lem die Junge Union, den Nachwuchs der Christdemokraten, als Motor, der mit vielen Veranstaltungen junge Leute anzusprechen vermag. Die Partei verjüngt sich, aktuell liegt das Durchschnittsalter bei 53,8 Jahren. Vor zehn Jahren lag es noch bei fast 62 Jahren. Noch deutlich jünger ist derweil die Mitgliedschaft der Liberalen. Kreisgeschäftsführer Hendrik Dietrich hat ein Durchschnittsalter von 45 Jahren ausgerechnet.

Einen entsprechenden Anteil an diesem Wert bei den Liberalen hat Fritz Gnörich. Der 21-Jährige ist 2017 der FDP beigetreten. Bei der Bundestagswahl 2017 durfte der Dresdner erstmals mit über das Parlament in Berlin bestimmen. Doch er wollte eben nicht nur einfach ein Kreuzchen ma­chen, wie der Wirtschaftswissenschaftsstudent erklärt. Das In­teresse an Politik habe schon länger be­standen, der Liberalismus und die FDP bo­ten die meisten Schnittmengen.

Die Erfolge der AfD waren für ihn kein konkreter Anlass – die politische Zerrissenheit im Land aber durchaus Ansporn. „Ich liebe es, zu diskutieren“, sagt Fritz Gnörich. An den Infoständen im Wahlkampf sei er mit vielen Menschen ins Ge­spräch gekommen, konnte dort mit ihnen über Themen und Hintergründe re­den.

Im Parteinachwuchs „Julia“ hat es Fritz Gnörich bereits in den Landesvorstand ge­schafft. Ein Mandat im Stadtrat oder in einem höheren Gremium steht für ihn noch nicht zur Debatte – ist später für den 21-Jährigen aber durchaus vorstellbar. Caroline Lentz ist schon einen Schritt weiter. Die Studentin tritt im Mai für die Linken zur Stadtratswahl an – als Spitzenkandidatin im Wahlkreis II. Der Wahlkreis umfasst die Al­bertstadt, die Neustadt und die Radeberger Vorstadt und gilt als eine Hochburg der Linken.

Von Sebastian Kositz